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„Genießen Sie den Klang!“
Dunkel Hell

„Genießen Sie den Klang!“

Im Joseph-Keilbert-Saal hört man das Publikum flüstern, ein Murmeln und Brummen mit der Akustik vergleichbar derer eines Bienenschwarms reflektiert von den Holzwänden, nervöse Vorfreude macht sich breit, jeder wartet auf den Beginn der Veranstaltung. Denn dieser Adventssonntag verspricht eines zu werden: besonders festlich. Die Regensburger Domspatzen werden in wenigen Minuten auf der Bühne stehen, jener weltberühmte Knabenchor, der schon mehr als auf eine 1000-jährige Geschichte zurückschauen kann. Alles blickt auf die Bühne, doch dann verstummt das Gemurmel, es wird still im Saal. Aus der Ferne erklingen zarte Stimmen, die immer lauter werden. Die Domspatzen schreiten links und rechts die Stufen zur Bühne hinunter und nehmen dabei Aufstellung, es ertönt der Hymnus „Gott, Heilger Schöpfer aller Stern“.

Zum Publikum zählen an diesem Abend auch viele Würdenträger des Bistums. Erzbischof Ludwig Schick betritt die Bühne. Er begrüßt die jungen Sänger herzlich und weiß außerdem zu berichten, dass schon Kaiser Heinrich um 985 einer der ersten Domspatzen war, der Chor also in einer immens langen Tradition steht. Wegen der vielen Auftritte der Sänger so kurz vor Weihnachten macht der Erzbischof ihnen mit den Worten Karl Valentins Hoffnung: „Wenn die stille Zeit erstmal vorüber ist, dann wird es auch wieder ruhiger!“

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Domkapellmeister Roland Büchner eröffnet die Veranstaltung mit den Worten: „Genießen Sie den Klang!“ Dann beginnt das Konzert, das an passenden Stellen durch das Vortragen der Weihnachtsgeschichte ergänzt wird.
Auf dem Programm stehen Weihnachtslieder aus verschiedenen Epochen: „Es ist ein Ros entsprungen“ von Michael Praetorius, „Es ist Weihnachtszeit“ von Ivar Frederik Widner, „Adeste Fidelis“ von Carl Thiel, das „Ave Maria“ in der Version von Zsoltán Kodály, „O Emmanuel“ und „O Oriens“ von Vytautas Miškinis. Und auch neuere Titel wie „Still, Still, Still“ von Jürgen Gölle oder „Lux Aurumque“ von Eric Withacre schlagen den Bogen zu einem Gesamtprogramm, das Tradition und Moderne verbinden will. Um es vorweg zu nehmen: dieses Vorhaben gelingt wunderbar. Warum gerade diese Auswahl an Stücken?

„Mein Bestreben ist es, wertvolle Chormusik bekannt zu machen, die im Repertoire von verschiedenen Chören auf der ganzen Welt ist, welche aber in unseren Breiten noch keinen hohen Bekanntheitsgrad genießt“, erklärt Roland Büchner in der Konzertpause. „Künstler wie Vytautas Miškinis beispielsweise sind bekannt, seine Adventsstücke aber weniger, welche aber sehr schön und durch eine ganz eigene Klanglichkeit geprägt sind“, so der Domkapellmeister weiter. „Ich bin sehr interessiert daran, solche Stücke bekannt zu machen, dazu zählt auch das Ave-Maria von Zsoltán Kodály, eine zauberhaft-kleine Miniaturversion davon und ein ganz besonderes Werk der Chormusik. Meine Motivation ist es außerdem, die Musik im Programm thematisch so zu ordnen, dass ein theologischer „roter Faden“ im Vordergrund steht, zunächst ohne Rücksicht darauf, ob ein Werk früh oder spät in der Musikgeschichte entstanden ist, der Leitfaden ist also kein musikhistorischer. Im Ablauf kann also alles kunterbunt durcheinander sein!“, so Büchner.
„Natürlich ist mir bewusst, dass ich von den Sängern sehr viel erwarte, denn sie müssen blitzschnell von einem Stil in den anderen wechseln können, was anspruchsvoll ist, aber die Burschen bewältigen das stets bravourös und es macht mir immer wieder Spaß das auch in den Proben zu üben, um die stilistischen Unterschiede hörbar herauszuarbeiten“, freut sich der Domkapellmeister, der sich wünscht: „In Zukunft möchte ich dieses hohe Niveau, auf dem der Chor momentan ist, erhalten beziehungsweise noch steigern. Dies ist aber bei ständig wechselnder Besetzung schwer, denn die Knabenstimme ist in der Jugend endlich, im Schnitt verfügt ein Heranwachsender nur drei oder vier Jahre darüber. Ich möchte mit den Domspatzen auch das Oratorische ausbauen, Werke wie die „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach oder die „Schöpfung“ von Joseph Haydn — das sind unsere Projekte für die nahe Zukunft, anspruchsvoll wird es in jedem Fall“, entgegnet Roland Büchner lächelnd.

