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Start: Bamberg – Ziel: Nationalpark Steigerwald

Start: Bamberg – Ziel: Nationalpark Steigerwald

Hambacher Forst, Hauptsmoorwald und jetzt auch Steigerwald: Am Sonntag protestierten dort verschiedene Gruppen für den Erhalt des Waldes: Sie fordern den Nationalpark Steigerwald. Unsere Autorin hat XR-Aktivist*innen begleitet und berichtet wie sie den Tag erlebt hat.

Fotos: Kim Becker

Es ist der 1. März 2020. Seit Wochen wurden Aktionen unter dem Motto „Steigi bleibt“ geplant, heute ist es soweit, sie auch in die Tat umzusetzten. Ich treffe mich mit Albin und Katha von Extinction Rebellion Bamberg am Bahnhof. Wir haben uns entschieden nicht wie viele andere schon früh morgens zum Steigerwald zu fahren, um die Aktionen neben dem Waldspaziergang vorzubereiten. Stattdessen werden Albin, Katha und Emily, die mit ihrer Tochter schon am Wald auf uns wartet, ein Banner vom Turm am Baumwipfelpfad droppen. Die Aktionen wurden nicht mit den Verantwortlichen des Steigerwalds abgesprochen, sie sind umweltpolitischer Aktivismus. Das Klettern fand am Rand des Waldes statt, sodass Verantwortliche des Steigerwalds das nicht mitbekommen können.

Wir verstauen unsere Rucksäcke mit Proviant und Banner im Kofferraum und Katha gibt das Ziel im Navi ein: etwa 45 Minuten werden wir dorthin brauchen. Auf dem Hinweg will ich wissen, wie viele Demo-Teilnehmer*innen die beiden erwarten. „Es sind viele Gruppen angekündigt – manche sogar von weiter weg. Aus Jena kommt eine Greenpeace-Gruppe.“ Auf Facebook konnte man sich unter „Steigi bleibt“ informieren, wer den Waldspaziergang veranstaltet. Dort findet man eine bunte Mischung an links-grünen Gruppen, Parteien und Vereinen. Ich merke, wie stark der Support für das Projekt „Nationalpark Steigerwald“ ist. 25 „Gastgeber“ werden alleine auf Facebook gelistet, vor Ort schließen sich auch etliche Privatpersonen an. Schon oft habe ich auf FFF-Demos „Steigi bleibt“ mitgerufen, aber mich noch nicht tiefgehend mit dem Wald beschäftigt. Was genau ist die Intention hinter dem Ruf? „Das Ziel der Aktionen ist zu verhindern, dass alte Bäume entnommen und der Wald bewirtschaftet wird. Wir fordern, dass ein Teil des Steigerwalds endlich zum Nationalpark erklärt und dementsprechend geschützt wird” erklärt mir Albin. Aktuell werden ständig alte Buchen herausgenommen. Würde der Steigerwald zum Nationalpark, wäre neben den Bäumen auch die Artenvielfalt geschützt.

Am Parkplatz angekommen, machen wir uns mit unseren Rucksäcken auf in Richtung Baumwipfelpfad. Wir zahlen den Eintritt für den Baumwipfelpfad und laufen zum Turm. Es ist inzwischen etwa Viertel nach zwei. In einer viertel Stunde sollen die Spazier-gänger*innen am Turm ankommen und sehen, wie Katha, Albin und Emily das Banner droppen. Ich stehe nicht mit ihnen auf dem Turm, sondern habe mich etwas weiter entfernt auf dem Baumwipfelpfad positioniert, um das Geschehen zu fotografieren. Gerade als ich mich frage, wo die Menschen vom Waldspaziergang bleiben, kann ich sie durch die kahlen Bäume sehen. Vorne am Zug laufen Menschen mit Bannern. Auf diesen steht „Einschlagstopp für alte Buchen“ und „Alte Bäume schützen statt umsägen“. Der Banner-Drop steht kurz bevor. Alle teilnehmenden Menschen haben sich vor dem Turm positioniert. Aktivist Luca – für uns kein Unbekannter (hier findest du einen weiteren Artikel mit Luca: https://www.ottfried.de/reihen/gewaechshaus-bamberg/wie-wird-man-aktivist) weist auf das XR-Banner hin und die Menge jubelt. Extinction Rebellion Bamberg hat sich für „AUX ARBRES CITOYEN:NES – Stoppt die Zerstörung“ als Banner-Botschaft entschieden. Übersetzt heißt das „Auf die Bäume Bürger:innen!“ Es ist abgeleitet von einem umweltpolitischen Lied des Sängers Yannick Noah. Die Botschaft ist also ein gegenderter Aufruf zum Aktivismus.

