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Luke Mockridge hat in Bamberg nichts verloren

Luke Mockridge hat in Bamberg nichts verloren

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  • Dem Comedian Luke Mockridge wird von mehreren Frauen sexualisierte Gewalt und übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Jetzt soll Mockridge in Bamberg auftreten. Warum wir das kritisch sehen müssen.
Eine Bühne mit geschlossenen Vorhängen
Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt, übergriffiges Verhalten

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Wutentbrannt – FLINTA zwischen Ärger und Antrieb”, in der wir Wut und die unterschiedliche Wahrnehmung von Wut bei Frauen*, Lesben und intersexuellen, nicht binären, trans und agender Personen (FLINTA*) im Vergleich zu cis Männern beleuchten.

Am Donnerstag, den 8. Juni 2023, wird der Comedian Luke Mockridge mit seinem Programm „Trippy“ in der drittgrößten Mehrzweckarena Bayerns auftreten: der Brose Arena in Bamberg. Das Bamberger Stadtmagazin Fränkische Nacht (FN) hat den Auftritt groß angekündigt – indem es Mockridge auf dem Cover abgedruckt und sein Gesicht als Werbung in den Stadtbussen platziert hat. Auf Nachfrage des Ottfrieds äußert die FN-Redaktion, dass ihr die Vorwürfe gegen den Komiker „zum Zeitpunkt der Titelauswahl für die FN-März-Ausgabe in dieser Form nicht bekannt“ gewesen seien. Erst aufgrund der Anfrage habe man angefangen zu recherchieren und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass „offenbar Aussage gegen Aussage“ gestanden habe. Die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren eingestellt, weil „keine Beweise für die Behauptungen seiner Ex-Freundin vorlagen.“ Das ist so allerdings nicht ganz richtig.

Der Fall Luke Mockridge: Eine Chronologie der Ereignisse

Aber mal von Anfang an. Begonnen hat alles im Jahr 2019 als die Comedienne Ines Anioli in ihrem damaligen Podcast „Besser als Sex“, den sie zusammen mit der Schauspielerin Leila Lowfire veröffentlichte, über ihre toxische Beziehung berichtete. In der Folge vom 11. April 2019 erzählt Anioli von einer Nacht, in der ihr Ex-Freund sie „heftig durchs Bett gewirbelt“ habe, obwohl sie mehrmals gesagt habe, sie wolle das nicht. Sie habe sich „krass unwohl“ gefühlt. Irgendwann habe er sie mit dem Oberkörper aufs Bett gedrückt, ihr die Hose heruntergezogen und angefangen an ihr „rumzuspielen.“ Dann habe er aufgehört und gesagt „Boah, ich wollte dich jetzt einfach vergewaltigen, aber ich hab’s dann doch nicht gemacht.“

Über zwei Jahre später erschien am 25. September 2021 ein Artikel mit dem Titel „#MeToo Der Fall Luke Mockridge“ im Spiegel. Die Autorinnen Ann-Katrin Müller und Laura Backes schreiben darin, dass es erstmal keinen größeren Aufschrei gegeben habe, obwohl der Podcast zu dem Zeitpunkt einer der erfolgreichsten deutschen Podcasts gewesen sei. Dann sei das Thema doch in der Öffentlichkeit aufgetaucht, denn Fans „meinten, den übergriffigen Ex identifiziert zu haben: Luke Mockridge, 32, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Comedians [..].“ Mittlerweile ist unstrittig, dass es sich um Mockridge handelt. Auch bekannt ist, dass Ines Anioli diesen wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Das Verfahren sei dem Spiegel zufolge nach zehn Monaten von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, „weil sie nicht davon ausgeht, dass der Beschuldigte aufgrund der vorliegenden Beweise verurteilt würde.“ Die Staatsanwaltschaft hätte die Entscheidung damit begründet, dass Mockridge in seiner Stellungnahme „große Teile“ bestätigt, in entscheidenden Punkten aber widersprochen habe und damit eine „Aussage gegen Aussage“-Situation vorliegen würde. Bei Anioli seien „Detailreichtum, innere Stimmigkeit und logische Folgerichtigkeit hinreichend gegeben“, aber es gebe auch Unstimmigkeiten, heißt es laut Spiegel in dem Schreiben.