Applaus brandet während des Konzerts immer wieder auf und man kann sich unschwer dem Gefühl entziehen, das während der einzelnen Stücke in einem aufkommt. Es ist ein Gefühl mitgenommen zu werden, auf eine Reise in Einstimmung auf die Weihnachtszeit. Dabei merkt man, dass sich die „Spatzen“ von Lied zu Lied steigern. Ein absolutes Highlight ist die Darbietung des Werkes „Ich steh an Deiner Krippen hier“, komponiert von Johann Sebastian Bach, gesungen von Antonius von Rohr. Die Stimme des jungen Sängers erklingt druckvoll, warm, facettenreich und klar im ganzen Saal.

Singen! Egal wann, wo und wie!

Die Domspatzen Antonius von Rohr und Andreas Menzel, beide 13 Jahre alt, lächeln verschmitzt, gar lausbubenhaft. Beide sind ebenso adrett gekleidet wie ihre Kollegen: blaues Sakko, weißes Hemd, die Haare gescheitelt.
„Ich wusste am Anfang gar nicht, dass ich so toll singen kann“, erzählt Antonius schmunzelnd. „Bei einem Probesingen der Domspatzen habe ich dann gemerkt, dass mir das Singen gefällt und ich wollte unbedingt damit weitermachen.“
Andreas stimmt ein: „Ich wusste auch anfangs nicht, wie musikalisch ich bin, im Laufe meiner Grundschulzeit hat sich das dann aber abgezeichnet und mir wurde geraten, doch zu den Domspatzen zu gehen, weil das die perfekte Schule für mich sei. Singen macht mir Spaß und ja, hier bin ich jetzt! (lacht)“. Die beiden sind sich einig, wer musikalisch ist, der solle „Singen! Egal wann, wo und wie!“ Andreas und Antonius gefällt es auch, anderen Chören zuzuhören, das mache „ebenso viel Spaß und es ist toll zu hören, was und wie sie singen.“ Für die beiden hat Musik schon jetzt einen hohen Stellenwert, denn „Musik begleitet uns unser Leben lang und die Zeit bei den Domspatzen wird es ebenso!“

Die eineinhalb Stunden Dauer des Konzerts vergehen rasch, man kann nur „Danke“ sagen. Danke, dass man dem Weihnachtsfest nun noch ein Stückchen freudiger entgegenblicken kann. Ein wahrlich gelungener Adventssonntag, denn die Darbietung des gesamten Chores war großartig, die Stimmen glockenklar und ausdrucksstark, bis ins Feinste nuanciert. Ein Konzert, dass endlich einmal wirklich Weihnachtsstimmung aufkommen ließ. Gekrönt wurde das Programm mit der Zugabe des Stückes „Heilige Nacht“. Währenddessen wurde die Saalbeleuchtung so weit gedimmt, dass nur die Domspatzen im Zentrum sichtbar waren, ein wirklich schöner, gar ergreifender Moment.
Zusammen mit einem anschließenden Besuch auf dem Bamberger Weihnachtsmarkt bei Glühwein und Lebkuchen ist dieses Konzert sicherlich ein Glanzpunkt im Dezember 2016. Wer die „Spatzen“ noch nie live gehört hat, der hat etwas verpasst und sollte dies bei Gelegenheit unbedingt nachholen, denn „vom Schwierigkeitsgrad her betrachtet, ist das aktuelle Weihnachtsprogramm der Domspatzen sehr hoch angesiedelt, was von den jungen Sängern aber wundervoll gemeistert wird. Diese Art von Chormusik lädt zum „Fallenlassen“ ein, dazu die Augen zu schließen und zu genießen, was man hört“, schwärmt auch Veranstalter Joseph Thomann.

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