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Bundesverdienstkreuz für ArbeiterKind.de

Bundesverdienstkreuz für ArbeiterKind.de

Katja Urbatsch kennt die Herausforderungen der Arbeiterkinder aus eigener Erfahrung. Sie wusste, es muss sich etwas ändern. 2018 bekam sie das Bundesverdienstkreuz verliehen. Wir haben mit Katja Urbatsch über 10 Jahre ArbeiterKind.de gesprochen. 

Foto: Carolin Mieckley

Frau Urbatsch, Sie sind selbst die Erste, die in Ihrer Familie studiert hat. Vor zehn Jahren haben Sie dann ArbeiterKind.de gegründet. Warum?

Katja Urbatsch: Als ich anfing zu studieren, fühlte ich mich häufig, als wäre ich nicht am richtigen Ort und teilweise auch etwas verloren. Ich hatte zum Beispiel eine riesige Ehrfurcht vor den Professoren, traute mich am Anfang nur in Seminare von wissenschaftlichen Mitarbeitern. Mir wurde nach und nach bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Studierenden wie mir, deren Eltern nicht studiert haben, und Akademikerkindern gibt. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich, als es darum ging die erste Hausarbeit zu schreiben. Ich fragte eine Kommilitonin um Rat, denn ich wusste nicht wie so etwas aussehen sollte. Sie sagte daraufhin, dass ihr Vater ihr beim Schreiben ihrer Hausarbeit geholfen hätte. Ich hatte niemanden im familiären Umfeld, der mir dabei hätte helfen können. So kam ich 2008 auf die Idee, ein Internetportal zu gründen, das Informationen speziell für Studierende aus Familien ohne Hochschultradition bereithält. Mittlerweile ist daraus eine Organisation mit 6.000 Ehrenamtlichen, die sich in 75 lokalen Gruppen engagieren, geworden.

Was macht ArbeiterKind.de genau?

Katja Urbatsch: Unsere Ehrenamtlichen informieren, ermutigen und begleiten auf dem Weg zum Studium, währenddessen und auch danach beim Berufseinstieg. Viele unserer Engagierten sind selbst die Ersten, die in ihrer Familie studieren oder studiert haben. Sie wissen, welche Hürden es zu meistern gilt, und können in besonderer Weise auf die Probleme der Ratsuchenden eingehen. Vor Ort bieten unsere Engagierten offene Treffen, Sprechstunden und ein individuelles Mentoring an. Sie gehen in die Schulen und informieren Schüler und Schülerinnen rund ums Thema Studium, erzählen ihre eigene Bildungsgeschichte und machen damit Mut. Neben der Webseite, die umfassende Informationen zu Studienfinanzierung und Stipendien zur Verfügung stellt, gibt es ein Infotelefon für Studieninteressierte und Eltern. Wir haben außerdem ein eigenes soziales Online‐Netzwerk mit 12.000 Mitgliedern, das dem Austausch und der Vernetzung dient. Unsere Ehrenamtlichen erreichen und ermutigen deutschlandweit jährlich 30.000 Schülerinnen, Schüler und Studierende.

Wie hat sich die Lage der Arbeiterkinder in den letzten 10 Jahren verändert?

Katja Urbatsch: Vor zehn Jahren war die Problematik „Erste an der Uni“ überhaupt kein Thema. Heute ist es schon ein großes Thema auch in den Hochschulen, bei den Arbeitsagenturen, bei den Studienberatungen. Es sind viele neue Programme entwickelt worden, die sich gezielt an Kinder aus Familien ohne Hochschultradition wenden. Da wird schon einiges gemacht. Mentale Strukturen lassen sich aber nicht von einem Tag auf den anderen verändern. Das ist ein langfristiger Prozess.

Und welche Herausforderungen stellen sich Ihrer Initiative dabei?

Katja Urbatsch: Wenn noch niemand in der Familie studiert hat, dann muss man erst mal auf die Idee kommen, dass man studieren kann. Eventuell stößt man im familiären Umfeld auf Widerstand. Es gibt keine Erfahrungen in der Familie, man weiß nicht, ob man ein Studium schaffen kann, wie man es finanzieren soll. An der Hochschule fühlen sich viele dann erst mal fremd und fehl am Platz. Hier setzt ArbeiterKind.de an, wir ermutigen und unterstützen, geben den Studierenden das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Eine unserer Herausforderungen ist es, auch die Schülerinnen und Schüler in den ländlichen Regionen zu erreichen. Hier ist die nächste Uni und damit auch die Möglichkeit sich über ein Studium zu informieren meist weit weg.

Was wünschen Sie sich in den kommenden 10 Jahren für Ihre Initiative?

