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Alles schwarz‐weiß sehen

Alles schwarz‐weiß sehen

Weder Apps noch Selbstdisziplin helfen gegen die Handysucht? Wer Farben von seinem Display verbannt und YouTube, Instgram und die Taschenrechner-App nur noch durch einen Graufilter sieht, soll weniger am Smartphone hängen. Schwarz‐Weiß als letzte Rettung.

Foto: Yura Fresh

Today’s Usage: 5 h 16 m. Screen Unlocks: 122. Anfangs habe ich mich noch geschämt. Die aufpoppenden Ermahnungen, doch mal eine Pause zu machen, klicke ich weg, ohne sie wahrzunehmen. Auf einer virtuellen Wiese pflanzt eine App Bäume, wenn ich wenig Zeit am Handy verbringe. Meine Wiese sieht aus, als hätte es in Katalonien jahrelang nicht mehr geregnet. Zusammen mit der täglichen Nutzungsdauer, die mir permanent eingeblendet wird, erinnert die Szenerie auf meinem Display an Salvador Dalís „Die zerrinnende Zeit“-erschreckend treffend.

Fünf Apps versuchen mir mit vereinten Kräften mehr analoge „Quality Time“ zu bescheren. In der Bahn glotze ich trotzdem auf die Instagram Story der Chefin meiner Freundin. Und in den fünf Minuten vor der Vorlesung like ich das neue Profilbild von Sarah, die mit mir auf dieselbe Schule ging und es angeblich mit einem von der Parallelklasse auf der Toilette der Fünftklässler gemacht hat. Aber es werden auch Dokumentationen, Reportagen, Filme, Musikvideos oder sehenswerte Interviews durch den Äther geschickt. Oder das Video in dem Felix Passlack, eine ehemalige Linksverteidiger‐Hoffnung, seinen Kaugummi mehrmals mit diversen Körperteilen jongliert und danach wieder mit dem Mund auffängt. www.youtube.com/watch?v=X4JJ1mU4IfY absolut sehenswert.

Ein Freund gab mir einen Tipp, wie man sich von all diesen Dingen befreien kann. (Okay, ich habe es im Internet gelesen.) Der Handybildschirm soll durch einen Schwarz‐Weiß‐Filter nur noch Graustufen statt Farben anzeigen. Was sich im ersten Moment ziemlich Vintage anhört, hat auf die Nutzung denselben Effekt, als würde man nur noch fettarmen Quark kaufen. Man lässt es ganz bleiben.
Nach einer Woche, in der mein Display im Grau verregneter Februartage erstrahlte, kann ich bezeugen, dass es hilft. Selbst das schönste Tor lässt sich in schwarz‐weiß nicht bejubeln. Die Bilder, unter denen #foodporn, #travelblogger oder #afterwediditpic steht, wirken ohne Farbe ziemlich fad. Die Grautöne rauben auch Facebook seinen letzten Reiz.

Um das Telefon auf Schwarz‐Weiß zu stellen, musst du beim iPhone diese Schritte befolgen: Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display‐Anpassung und dort unter “Farbfilter” den Menüpunkt “Graustufen wählen” anklicken. Bist du Android‐Nutzer? Dann musst du erst die Entwickleroptionen freischalten. Dafür bei den Einstellungen die Option “Über das Telefon” auswählen. Dann siebenmal auf das Logo des Betriebssystems oder die sogenannte Build-Nummer klicken. Bei den Einstellungen sollte jetzt der Reiter “Entwickleroptionen” erscheinen. Auswählen, ein bisschen scrollen bis du unter “Hardware” den Punkt “Farbraum simulieren” findest. Dort dann nur noch „Farbenblindheit“ aktivieren.

Die einzige Herausforderung ist es, sich diese Einschränkung dauerhaft aufzuzwingen. Also nicht rückfällig zu werden, doch mal zum Quark mit 40% Fett zu greifen und die Farbe wieder einzuschalten. Anderen Junkies wird der schwarz‐weiße Bildschirm des lebensnotwendigen Brettchens in deiner Hand auffallen. Auf deine Erklärung hin, werden sie wie Raucher bekunden am liebsten nie mit dem Scheiß angefangen zu haben, bevor sie wieder im digitalen Dunst verschwinden.

Nur die App, die meine tägliche Dauer am Handy aufzeichnet, habe ich immer noch. Today’s Usage: 1 h 09 m. Screen Unlocks: 37. Zum Glück wird meine Zeit am Laptop nicht mitgezählt.

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