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Coronerstis und wo sie zu finden sind – Zuhause

Coronerstis und wo sie zu finden sind – Zuhause

Anna Keller, Jessica Schottorf und Tobias Krug — so heißen die Gewinner*innen des Schreibwettbewerbs von feki.de, dem Rezensöhnchen und dem Ottfried. Die Texte zum Thema “UNIkum — der*die Einzelne im Studium”. wurden von einer sechsköpfigen Jury bewertet und wir freuen uns, Annas Text bei uns veröffentlichen zu dürfen. Die anderen beiden Gewinner*innenbeiträge findet ihr verlinkt.

Titelbild: Yasmina H via Unsplash

Und da stand ich also, mit einem Koffer voller Habseligkeiten, meinem Kopf voller Erwartungen und kribbelnde Vorfreude im Bauch. Auf dieser Straße — vor einem anderen Haus, in einer neuen Stadt, aus der jetzt Zuhause werden soll.

„Ich bin ein Corona- Ersti.“ — „Oh, du tust mir leid.“

Letzte Woche habe ich mir die Begrüßungsrede des Unipräsidenten angeschaut. Auf dem Smart- TV im Wohnzimmer statt im Audimax, mit Popcorn und Jogginghose statt in einem Outfit, das den Zweck erfüllt, gleichzeitig interessant und trendbewusst auszusehen. Herzlich Willkommen zu den Ersti-Tagen WS 20/21!

Auf dem Smart-TV im Wohnzimmer statt im Audimax

Eigentlich habe ich immer gesagt, ich bin zu jung für Facebook, das nutzt heute keiner mehr. Doch die Erstigruppe auf Facebook explodierte! Denn in unser aller Köpfen spukt das gleiche Gespenst: allein, verzweifelt, vor nicht enden wollenden Vorlesungen und seitenlanger Begleitliteratur ohne Kaffeelästerkränzchen und ohne Zurufen für die Abendplanung im Vorbeigehen.

Aber es hilft ja nichts, also finde ich mich ein paar Facebooknachrichten später auf dem Maxplatz wieder und laufe in einem Outfit, das hoffentlich den Zweck erfüllt, gleichzeitig interessant und trendbewusst zu sein, auf die kleine Gruppe an anderen Erstis zu. Und es ist gar nicht so anders als sonst. Wir sind zwar nicht in der Uni, aber es passiert genau das gleiche. Man redet, man fragt, man erzählt. Von der Heimat, dem Abi und den ganzen charakterstärkenden Erfahrungen in der großen weiten Welt.  Und als ich dann da so sitze, in dieser Bar in der Sandstraße, vor einem sogenannten Bockbier zwischen diesen Menschen, die vielleicht mal Freunde werden, fühle ich mich auf einmal wie eine ganz normaler Ersti, der erst noch lernen muss, dass Bockbier Starkbier bedeutet. Und ist es am Ende nicht genau das, was es so besonders macht, ein Ersti zu sein? Die neuen Biersorten und neuen Leute, alles ist ein bisschen aufregend und in der Luft liegt neben der Mischung aus Zigarettenrauch, Bier und Menschen auch die Vorahnung, dass jetzt etwas großes Neues beginnt.

Auf einmal fühle ich mich wie ein normaler Ersti

Am nächsten Morgen sitze ich vor meinem Schreibtisch auch schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen. Nach geschlagenen zwei Stunden Einführungsseminar und einer leicht verzweifelten Unterhaltung mit meiner Mitbewohnerin glaube ich, den fundamentalen Unterschied zwischen UniVis, FlexNow und dem VC verstanden zu haben. Und dann soll ich mich statt in FlexNow im VC zu einer Übung anmelden – mein neu gewonnenes Weltverständnis wankt beträchtlich. Und auf einmal fühle ich mich ganz klein, allein und einfach nur überfordert.

Dann klingelt mein Handy. Unbekannte Nummer. Seufzend drücke ich den grünen Hörer. „Hey hier ist Luise von gestern Abend. Ich habe grade auf Instagram gesehen, dass an der Feki Erstitüten verteilt werden. Hast du Lust auf ein bisschen echtes Ersti-Feeling?“ Ein paar Minuten später radeln wir Richtung Feldkirchenstraße, Richtung Ersti-Feeling. Und auf einmal stelle ich fest, dass ich überhaupt nicht allein bin. Wir alle stehen vor denselben Herausforderungen wie alle Erstis vor uns, Corona hin oder her. Wir merken es nur nicht so einfach auf dem alltäglichen Weg vom Vorlesungssaal zur Mensa. Und von diesem Nachmittag an schicke ich Luise einfach immer eine Sprachnachricht, wenn ich wieder allein und überfordert auf dem Boden der Tatsachen vor meinem Unizeug sitze.

Sechs Wirtschaftsmathevorlesungen, vier mittelgroße Krisen und drei Wochen später bin auf einmal ein richtiger Student. Mein Laptop loggt sich von selbst in den VC ein, der Bamberger Katalog ist kein Bücherdschungel mehr und die Mathevorlesung versteh ich auch noch auf 1,5‑facher Geschwindigkeit. Und doch war ich noch nie im Hörsaal in der Feki oder im Aposto Cocktails würfeln und ich habe auch noch auf keiner Erstiparty die Nacht durchgetanzt. Dafür kenne ich die Vorzüge jedes einzelnen Stuhls im Wohnzimmer und mein Bauch tut weh vor Lachen wegen des Insiders, den meine Mitbewohnerin in meine Vorlesung einwirft. Nach einigen wilden WG-Abenden kann ich Cocktails zwar nicht würfeln, aber dafür selbst mischen. Ich tanze vielleicht auf keiner Party, aber dafür in unserer Küche mit meinen Lieblingsmenschen zu meinem Lieblingssong statt zu schlechten Popremixes.

Ich war noch nie im Hörsaal in der Feki oder habe auf einer Party die Nacht durchgetanzt

Mir ist jetzt klar: studieren, das ist viel mehr als einfach nur in die Uni zu gehen. Studieren bedeutet Experte zu werden auf seinem eigenen Spezialgebiet, es bedeutet von zuhause wegzugehen und über den eigenen Tellerrand zu schauen und neue, eigene Geschichten zu schreiben mit anderen Protagonisten. Und es bedeutet hinfallen und immer, immer wieder aufstehen. Corona hin oder her. Ich bin ein Corona-Ersti — und das muss niemandem leidtun. Denn sind wir mal ehrlich: barfuß mit Kochlöffel in der Hand tanzt es sich viel besser als mit Longdrinkglaß auf Highheels.

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