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Filmreview — Willkommen bei den Hartmanns
Dunkel Hell

Filmreview — Willkommen bei den Hartmanns

  • 2016 lockte der Streifen über drei Millionen Menschen in die deutschen Kinos: „Willkommen bei den Hartmanns“ – ein Kassenschlager. Aber ist der Film tatsächlich so gut, wie die Besucherzahlen vermuten lassen?

2015 – das Jahr, in dem Merkel den einen Satz sagte, der auch nach ihrer Kanzlerschaft, wann immer das sein mag, in Erinnerung bleiben wird: „Wir schaffen das!“ Sie meinte damit die Versorgung, die Unterbringung und die Integration der zahlreichen Geflüchteten, die zu dieser Zeit über die Balkan- und Mittelmeer-Routen nach Deutschland kamen.

Der Film „Willkommen bei den Hartmanns“, der im Jahr darauf, also 2016, in die Kinos kam, geht Merkels „Wir schaffen das!“ an. Zumindest versucht er es. Senta Berger, im echten Leben die Mutter des Regisseurs Simon Verhoeven, im Film Angelika, pensionierte Lehrerin und weibliches Familienoberhaupt, verfällt, zumindest laut ihrem Mann, dem Gutmenschentum. Also entschließt sie im Alleingang, einen Geflüchteten in die schöne Villa der Familie Hartmann in einem Münchner Vorort einzuquartieren. Ehegatte Richard (Heiner Lauterbach), ein nörgelnder Chirurg mit Hang zur dritten Midlife-Crisis, ist ja sowieso kaum zuhause. Und die beiden Kinder, ein Anwalt und Karrierist (Florian David Fitz) und eine durchaus verplante Studentin (Palina Rojinski), sind eh schon längst ausgezogen. Eigentlich. Denn als der aus Nigeria stammende Asylbewerber Diallo (Eric Kabongo) das Flüchtlings-Casting gewinnt und bei den Hartmanns einziehen darf, scheinen auch die Kinder wieder einen Grund zu haben, nach Hause zu kommen. Was dann folgt, ist in nur wenigen Worten kaum zu beschreiben: afrikanisch trifft bajuwarisch, Kulturclash vorprogrammiert, Durcheinander, Polizei mit Überwachungsdrohne, Kuppelversuche, Neonazis vor dem Haus, Familienzwist, Familie entzweit, abgelehnter Asylantrag, Herzinfarkt, Happy End?

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Foto & Bearbeitung: Lukas Reinhardt

Verhoeven (Männerherzen) besaß zumindest den Mut, ein Thema aufzugreifen, an dem viele Regisseure lange Zeit schnellen Schrittes vorbeiliefen, aus Angst, sich daran die Finger zu verbrennen. Kontroverser Stoff der Gegenwart; ein Keil, der Freundschaften entzweite und Familien auseinanderbrechen ließ. Ist so etwas verfilmbar? Nun ja, ist es. Aber wirklich gut ist das Resultat nicht: Vollgepackt mit ausgelutschten Klischees, mit möglichst grobschlächtigen, klamaukigen Pointen, bleibt die Ernsthaftigkeit dieses Themas mitunter auf der Strecke. Es existieren aber auch Lichtblicke. Szenen, die den Realismus der Materie abbilden: die abscheulichen Gräueltaten der nigerianischen Boko-Haram, den zweiten Frühling des deutschen Rechtsextremismus, den fundamentalistischen Islamismus unter einigen Asylsuchenden.

Was bleibt, ist ein namenhaft besetzter Film, der sicherlich ein Fragment deutscher Zeitgeschichte abbildet, ein durchaus bedeutsamer Umstand, dessen Witz jedoch zu banal, zu saftlos und zu flach daherkommt. Was fehlt, ist der Punk, das Scharfzüngige, das Boshafte, das Tiefgründige – all das, was eine Komödie zum Leben erweckt.

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Es wähle jeder – ganz im Stile des Filmes, der mit Stereotypen nur so um sich wirft – die eine Speise, die das gängige Klischee seiner Herkunftsregion oder seines Herkunftslandes erfüllt. Deshalb aß der Autor dieses Textes, der in Oberfranken aufwuchs, dort, wo einem stets der rauchige Duft der Bratwurst um die Nase weht, beim Schauen des Films ein Paar mit Sauerkraut.

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