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Fulminanter Ausklang
Dunkel Hell

Fulminanter Ausklang

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Nachdem sich 1868 Johannes Herbeck, zu dieser Zeit Hofkapellmeister in Wien, an der Einstudierung von Bruckners Messe in f‑Moll versucht hatte, kam er zu einem konsequenten Urteil: „Die Messe kann ich nicht aufführen, die ist unsingbar.“ Ihr Komponist musste sich in der Folge selbst darum bemühen, seinem Werk Gehör zu schaffen. Es gelang vier Jahre später, 1872, in der Wiener Augustinerkirche. Heute nimmt die Messe längst einen bedeutenden Platz unter den Chorwerken der Romantik ein und fand jüngst ihren Weg in die Bamberger Konzerthalle.

Die größten Ensembles des Lehrstuhls, Uni-Chor und Uni-Orchester, hatten sich an das etwa einstündige Werk gewagt und brachten es zum Semesterausklang bravourös zur Aufführung. Dabei feierte Wilhelm Schmidts, seit vergangenem Jahr Lehrbeauftragter in der Musik, seinen Einstand am Bamberger Pult. Marietta Zumbült (Sopran), Barbara Werner (Alt), Johannes Strauß (Tenor) und Albrecht Pöhl (Bass) ergänzten das Orchester und den mächtigen Chor als Solisten auf der gut gefüllten Bühne – vor vollen Rängen.

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Getreu der Ansicht, dass der erste Eindruck stets der wichtigste ist, präsentierte sich das Orchester schon in den ersten Takten stimmig, der Chor setzte wenig später mit dem Leitmotiv des Kyrie ein, dynamisch zurückhaltend, aber enorm kraftgeladen. Bereits der erste absteigende Quartgang endete in wohltuender Harmonie und erfüllte eine Aufgabe dieses ersten Satzes: die Ohren der Zuhörer zu gewinnen und an die Musik zu binden.

Über alle sechs Sätze zeigten sich die Mitwirkenden einer Herausforderung gewachsen, welche oft die Ausführung großer und anspruchsvoller Partituren trotz beherrschter Einzelstimmen gerade im Zusammenspiel scheitern lässt: einen Gesamtklang zu erzeugen, in dem alle Einzelbestandteile wirkungsvoll aufgehen. Letzteres funktionierte erfolgreich, Tempo- und Dynamikwechsel wurden von allen getragen. Das Zusammenführen der drei Gruppen — Orchester, Chor und Solisten — passierte unter sicherer Leitung und in gegenseitiger Abstimmung; die Instrumentalisten stets eigenverantwortlich, doch wenn nötig auch im Dienste der Chorsänger, denen eine erstaunliche Präsenz im Gesamteindruck gelang; die Solisten immer im Fluss der Musik und von den übrigen Musikern sicher getragen. Schade nur, dass alle vier stellenweise so ihre Mühe hatten, gegen das Feld aus Chor und Orchester anzukommen. Der Aussagekraft des Werkes tat das keinen Abbruch, bei großen Lobgesängen ebenso wie in zarten Phrasen, im Urgewaltigen ebenso wie im Gebrochenen.

Das Konzert war nicht fehlerfrei, doch wer verlangt das? Schließlich konnten nicht einmal einzelne wenige Unstimmigkeiten verhindern, dass selbst die sonst so gern bemühte Aussage, es sei „auf hohem Niveau“ konzertiert worden, nicht ganz zutreffend sein darf. Denn vor allen Dingen ist es gelungen, Bruckners Messe nicht zu bearbeiten, sondern sie zu spielen, dem Zuhörer nicht vorzuführen, sondern ihn damit anzusprechen, authentisch und kurzweilig über die gesamte Dauer. Der berechtigte Applaus erfolgte minutenlang.

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