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USA — Eine kurze Konkretisierung der Kuriositäten
Dunkel Hell

USA — Eine kurze Konkretisierung der Kuriositäten

  • Amerika – Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Neue Welt, die Vereinigten Staaten. Es gibt diverse Bezeichnungen. Dass es eine manchmal kurios anmutende Gesellschaft und Kultur ist, ist aber auch nicht zu übersehen. Was mir diesen Sommer Kurioses in diesem Land widerfahren ist, kann manchmal mit einer schlechten Komödie verglichen werden.

Als einen der ersten Stopps wählte ich Washington D.C. Das Weiße Haus einmal aus der Nähe sehen, dem Pentagon einen Besuch abstatten und mit offenem Mund ehrwürdig vor diversen Monumenten stehen, das war der Plan. Als gleich die Kuriosität begann. Direkt gegenüber des Weißen Hauses saß eine ältere Dame an einem Proteststand. Die Schilder zeigten ein klares Nein gegen Nuklearwaffen, die Regierung und den Kapitalismus. Erstmal nichts Kurioses. Von Protestern erwartet man jedoch Einsatz, Lautstärke und Lebenswillen. Das einzige was diese Dame rüberbrachte war aber der Wille zu schlafen, was den Kapitalismus auch in dieser Konstellation vermuten lässt. Vielleicht wird sie bezahlt, um dort zu sitzen? Als sie sich in ihr ‚Zelt‘ zurückverkrochen hatte, ging auch ich weiter. Nach dem Lincoln, dem Jefferson, dem World War II, dem Martin Luther King Jr., dem FDR und dem Vietnam Veterans Memorial war mein Kopf bis oben hin gefüllt mit Informationen, die schon bald vergessen sein sollten und die ich nicht mal mehr alle dem passenden Monument zuordnen konnte. Vor einem der Memorials spielte zufällig die Band der US Army, die in ihren Uniformen so patriotisch wirkten, dass es für mich nach einem traditionellen, respektvollen Auftritt aussah. „Eine gute Abwechslung“, dachte ich mir. Das ging für ein paar Lieder gut – ein Marsch- und Gedenklied folgte dem nächsten. Als dann jedoch Disney‘s „Let it Go“ performt wurde, fühlte ich mich wie im falschen Film. Es war Zeit für mich zu gehen.

Der Satz „In Amerika ist alles so billig“ hatte sich in meinem Gehirn seit Kindesalter festgebrannt. Von wegen. Vier Tomaten für zwei Dollar und eine Milch für den gleichen Preis. Das einzig Billige ist das Fast Food. Da ich das meinem Körper nicht antun konnte, beschränkte sich meine Ernährung meist auf billiges Brot mit dem billigsten Belag und dem Obst, das gerade im Angebot war. Langsam machte sich die Sehnsucht nach der deutschen Küche, aus unerklärlichen Gründen vor allem nach Kartoffelsalat mit Wienern, breit.

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Im Museum of Modern Art, auch liebevoll MoMA genannt, tummelten sich die Kunstbegeisterten. Darunter ich. Stundenlanges Schlendern durch Räume voll weltberühmten Kunstwerken. Die ganz berühmten Gemälde erkannte man daran, dass man sie nicht erkannte. Eine Horde Asiaten, die wohl nur diese Gemälde abklapperten, versperrten die Sicht mit Selfie-Sticks und iPads, um Daheim zu beweisen ‚Ich war da‘. Diese Kuriosität lässt sich wohl aber nicht nur in New York beobachten. Später am Tag in einer schicken und überteuerten ‚Bakery‘ im hippen Village, durfte ich mir gegen drei Uhr Nachmittag von einem nicht mehr nüchtern wirkenden Herren nach der Frage woher ich komme anhören, dass Merkel den Griechen Geld stehlen würde. Auf diesen Vorwurf hatte ich nichts mehr zu kontern. Erstaunt war ich aber darüber, dass der Herr Frau Merkel kannte. Als ich dann auf einem typischen gelben Taxi den Aufkleber ‚Red Cab‘ lesen durfte, hatte ich für diesen Tag genug gesehen.

