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Fernab von Klischees über Kriege, Krankheiten und humanitäre Katastrophen
Dunkel Hell

Fernab von Klischees über Kriege, Krankheiten und humanitäre Katastrophen

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  • Die meisten Deutschen wissen wenig über Afrika. Oft wird der Kontinent nur als ein Land wahrgenommen. Dort herrsche große Armut, ständig brechen große Krankheiten wie Ebola oder HIV aus, die Leute seien wenig zivilisiert, hausen in Lehmhütten und spielen barbusig Trommelmusik, so die Klischees. Dabei gibt es über Afrika so viel mehr zu berichten. Philipp Lemmerich hat sich das zur Lebensaufgabe gemacht und das Online-Magazin JournAfrica gegründet.

Gibt man in Google „Nachrichten Afrika“ ein, werden einem News vorgeschlagen wie „Nürnberg: Afrika Festival lockt Zehntausende nach Mittelfranken” von Antenne Bayern, „Südliches Afrika — Millionen Menschen brauchen Lebensmittel-Hilfe” vom Deutschlandfunk oder „EU-Geld an Afrikas Flüchtlingsstaaten” von Spiegel Online. Das lässt sich jeden Tag wiederholen, die Ergebnisse sind vermutlich immer ähnlich. Die deutsche Berichterstattung über Afrika findet etwa gar nicht statt, oder die Artikel bedienen sich den drei Ks: Kriege, Katastrophen, Krankheiten. So entsteht bei den deutschen Lesern ein verzerrtes Bild vom armen und Krankheiten gezeichneten Afrika, das als ein Land über den Kamm geschert wird. Dabei besteht der Kontinent aus 54 Ländern mit hunderten Ethnien und tausenden Sprachen. Auf diese große Zahl kommen, laut Philipp Lemmerich, gerade so viele deutsche Korrespondenten, dass man sie an zwei Händen abzählen könnte. Es sei also gar nicht möglich flächendeckend über alle Teile Afrikas zu berichten. Zudem käme hinzu, dass viele der Auslandskorrespondenten nur in ihrem Land, bei den Deutschen hauptsächlich Kenia und Südafrika, blieben. Dem entgegenwirken will nun JournAfrica. Das Nachrichtenportal arbeitet mit einheimischen Journalisten aus verschiedenen Ländern Afrikas zusammen. Diese sollen den deutschen Lesern spannende Geschichten aus ihren Heimatländern näher bringen.

Wir haben mit Gründer und Chefredakteur Philipp Lemmerich gesprochen.

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Wie ist es dazu gekommen?
Zu Beginn meines Studiums habe ich mit Radiojournalismus begonnen. Durch Zufall bin ich durch ein Austauschprojekt in Togo in einem Lokalradio gelandet. Dort habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass meine Bilder die ich von Afrika im Kopf hatte, gar nicht denen vor Ort entsprechen. Ich habe dann Auslandsreportagen für deutsche Medien aus Westafrika produziert. Dabei bin ich schnell an meine Grenzen gestoßen, weil ich viele Kontexte, Hintergründe und die Lebensweisen und Leute vor Ort nicht kannte. So fällt das unheimlich schwer adäquat zu berichten. Ich wollte schon immer ein anderes Bild von afrikanischen Ländern durch meine Medienberichterstattung zeigen, aber irgendwann war es mir nicht mehr genug, ich wollte auf der strukturellen Ebene ansetzen. So kam mir die Idee, die Redaktion zu gründen.

Aus wem besteht die Redaktion von JournAfrica?
Unser Kernteam in Berlin besteht aus drei Leuten. Ich bin für den redaktionellen Teil zuständig, die anderen beiden kümmern sich um Dinge wie Kontakt zu Partnern, Veranstaltungen und Projektentwicklung. Darüber hinaus haben wir noch zwanzig ehrenamtliche Redakteure. Die meisten sind Studenten, die kurz vor Ende ihres Studiums stehen oder gerade ihren Abschluss gemacht haben. Viele haben im Bereich Journalistik/Afrikanistik/Politikwissenschaft studiert.

Wie finanziert ihr euch?
Noch bis Ende 2016 können wir von unseren Einnahmen durch das Crowdfunding leben. Davon bezahlen wir die Autoren- und Übersetzerhonoraren. Wir selber finanzieren uns durch Projektförderung für den Communitybereich, die ist vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Außerdem durch verschiedene Auftritte und Vorträge.

Wie kann man sich die Arbeit in der Praxis vorstellen?
Die Themen schlagen die afrikanischen Journalisten meist selbst vor. Die schreiben sie dann und wir übersetzen die Texte, redigieren sie und passen sie an unsere europäischen Leser an. Manchmal gehen wir mit Themen auch gezielt auf unsere Journalisten zu. Gerade haben wir zum Beispiel sechs Kommentare von sechs Journalisten aus unterschiedlichen Ländern über eine mögliche Präsidentschaft von Donald Trump in Arbeit.

Auf was bist du besonders stolz?
Erfolg war auf jeden Fall das Crowdfunding. Das waren mit 12.000 Euro vielleicht nicht so viel, aber für diese kleine Nische mit Berichterstattung aus Afrika, war das schon ein toller Erfolg. Immer wieder schön ist es außerdem, wenn man gutes Feedback von anderen Medien bekommt. Leider geht es nur selten über diese Lippenbekenntnisse darüber hinaus. Wir würden uns noch mehr strukturelle Zusammenarbeit wünschen.

Was habt ihr für Pläne und Wünsche für die Zukunft?
Ich würde gerne ein richtiges, etabliertes Medium aus JournAfrica machen. Mit Redaktionsstruktur und allem drum und dran. Leider fehlt bis jetzt noch die Finanzierung. Dann habe ich noch so einen Gedanken, mit dem ich ein bisschen rumspinne: ein gemeinsames Recherchepool. Eine zentrale Agentur für Auslandsberichterstattung, die verschiedene Medien mit festen Verträgen mit Artikeln und Informationen beliefert.

Wie kann man bei euch mitmachen? Bietet ihr zum Beispiel Praktika für Studenten an?
Wir sind immer auf der Suche nach ehrenamtlichen Redakteuren. Voraussetzung sind aber journalistische Erfahrungen und man sollte auch schon vor Ort in Afrika präsent gewesen sein. In Berlin haben wir auch Praktikumsplätze. Ansonsten kann jeder in unserer „Community“ mitmachen, einer Art Blog. Dort freuen wir uns über Inhalte, die relevante Informationen aus/über Afrika vermitteln, zu einer konstruktiven Debatte beitragen, bestehende Afrikabilder humorvoll oder kritisch hinterfragen, dem bereits bestehenden Afrikadiskurs neue Facetten hinzufügen oder auf relevante Projekte, Veranstaltungen oder Veröffentlichungen aufmerksam machen.

Wie kann man im Alltag sensibler für das Thema verzerrte Afrikaberichterstattung werden?
Die Frage, die immer im Mittelpunkt stehen sollte, ist: was steht eben nicht in diesem Text über Afrika? Wir müssen uns bewusst sein, dass ein Artikel nur ein kleiner Ausschnitt aus der Realität ist. Es wird einfach wahnsinnig viel nicht erzählt. Wenn man sich darüber Gedanken macht, ist schon viel gewonnen.

*Philipp Lemmerich hat Politikwissenschaft und Mediensoziologie in Kiel und Leipzig studiert. Vor kurzem hat er mit seiner Promotion begonnen.

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