Support Student Journalism!
Du liest gerade
“Ich bin hier, um Ihnen die Laune zu verderben” – Veronika Kracher über Phänomen der “Incels”

“Ich bin hier, um Ihnen die Laune zu verderben” – Veronika Kracher über Phänomen der “Incels”

Avatar-Foto
  • Im Rahmen der Reihe ETA fragt… stellt die Journalistin, Soziologin und Autorin Veronika Kracher ihr Buch “Incels - Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults” im ETA Hoffmann Theater in Bamberg vor und beschert dem Publikum damit nicht nur schlechte Laune.
Ein Portraitfoto von Veronika Kracher, ihr Kinn ist auf die Hand gestützt

Dunkelheit durchdringt den Raum. Bühne, Stühle und Vorhang sind schwarz. Nur ein Scheinwerfer ist auf Kracher gerichtet, die mit ihrer lila Strumpfhose aus der Finsternis heraussticht. In den nächsten zwei Stunden entführt sie die Zuschauer*innen mit viel Witz und Ironie, aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit in eine deprimierende und widersprüchliche Welt: die Subkultur der Incels.

Incels: Was ist das überhaupt?

Incels sind Männer, die in einem „unfreiwilligem Zölibat“ leben und kurz gesagt Frauen als eine Art Leinwand nutzen, auf die sie ihren gesamten Selbsthass und Hass über die Welt projizieren. Der Name setzt sich dabei aus dem englischen “involuntary celibate” zusammen. Die Gedankenwelt der Incels besteht aus einer bunten Mischung aus homophoben, transphoben und auch rassistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien. Insgesamt sei der durchschnittliche weiße Mann der Verlierer unserer Zeit, denn “Feminazis” kontrollieren ja bekanntlich alles und jeden. Incels leben in einer für sie wahrgewordenen Dystopie.

Im Zentrum ihrer Ideologie steht die Frau – oder jedenfalls das dehumanisierte, übermäßig sexualisierte und durch und durch böse Etwas, das Incels aus ihr machen. Frauen werden nicht als individuelle Einzelpersonen, sondern als unmenschliches Kollektiv wahrgenommen. Aus Sicht der Incels seien alle Frauen vor allem eins: gleich. Ihrer Vorstellung nach sei die Welt zwischen dem überlegenen Mann und der unterlegenen Frau aufgeteilt und verschiedene Abstufungen der Attraktivität würden all unsere sozialen Beziehungen bestimmen. Sie sind überzeugt, dass alle Frauen als eindimensionale Wesen nur der attraktivsten und erfolgreichsten Sorte Mann, dem sogenannten Chad, nachjagen würden, um sein gottgegebenes Recht auf Sex zu befriedigen. Einerseits werden Frauen als triebgesteuerte Wesen dargestellt. Andererseits seien sie intelligent genug, um jeden Mann in ihrem Umfeld zu manipulieren. Unattraktive Männer, die die Zuneigung einer Frau bekommen, werden als “Simps” bezeichnet, und würden nur hinterhältig ausgenutzt werden. Bei Krachers Beschreibungen über diese absurden und fast schon wahnhaften Vorstellungen können viele Zuschauer*innen das ein oder andere amüsierte Schnauben nicht unterdrücken. Jedoch weicht dieses immer wieder schnell dem Entsetzen über die tatsächliche Tiefe des Frauenhasses. Der Wechsel zwischen fassungslosem Kichern und blanker Bestürzung zieht sich durch die gesamte Lesung.