Wie diese „Unstimmigkeiten“ allerdings aussehen, ist absurd. Anioli habe in der Vernehmung nicht von sich aus erzählt, dass sie habe lachen müssen als Mockridge sie in besagter Nacht gekitzelt habe. Auch dass zwischen der Tat und der Anzeige vier Monate vergangen seien und sie nach der Nacht wieder mit Mockridge über „beabsichtigte Zärtlichkeiten“ kommuniziert habe, machte sie anscheinend unglaubwürdig. Dass Mockridge sich nicht an das vereinbarte Codewort gehalten habe, sei auch in der Vergangenheit schon vorgekommen und es habe trotz „sexueller Blockaden“ Aniolos einvernehmlichen Sex gegeben. Mit einem gemeinsam vereinbarten Codewort können Partner*innen ihrem Gegenüber signalisieren, dass eine Grenze erreicht ist. Dass Mockridge sich über das Codewort hinweggesetzt hat, ist also gar kein Problem, weil er das ja schon öfter gemacht hat, alles klar.

Das Verfahren wurde also nicht eingestellt, weil bewiesen ist, dass Mockridge unschuldig ist.

Auch dass Anioli „keine Beweise“ habe, stimmt so nicht, denn es liegen unter anderem Chatverläufe zwischen den Beiden vor, die derzeit aber aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden dürfen. Zudem ist Anioli nicht die Einzige, die Mockridge übergriffiges Verhalten vorwirft. Der Spiegel hat mit mehreren Frauen gesprochen, die von ähnlichen Erlebnissen mit Mockridge berichten. Die Autorinnen hätten dabei nach eigener Aussage überprüft, dass diese Frauen in keiner Verbindung miteinander stehen und keine „Agenda“ verfolgen.

Cancel Culture? Fehlanzeige

Auf Twitter wurde der Fall viel diskutiert. Einige eigens ernannte Expert*innen standen dabei von Anfang an mit dem Totschlagargument schlechthin in den Startlöchern: der Unschuldsvermutung. Die gilt aber natürlich nur für den mutmaßlichen Täter. Weil es einfach in der Natur der Frau liege, dass sie lüge. Außerdem will Ines Anioli doch bestimmt eh nur Fame! Den hatte sie davor mit einer eigenen TV-Sendung, erfolgreichen Podcasts und einer eigenen Comedy-Tour einfach nicht.

Aber selbst wenn man der Meinung ist, die Unschuldsvermutung würde Mockridge von sämtlichen Vorwürfen befreien, steht dieser Mann als Comedian noch immer mit sehr problematischen Witzen auf großen Bühnen. Die allseits befürchtete Cancel Culture zeigt sich nämlich beispielsweise darin, dass Mockridge zu der Sat1-Show „Deutschlands beste Comedians“ eingeladen wurde und sich zu Beginn dieses Jahres mit Kolleg*innen wie Chris Tall, Paul Panzer oder Mirja Boes eine Bühne teilte. Dass diese Menschen die „erfolgreichsten Comedians“ in Deutschland sein sollen, sagt auch viel über den Humor der Deutschen aus, aber naja anderes Thema.

Mit Witzen über den Ukraine-Krieg: Luke Mockridge auf den großen Bühnen

In der Show tritt Luke Mockridge mit fragwürdigen Pointen auf. „Man kann – egal, was auf der Welt passiert – immer einen humorvollen Blinkwinkel auf die Welt draufsetzen und dann ist die Welt gar nicht so schlimm, wie sie uns immer verkauft wird. Wir können in alle Situationen reingehen, in die Ukraine zum Beispiel: Unfassbar, was da passiert. Nachrichten, die uns jeden Tag überfordern, aber es gibt einen humorvollen Blinkwinkel, wenn man bedenkt, dass ein Comedian und ein Boxer, Selensky und Klitschko, gerade die Weltpolitik beeindrucken.“ Im völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sind Hunderttausende ermordet worden. Menschen haben ihr zu Hause verloren. Es gibt zahlreiche Berichte über die grausamsten Kriegsverbrechen, aber ja man, Luke, echt richtig witzig, dass der ukrainische Präsident mal Comedian war. Krieg allgemein: mega funny. Den tagtäglichen Bombenalarm auch einfach mal aus einer humoristischen Perspektive sehen!