Katja Urbatsch: Ich wünsche mir, dass wir das Engagement von ArbeiterKind.de weiter ausbauen können, um noch mehr SchülerInnen und Studierende aus nicht‐akademischen Familien zu unterstützen. Ich wünsche mir aber auch, dass viele in Zukunft daran mitwirken, insbesondere die finanziellen Hürden für Studierende aus einkommensschwachen Familien zu verringern.

Wie lauten die „Erfolgsstories“ aus den Reihen der Arbeiterkinder?

Katja Urbatsch: Jede Schülerin, jeder Schüler, die oder den wir erreicht haben und zum Beispiel durch eine Infoveranstaltung an einer Schule zum Studium ermutigen konnten, ist eine Erfolgsgeschichte. Ich freue mich auch immer besonders, wenn Studierende, die sich bei uns engagieren oder die wir unterstützt haben, sich erfolgreich um ein Stipendium bewerben.

Neben dem 10‐jährigen Jubiläum haben sie 2018 noch etwas anderes erreicht. Am 02. Oktober 2018 haben Sie das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Wie fühlt sich so etwas an?

Katja Urbatsch: Die Auszeichnung hat sich für mich schon etwas surreal angefühlt. Dazu beigetragen hat auch, dass mit mir gemeinsam viele prominente Künstler ausgezeichnet wurden, u.a. Otto Waalkes, die Schauspielerin Julia Jentsch und der Komponist Hans Zimmer. Das Bundesverdienstkreuz ist eine große Anerkennung für mich persönlich als Gründerin, aber auch für alle, die sich in den letzten zehn Jahren für ArbeiterKind.de engagiert und eingesetzt haben.

Bekommen haben Sie das Verdienstkreuz für Ihre tägliche Arbeit. Was macht Ihnen an Ihrem Job so richtig viel Spaß?

Katja Urbatsch: Mir gefällt an meinem Job, dass er sehr sinnstiftend ist. Es macht große Freude, dazu beizutragen, dass Menschen für sich neue Perspektiven sehen und ihr Potenzial entfalten. Zudem macht es mir Spaß, mit anderen gemeinsam in der Gesellschaft etwas zu bewegen. Im Alltag ist mein Job sehr abwechslungsreich: Ich sitze viel am Computer, bin aber auch viel in ganz Deutschland unterwegs und in Kontakt mit meinen Mitarbeiterinnen, unseren Ehrenamtlichen, Kooperationspartnern sowie Förderern und Unterstützern.

ArbeiterKind.de ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Welche Tipps möchten Sie den Bamberger Studierenden zum gemeinwohlorientierten Gründen mitgeben? Was ist ihrer Meinung nach wichtig für soziale Gründer?

Katja Urbatsch: Der Wettbewerb startsocial hat dazu beigetragen, dass ich ArbeiterKind.de nach Jahren endlich in die Tat umgesetzt habe. Wettbewerber wie diese kann ich daher nur empfehlen. Außerdem sollte man aus meiner Erfahrung nicht zu viel Zeit mit der Planung verbringen, sondern einfach mal machen und umsetzen. Denn in der Umsetzung hat man häufig nochmal ganz neue Erkenntnisse, die einen vielleicht auf einen ganz anderen Pfad führen. Wir sind damals mit ArbeiterKind.de online gegangen, weil es von dem Wettbewerb eine Frist gab. Die Seite war aber noch gar nicht fertig und wir haben das auch geschrieben. Wir waren eher unzufrieden, aber genau das „Work in Progress“ hat viele angesprochen und motiviert, mitzumachen und mit uns gemeinsam ArbeiterKind.de zu entwickeln. Zudem waren dann ganz andere Seiten und Aspekte von ArbeiterKind.de erfolgreich als wir gedacht haben. Da konnten wir dann gleich reagieren und diese weiter ausbauen.

Wie können Studierende in Bamberg dazu beitragen, die Situation zu verbessern und Arbeiterkinder zu unterstützen?

Katja Urbatsch: Sie können sich zum Beispiel in der Bamberger ArbeiterKind.de-Gruppe engagieren, ihre Erfahrungen mit anderen teilen, ihre Geschichte bei Schulveranstaltungen erzählen und damit ermutigen. Die Gruppe trifft sich regelmäßig jeden ersten Dienstag im Monat um 19.00 Uhr im Jugendcafé Immer Hin. Alle, die Unterstützung suchen, Fragen rund ums Thema Studium haben oder sich engagieren möchten, sind herzlich willkommen. Wer Fragen an die Gruppe hat, schreibt einfach eine E‐Mail an bamberg@arbeiterkind.de.

 

 

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