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Wenn Studierende pflegen

Wenn Studierende pflegen

Was passiert, wenn ein Verwandter plötzlich krank wird? Als Hannahs Großmutter von einem Tag auf den anderen pflegebedürftig wurde, musste sie lernen ihr Studium und die rund um die Uhr Pflege ihrer Oma zu vereinbaren. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, die das mit sich bringt, der Liebe zu ihrer Großmutter und dem Abschied nehmen.

Bild: Rebecca Ricker

Eigentlich wollte Hannah* für ihr Studium aus ihrem Elternhaus ausziehen und sich ein Zimmer im 50 Kilometer entfernten Bamberg suchen. Doch ihre Großmutter, die schon länger gegen Brustkrebs kämpfte, wechselte ihre Behandlung. Die neue Behandlung vertrug sie nicht und brach von einem Tag auf den anderen zusammen. Plötzlich war sie auf fremde Hilfe angewiesen. Für Hannah war es selbstverständlich, für ihre Großmutter zu sorgen, auch wenn sie damals noch nicht wusste, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu pflegen.

Als wir sie fragen, wie sie mit der Krankheit ihrer Großmutter umgegangen ist, setzt sie an und bricht nach ein paar Wörtern ab. Sie möchte lieber den täglichen Ablauf schildern, als über ihre Gefühle dabei zu reden. Es war eine rundum Pflege, die Hannah auch körperlich belastete. Ihr fehlte vor allem praktisches Wissen: Wie wickele ich eine erwachsene Person? Wie hebe ich jemanden aus einem Stuhl, ohne dabei mich selbst oder die andere Person zu verletzen?

Ihre Oma schämte sich, dass ihr geholfen werden musste. Früher hatte sie auf Hannah aufgepasst, plötzlich war es andersherum. Sich helfen zu lassen, fiel ihrer Großmutter schwer. Vor ihrer Krankheit war sie oft unterwegs, hatte viele Freunde in der Nachbarschaft und ging regelmäßig in die Kirche. “Als sie das nicht mehr konnte, war sie bereit aufzugeben, anfangs hat sie immer gesagt, sie will jetzt sterben.”

Dieser Wunsch war für die Enkelin unerträglich. Und obwohl die Großmutter es nicht wollte, möchte die Familie sie noch nicht gehen lassen. Sie holten sich Unterstützung durch eine mobile Palliativstation. Die Palliativmediziner nahmen sich viel Zeit für die Großmutter und hörten ihr zu. Obwohl ihre Großmutter sonst keinen Besuch mehr im Haus haben wollte, wurden die fremden Mediziner bald von ihr akzeptiert. Sie vermittelten zwischen der Großmutter und der Familie. “Sie haben gefragt, welche Medikamente noch notwendig sind, da Oma am liebsten gar keine mehr genommen hätte. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass sie nur noch ihre Schmerzmittel nimmt.” Hannahs Familie akzeptierte die Wünsche der Großmutter, die nicht länger gegen den Krebs ankämpfen wollte.

Hannah nutzte die verbleibende Zeit, um sich in Ruhe von ihrer Großmutter zu verabschieden. Sie blätterte mit ihrer Oma immer wieder in alten Fotoalben, schrieb ihre Rezepte auf und fragte alles, was sie noch wissen wollte, bevor es zu spät war. “Ich war kein Papakind oder Mamakind, sondern ein Omakind”, erinnert sie sich. Nach der Schule hatte die Großmutter sie bekocht und mit ihr Hausaufgaben gemacht. Sie konnte ihr die Dinge anvertrauen, die sie ihren Eltern nicht erzählen wollte.

Obwohl ihre Großmutter selbst nicht mehr daran geglaubt hatte, erlebte sie noch ihren 90. Geburtstag. An diesem Tag kam die ganze Familie zusammen. Hannah wollte etwas Besonderes organisieren und ließ alle aufschreiben, was die Großmutter für sie bedeutete. Sie schrieben ein Lobgedicht, über die glückliche Zeit, die sie zusammen verbracht hatten. Einige Wochen später starb Hannahs Großmutter.

Der Zustand ihrer Oma hatte sich schnell stark verschlechtert. Sie war eingefallen und der Tumor, der auch in den Hals gestreut war, zeichnete sich unter ihrer Haut ab. Sie sah nicht mehr aus wie die Frau, die sie sich ihr ganzes Leben lang um Hannah gekümmert hatte. An ihrem letzten Wochenende wollten Hannah und ihr Vater zu dem Jubiläum einer Stiftung fahren, bei der sie schon seit mehreren Jahren tätig waren. “Das war schon lange geplant. Wir wollten eigentlich absagen, doch Oma meinte wir sollen fahren.” Ich bin auch Sonntag noch da, habe sie zum Abschied versprochen. Und das hat sie gehalten. Als Hannah und ihr Vater am Sonntag nach Hause kamen, war die Großmutter noch am Leben, aber nicht mehr ansprechbar. Sie verabschiedeten sich von ihr. Als sich die Familie danach in einem Nebenraum sammelte, schlief die Großmutter ein. Der Tod ihrer Großmutter nahm Hannah noch mehr mit als die Pflege. Jetzt war sie plötzlich alleine.

Hannah fing bald danach ihr drittes Semester an. Ihr Studium hatte Hannah in der Zeit der Pflege ein wenig schleifen lassen. Die Vorlesungen unterzubekommen war noch gut möglich, aber die Klausurvorbereitung schwierig, während sie eine geliebte Person nicht nur gepflegt, sondern auch beim Sterben begleitet hat. Dementsprechend ist sie mit den Noten aus dieser Zeit unzufrieden. Dass sie während der Pflege Anspruch auf ein Urlaubssemester hatte, erfährt sie erst später. Seit 2011 ist dies dank einer Initiative der Projektgruppe “Familiengerechte Hochschule” aus Bamberg möglich. In dieser Zeit können die Pflegenden trotzdem Prüfungsleistungen erbringen — so wie es bei studierenden Eltern schon länger der Fall ist. Allerdings entfällt der Bafög‐Anspruch in der Zeit des Urlaubssemesters.

An der Universität Bamberg ist das Eltern‐Service‐Büro dafür zuständig, pflegenden Angehörigen zu helfen und sie über ihre Rechte, Ansprüche und Pflichten zu informieren. Es gibt zwei ausgebildete Pflegelotsinnen, die Betroffene im Notfall mit Informationen unterstützen und einen Pflegekoffer, mit wichtigen Unterlagen, die für die Krankenkasse und zum Beantragen von finanzieller Unterstützung notwendig sind. Doch auch auf diese Unterstützungsmöglichkeiten ist Hannah erst viel später aufmerksam geworden. Als wir mit Maria Steger, Leiterin des Eltern‐Service‐Büros sprechen, bestreitet sie jedoch, dass die Angebote zu wenig nach außen getragen werden. Sie seien vor allem deswegen unbekannt, da es nur wenig Fälle gebe.

Im ersten Jahr des Studiums hatte Hannah nicht viel Zeit, neue Leute kennenzulernen. In ihrem dritten Semester fängt sie an, sich an der Universität zu engagieren, in der Hoffnung neue Freunde zu finden. Sie denkt, dass der Umgang mit den täglichen Belastungen, die die Pflege mit sich bringt, sie reifer als viele ihrer Kommilitonen gemacht hat. Ihre Erfahrungen möchte sie nicht mit jedem teilen, doch das Thema ist ihr zu wichtig, um zu schweigen.

*Name geändert

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