Nach dem semi-lustigen Programm folgt ein Pseudo-Realtalk. Vor einem Jahr habe der Komiker nicht mehr daran geglaubt, eines Tages nochmal auf einer Bühne zu stehen, weil „lets get real man, der Shitstorm war schon ein krasses Ding.“ Der habe ihn „richtig fertig gemacht.“ Weil der ist passiert – einfach so! Dass sein Bruder anscheinend wegen seines Nachnamens aus einer Fahrschule geschmissen wurde, kommentiert er, indem er erneut sein misogynes Weltbild zur Schau stellt: „Das ist eine Sache, die man dann akzeptieren muss, dass man in einem Land lebt, wo Frauen Autofahren beibringen dürfen.“

Luke Mockridge in der Brose Arena: So äußern sich die Veranstalter

Wie also kann es sein, dass ein Comedian, der quasi ausschließlich mit Skandalen und schlechten Witzen auffällt, in der Brose Arena auftreten kann? Auf Nachfrage des Ottfrieds erklärt die Bamberg Congress + Event GmbH, die die Location zur Verfügung stellt, dass ihnen die Vorwürfe zum Zeitpunkt der Vergabe des Veranstaltungsorts bekannt gewesen seien. Es sei jedoch auch bekannt gewesen, „dass es keine weiteren staatsanwaltlichen Ermittlungen mehr gegen den Künstler gab und das Verfahren eingestellt wurde.“ Der Veranstaltungsservice Bamberg äußert sich ähnlich. Auch für sie sei ausschlaggebend gewesen, dass „staatsanwaltlich kein Verfahren gegen den Künstler eingeleitet wurde.“ Außerdem habe man Mockridge als „sympathischen und umgänglichen Menschen“ kennengelernt. Klar, also dann kann an den Vorwürfen nichts dran sein. Weiter heißt es vom Veranstaltungsservice: „Wir sind keine Richter und in Deutschland herrscht nach wie vor die Unschuldsvermutung als Rechtsgrundsatz.“ Außerdem würden sie das Event nur anbieten. „Jeder Bürger kann – durch den Kauf einer Eintrittskarte – bewusst und frei entscheiden, ob er daran teilnehmen will oder nicht. .“ Auch eine schöne Umschreibung für: Wir ziehen uns vollkommen aus der Verantwortung.

Mockridge wurde nicht verurteilt – in solchen Fällen keine Seltenheit. Als Betroffene*r zu beweisen, dass eine Tat stattgefunden hat, bei der es keine Zeug*innen gibt, ist schwierig. Zudem werden Opfer häufig mit Täter-Opfer-Umkehr konfrontiert und schämen sich für das, was ihnen passiert ist. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt gegenüber der Tagesschau: “Von Hundert Frauen, die vergewaltigt werden, erlebt nur etwa eine einzige eine Verurteilung. Das liegt daran, dass 85 Prozent der Frauen keine Anzeige machen, und dann gibt es folglich auch keine Verurteilungen. Und von den 15 Prozent die übrig bleiben, werden letztendlich nur 7,5 Prozent der Täter verurteilt. Das ist indiskutabel.”

Welches Bild wird vermittelt, wenn einem Mann, dem von mehreren Frauen übergriffiges Verhalten vorgeworfen wird, große Bühnen geboten werden? Wie sollen sich Opfer sexualisierter Gewalt fühlen, wenn dieser Mann immer wieder mit seinen frauenfeindlichen und problematischen Witzen auftreten kann? Wir leben im Jahr 2023 und noch immer müssen Frauen darum kämpfen, dass ihnen geglaubt wird, während mutmaßliche Täter keine Konsequenzen zu befürchten haben. Dass Luke Mockridge problemlos in der Brose Arena auftreten kann, ist ein Schlag ins Gesicht für Betroffene sexualisierter Gewalt.

Hier findest du Hilfe, wenn du von sexualisierter Gewalt betroffen bist:

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