An den Niagara Fällen sah man mich wirr umherlaufen, voller Ehrfurcht vor den Wassermassen und der Kraft, die dahinter steckt. Ganz klischeemäßig machte ich eine Bootstour und bekam einen Plastikbeutel zum Anziehen, der auf der Sexy-Skala wohl eher eine minus zehn erhielt, aber durchaus nötig war. Am Ort des Geschehens angekommen wurde die Hochform des Kitsches zelebriert. Neben mir kniete ein junger Mann nieder und hielt um die Hand einer Frau an, die perplex und verloren in die Menge schaute, dann aber doch bejahte. Auch hier waren Asiaten mit ihren Tablets vor Ort. Nachdem das Adrenalin bei den beiden wieder gesunken war, machte sich der Verlobte auf und sprach jeden an, der ihm Fotos als Beweis für seinen Wagemut zusenden konnte. Wieder mit festen Boden unter den Füßen, aber mit einem Gefühl der Schwerelosigkeit, beschloss ich, mir das Spektakel auch von oben anzusehen. Von der Aussichtsplattform aus konnte man viele kleine blaue Männchen erkennen, die genauso wie ich zuvor wirr umher liefen.

Die Niagara Fälle. Foto: Lea Keil

Los Angeles war ein ausgestorbener Ort und ‚Downtown‘ glich eher einem runtergekommenen, unbewohnten Ghetto. Wo sich in anderen Städten Downtown alle 50 Meter ein Starbucks oder Dunkin‘ Donuts ausbreitete und man sich mit der Menschenmenge durch die Straßen schieben ließ, war dort einfach nichts. Den Titel verdiente dieser Stadtteil jedenfalls nicht. Die touristischen Pflichtfotografien erledigte ich und strich diese Stadt von meiner To-See-Liste.

In Las Vegas siegte die Gerechtigkeit. Ein Cop unterhielt sich mit Batman. Sie wirkten wie zwei alte Bekannte, die sich über den neusten Klatsch austauschten. Für mich ein Amusement höchster Kategorie. Die ganze Stadt war eine einzige Kuriosität. Eine Meile lang konnte man sich gar nicht sattsehen an Lichtern, Leuten und Gebäuden. Am Ende des Strips war man umgeben von nichts, das umgeben war von noch weniger nichts, der Wüste. Jedes Hotel hatte ein eigenes ‚Motto‘. So war man gefühlt an einem Abend gleichzeitig in Venedig, Rom, Paris und New York. Und mit gefühlt meine ich tatsächlich. Die Dimensionen ließen einen vergessen, dass es nur ein Nachbau aus Styropor ist. Ich ging mit einem erschreckten Lächeln.

In San Francisco hörte ich dann etwas, das mich bis heute verwundert. Gedankenlos stand ich an der Ampel, auf dem Weg zum Hafen, dem Fisherman’s Wharf. Ein Piepen oder ähnliches ist auch in Deutschland oftmals zu vernehmen, um die blinden Mitbürger zum Loslaufen aufzufordern. Nun aber das Kuriose. An dieser Ampel in San Francisco wird man nicht durch Piepen, sondern durch – und das ist weder ein Witz noch eine Übertreibung – das Geräusch der Maschinengewehrabfeuerung auf das Loslaufen hingewiesen. Da wissen die konditionierten Veteranen gleich, wann sie loslaufen müssen.

Die Freundlichkeit der Amerikaner war anfangs sehr angenehm. Man wird jedes Mal gefragt, wie es einem geht. Wobei die Antwort sich doch immer auf ‚gut‘ beschränken sollte. Keinen interessiert es wirklich wie es dir geht, aber es ist eine Art Floskel, die jeder zu pflegen versuchte. Wenn man mit seinem Einkaufswagen durch den Supermarkt läuft und sich meist auch verläuft, drückt man bei fast jeder Begegnung mit Menschen ein aufrichtiges ‚Sorry‘ durch seinen Lippen. Genauso bekam man es von anderen zurück. Nach ein paar Wochen ging es jedoch gehörig auf die Nerven. Da sah man mich murrend und ohne ein Wort zu sagen durch den Laden laufen. Am Flughafen in Deutschland angekommen rempelte ich aus Versehen jemanden an, ich entschuldigte mich nicht. Hallo kaltes Deutschland, hallo Kartoffelsalat.

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