Die Vorstellung der Incels über das Funktionieren der Welt drückt sich auf unterschiedliche Weise aus. Die einen glauben, sie müssten nur durch Selbstoptimierung, Aktieninvestitionen und Andrew Tate Marathons so lange an sich arbeiten, bis alle Frauen auf einmal Interesse zeigen. Die anderen haben dagegen einen von Selbsthass zerfressenen Blick auf die Welt, die Kracher mit nüchternen Beschreibungen dem Publikum vorsetzt. Vermeintlich unattraktive Männer hätten diesen sexuellen Konkurrenzkampf grundsätzlich verloren, und damit den gesamten Wettbewerb um ihren Platz in der Welt und ihren Zugang zu einem glücklichen Leben. Sie als Incels könnten ihren Status als „ungewollten” Mann nie aufwerten. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit damit, sich gegenseitig in ihren Foren in ihrer vermeintlichen Wertlosigkeit zu bestätigen, denn sie könnten ja nie so attraktiv und erfolgreich werden, damit Frauen sie beachten. Im selben Atemzug beschweren sich die Anhänger der Subkultur über Frauen, die doch eigentlich an der ganzen Misere Schuld seien. „Incels befinden sich in einem Loch, das sie sich selbst gegraben haben”, kommentiert Kracher.

Einerseits empfinden Incels einen ausgeprägten Hass gegenüber Frauen. Andererseits liegt ihr kompletter Fokus im Leben auf diesen. Kracher betont: “Incels erleben eine unaushaltbare Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.” So haben Incels ein extrem niedriges Selbstwertgefühl, zeigen aber gleichzeitig narzisstische Züge und beziehen alle Erlebnisse auf die eigene Person. Insgesamt ist diese Ideologie inkonsequent und widersprüchlich. Einige Schilderungen muten fast schon paranoid an, sodass man als Zuschauer*in nur Fassungslosigkeit fühlen kann. Auch Kracher teilt diese Gefühle. Sie schwankt zwischen aufgeregt und betont nüchtern und schafft es, dieses schwere Thema immer wieder mit kleineren Pausen und ihrer lebendigen Vortragsart aufzulockern.

Incels, Attentate und das Patriarchat

Mit klarer, prägnanter Rhetorik geht sie auf die verheerenden Folgen der Ideologie ein, die auch zeigt, wie wichtig Aufklärung und Prävention sind: „Incels sind keine harmlosen Männer, die ein bisschen frustriert sind“, erklärt sie. Bei den Folgen handelt es sich um verschiedene Formen von Gewaltfantasien, die zu realer und im Extremfall zu systemgefährdender Gewalt werden können. Schon bei mehreren Attentaten konnte festgestellt werden, dass sich die Täter in Incel- Foren aufhielten und dort radikalisierten: „Diese Form des Terrorismus hat schon über 50 Leben gekostet“, sagt sie mit fester Stimme. Spätestens jetzt ist für alle Zuhörer*innen klar: Hier geht es nicht „nur“ um eine Abneigung gegen Frauen und ein geringes Selbstwertgefühl.

Auch weist Kracher auf die strukturelle Dimension des Problems hin. Patriarchale Strukturen und wie Männer in ihnen gesehen werden, spielen dabei eine wichtige Rolle. So wird in der patriarchalen Gesellschaft – auch durch Medienbeiträge, die von Algorithmen gezielt verbreitet werden – das Bild des autonomen Mannes gezeichnet: Ein “Macher”, für den mentale Gesundheit, Depression, ein geringer Selbstwert oder Gefühle allgemein ein Tabuthema sind. Jedoch wird angesichts der Incels schnell klar, dass das Patriarchat damit allen schadet, nicht nur Frauen. Durch solche Bilder wird ein Nährboden für Radikalisierung geschaffen. Die populistische Idee, eine einfache Antwort auf komplexe Probleme zu erschaffen, findet Anklang. Kracher macht deutlich, dass Männer, die „zu wenig Bezug zu ihren Gefühlen“ haben und beispielsweise Trauerprozesse nicht zulassen, Gefahr laufen, auf „sehr verkürzte Pseudo-Lösungen“ der Incel-Ideologie hereinzufallen. Dadurch müsse diese Bewegung auch als ein “Mental-Health-Problem” aufgefasst werden.