Einige Minuten später macht sich die Gruppe am Boden weiter zum Waldspaziergang. Katha, Albin, Emily und ihre Tochter packen das Banner ein und kommen in meine Richtung. Wir schließen uns nicht dem Spaziergang an, sondern suchen andere XR-Aktivist*innen. Die sind schon seit dem frühen Vormittag im Wald und haben gemeinsam geübt, in Bäumen zu klettern, um dort weitere Banner aufzuhängen.

Nach einigen Minuten durch den Schlamm-Stapfen kommen wir an eine Picknick-Area in der Nähe eines Parkplatzes. Dort sehen wir schon einige Menschen, Banner, Flaggen und Hängematten in den Bäumen. Etwa 15 Menschen sind auf unterschiedliche Höhen geklettert. Ich bin beeindruckt vom Einsatz der Menschen. Alle sind gut gelaunt, immer wieder gibt es motivierende Rufe, die von der Gruppe erwidert werden. Jetzt warten wir auf die Gruppe, die sich die letzten eineinhalb Stunden auf dem Waldspaziergang von der Schönheit des Steigerwalds hat bewegen lassen.

An der Picknick-Area können wir Stimmen hören und dann auch das Frontbanner der Waldspaziergang-Gruppe sehen. Wir jubeln uns gegenseitig zu und alle strahlen sich an. Gemeinsam für den Erhalt eines Stücks Natur kämpfen fühlt sich toll an. Alle Demoteilnehmer*innen, die sich am Boden befinden, kommen in einem Kreis zusammen. Neben den Klimaaktivisten Joschi und Luca reden Vertreter*innen unterstützender Gruppen. Immer wieder bedanken sich alle bei den Organi-sator*innen. So eine Demo und die damit verbun-denen Aktionen sind eine Menge Planungsarbeit. Allen Anwesenden sind fest davon überzeugt: Gemeinsam ist das Projekt „Nationalpark Steigerwald“ möglich. Die Reden enden mit dem gemeinsamen Singen der Zeilen „Bäume sind uns gegeben, damit wir mit ihnen leben“.

Später singen einige und musizieren mit Gitarren und Geigen. Manche tanzen dazu – Albin und Katha auch. Für die Demonstrierenden gehört Positivität ganz klar zum Aktivismus. Die Demo-Gruppe teilt Brownies, Hummus und optimistische Gedanken. Sie freuen sich über den erfolgreichen Verlauf der Aktionen.

Ich möchte noch mit einem Mitglied des Vereins Nationalpark Steigerwald sprechen. Der Verein setzt sich schon jahrelang für den Wald und dessen Schutz ein. Florian Tully, zweiter Vorstand, möchte mir gerne einige Fragen beantworten. Der Bildhauer erzählt davon, wie er aus seinem Atelier in der Nähe des Steigerwalds, im Handthal, beobachten konnte, wie immer mehr Bäume entnommen wurden. Von Freunden bekommt er von der Gründung des Bürgervereins mit und beschließt sich einzubringen. Er sieht den Erhalt des Steigerwalds als Chance für die Region: „Der Nationalpark kann zum Beispiel die lokale Gastronomie und den öffentlichen Nahverkehr pushen.“ Stolz berichtet er, dass der Verein in fünf Jahren auf über 1.200 Mitglieder*innen wachsen konnte. Ich frage ihn, ob er und der Verein auch negatives Feedback erleben. „Ja da kommen schon auch Anfeindungen. Das ist ein Politikum geworden“, erzählt Florian Tully. Dem Verein stehe eine Gruppe gegenüber, sie heißt „Unser Steigerwald“ und spricht sich gegen Schutzgebiete aus. Sie wollen den Wald weiterhin bewirtschaften. Dennoch sagt er, macht der Einsatz Spaß. Der Verein organisiert zudem auch Waldführungen und kulturelle Aktionen.

Gegen 17:30 packen die Aktivist*innen ihre Kletter-Utensilien, Banner und Picknick-Snacks ein. In Fahrgemeinschaften machen sich alle auf den Heimweg.

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