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Was machen wir mit der Zeit – was macht die Zeit mit uns?

Was machen wir mit der Zeit – was macht die Zeit mit uns?

Ein Essay aus wilden Zeiten

Fotos: Ludwig Hagelstein

Tick tack, tick tack, tick tack. Drei Zeiger, eine Richtung. Der eine: tick tick tick tick tick tick, jede Sekunde ein Schlag. Der nächste tack tack tack, einmal pro Minute. Und wenn der eine 3600 Mal getickt und der nächste 60 Mal getackt hat, dann kommt auch der dritte auf die Idee, sich zu bewegen. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Die Zeit macht uns alt; sie selbst läuft beständig und dauerhaft weiter; fast unbarmherzig, gnadenlos, will man schöne Momente doch oft festhalten.

Wir alle müssen sterben. Wir sind höchstwahrscheinlich länger tot als wir leben. Das ist nicht nachprüfbar, keine*r kam bisher zurück, den/die wir hätten fragen können; wer weiß, was noch kommt! Folglich haben wir hier auf Mutter Erde nur eine begrenzte Zeit, in der wir die Welt mit unserem Wirken im besten Fall jeden Tag ein bisschen besser machen wollen. Unseren Beitrag zum großen Ganzen leisten, was auch immer das große Ganze ist.

Diese Begrenztheit des Daseins, mit dem wir alle doch so seltsam viel vorhaben

Doch setzt uns alle nicht diese Begrenztheit der humanen Existenz nicht unter Druck? Diese Begrenztheit des Daseins, mit dem wir alle doch so seltsam viel vorhaben, dafür, dass es eigentlich wenig Gründe dafür gibt? Ist die Zeit ein unabschaffbares Druckmittel der Natur, durch das uns allen ständig auf die Finger geschaut wird?
Man könnte das wohl so sehen. Tante Time steht mit erhobenem Zeigefinger immer hinter dir und zeigt dir die Endlichkeit deiner Existenz auf. Oder aber, eine ausgeflippte Theorie meinerseits, das Beste aus uns selbst herauszuholen.

Ich bin mit allen meinen menschlichen Überzeugungen gegen den Gebrauch des Wortes „YOLO“, doch die Einmaligkeit und Einzigartigkeit unseres menschlichen Daseins wird damit seltsam-gut zusammengefasst: Man lebt nur einmal und deswegen muss man alles, was man tun will, bald tun. Pinterest Bucket-List wir kommen!

Trotzdem wird die Zeit als Druckmittel angesehen. Als ein „bis wann?“, „Du hast dafür so und so lange“, als ein „zum Glück nur noch bis dahin!“. Sie wird nicht als Animation gesehen, etwas zu tun. Zeit ist Geld, time is money, das wusste schon Benjamin Franklin. Ist unser Verhältnis zur Zeit beschädigt? „S’hot a Gschmäckle“ würde der Schwabe in mir sagen, „da ist was dran“!

Wir beschweren uns über zu viel Zeit, obwohl wir uns oft nichts sehnlicher wünschen

Aktuell haben wir alle mehr als genug Zeit. Zeit um zu lesen, Zeit um Dinge zu tun, die wir lange nicht getan haben. Um Freunde und Familie anzurufen, um Briefe zu schreiben und Liebe zu verbreiten. Und was machen wir damit? In den wenigsten Fällen das, was so ein angeordnetes Zeit-haben versprechen könnte. Wir sitzen drei Stunden vor Instagram. Dann Netflix. Ein paar Memes. Und irgendwann ist dann auch schon wieder Abend. Wir beschweren uns über zu viel Zeit, obwohl wir uns oft das ganze Jahr nichts sehnlicher wünschen würden, als Zeit zu haben. Ein paar Minütchen oft nur, Stunden sind im Alltag ja schon Luxus.

Im „wahren Leben“ boomen Auszeiten von „der Zeit“. Eseltouren durch den Wald, Zeitlupencoaching (alles in Zeitlupe machen) oder Runterkommen im Schweigekloster: alles ist möglich. Und die Teilnehmer? Hochkarätig! Top-Manager, Hausfrauen und Achtsamkeits-YouTuber aus aller Welt schweigen sich an, weil ihnen die Welt da draußen zu schnell verläuft. Jetzt hätten wir alle Zeit zur Entschleunigung und nutzen sie kaum. Wir wollen keine Zeit von einem Virus verordnet bekommen, wir wollen selber bestimmen! Selber bestimmen, wann wir Zeit „verschwenden“. Zeit verschwenden. Verschwenden… Als würde die Zeit uns gehören, als würden wir sie besitzen.

Doch ob wir unsere aktuelle Situation nun als verschwendete oder nicht verschwendete Zeit ansehen, hängt auch von uns ab. Der leider viel zu früh verstorbene David Foster Wallace hielt 2005 eine Rede für die Abschlussklasse des Kenyon College. „This is water“ heißt sie und ist sehr lesenswert. Sie handelt von Fragen des Erwachsenseins, des Denkens. Und dabei auch vom alltäglichen Leben. Eine Metapher kommt auch vor. Darin treffen sich drei Fische, ein älterer und zwei junge. Der ältere fragt die beiden jungen, wie denn das Wasser sei. Darauf erwidern sie: „What the hell is water?“ Was zur Hölle ist Wasser?

Gerade sind wir Fische ohne Wasser

Was ist unser Wasser? Unser Wasser ist Einkaufen gehen. Zur Arbeit gehen. Die Uni. Sich mit Freunden treffen. Das Bier auf der Unteren, das Picknick im Hain, das Treffen im Café. Gerade sind wir daher ein Fisch ohne Wasser. Wir sind eingeschränkt in dem, was wir können und was wir dürfen. Vielleicht kommt uns daher die Zeit, die wir haben, verschwendet vor. Weil wie sie nicht mit dem Füllen können, mit dem wir sie eigentlich füllen wollen würden. Weil wir uns Alternativen suchen müssen, wir Gewohnheitstiere sind und uns das schwer fällt. Weil wir gerade merken, was Wasser eigentlich ist.
Wenn das Wasser fließt, dann rennt die Zeit. Stunden sind Sekunden, Jahre sind Tage. Und gerade sitzen wir ein wenig auf dem Trockenen.

Die Zeit zieht sich und wir sind unzufrieden damit, wie wir sind, wie wir sie füllen und weil wir es gerne anders hätten. „All we know is that we don’t know / how it’s gonna be / Please brother let it be”, die Gallaghers von Oasis sangen das.  Lass es einfach, Bruder (Geschwisterteil). Du kannst die Zeit nicht beeinflussen. Du kannst das beste draus machen: „Dance if you want to dance / Please brother take a chance”. Tanzen wir. Machen wir Quatsch. Vergeuden wir Zeit, oder Vergeuden wir sie nicht. Basteln, telefonieren, fernsehen, was auch immer. Aber machen wir mit unserer Zeit eines: Sie zu Hause verbringen.

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