Doch es ist nicht nur das patriarchale Bild von Männlichkeit, das die Radikalisierung fördert. Viel zu oft würden Straftaten entpolitisiert werden, kritisiert die Autorin. Ein Beispiel: In der Beantwortung einer kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke schreibt die Bundesregierung: „Der Einfluss der Szene, die überwiegend online aktiv ist, scheint im deutschen/deutschsprachigen Raum begrenzt.“ In Deutschland seien nur „wenige polizeiliche Sachverhalte mit möglichem ‚Incel‘-Hintergrund“ bekannt. Die Regierung spricht von „fanatisierenden Einzeltätern“. Laut Kracher hingegen seien Incels sowohl in den USA als auch in Europa kein seltenes Phänomen. Sie sind nicht nur ein paar Spinner, die allein vor ihrem Computer sitzen und niemandem schaden, sondern eine real existierende Gefahr. Sowohl online als auch offline kommt es zur Planung organisierter Gewaltakte und der Verbreitung von Hass. Die Polizei habe  „blinde Flecken“, was gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit angeht. Kracher vertritt einen klaren Standpunkt: „Wir dürfen die Gefahr von Online-Radikalisierung nicht unterschätzen.“

Wie man es schafft, trotzdem weiter zu machen

Bei all diesen Erzählungen kommt schnell das Gefühl von Frustration auf. In einer anschließenden Gesprächsrunde entsteht daher beim Publikum die berechtigte Frage, wie Kracher eigentlich mit all den Eindrücken, die sie während ihrer Arbeit sammelt, umgeht. Nicht selten werden Frauen in Incel-Foren als „hole“, „toilet“ oder einfach nur als „it“ bezeichnet. Doch das ist nicht das Schlimmste, was Kracher bei ihren Recherchen begegnet. Eine Grenze zieht sie beispielsweise dann, wenn es um sexuelle Gewalt gegenüber Kindern geht. Nach der Veröffentlichung ihres Buches hatte sie mit misogynen Angriffen und Hass-Kampagnen aus der Incel-Szene zu kämpfen. „Es ist sehr wichtig, eine psychische Distanz zu haben“, entgegnet die Journalistin dieser Frage. Schmunzelnd erzählt sie von ihrem höhenverstellbaren Stehschreibtisch. Wenn sie sich im Home-Office mit der toxischen Welt der Incels beschäftigt, arbeitet sie im Stehen. Für einen symbolischen Übergang in den Feierabend fährt Kracher den Schreibtisch wieder herunter. Dadurch wird der Arbeitsplatz zum gemütlichen Rückzugsort, an dem sie sich einer anderen Welt hingeben kann: dem Videospielen. Aber auch ihre Freund*innen und Kolleg*innen weiß Kracher sehr zu schätzen: „Ich habe das Glück, ein solidarisches Umfeld zu haben.“

Am Ende der Veranstaltung bleibt der Eindruck zurück, dass es ein Glück für die Gesellschaft ist, dass es Menschen wie Veronika Kracher gibt, die nicht müde werden, auf strukturelle Probleme hinzuweisen und Aufklärung zu leisten. Denn wie auch der Ventil Verlag so schön über sie schreibt: Irgendjemand muss es ja tun.

Veronika Kracher: 

* 1990 in München

  • studierte Soziologie und Literaturwissenschaften
  • arbeitet als Journalistin und Autorin
  • schrieb das Buches “Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults”
  • untersucht Internetforen über rechte, frauenfeindliche Subkulturen und den Extremismus und die Radikalisierung in solchen
  • beschäftigt sich außerdem mit Feminismus, Patriarchatskritik, Antisemitismus, Literaturtheorie und Popkultur 
  • ist hobbymäßig in der Nerd-Kultur unterwegs

Steckbrief zu Incels: 

  • vor allem in den USA und in Europa zu beobachten 
  • ethnisch divers
  • sehr heterogene Szene
  • meist unter 25 Jahren
  • meist aus mittelständischen Familien
  • heterosexuell
  • radikalisieren sich durch das Internet
  • 50 % besuchen Schule/Uni, 25 % berufstätig, 25 % unbeschäftigt
Kommentare anzeigen (0)

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.