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Eine Tour durch Bambergs jüdische Geschichte

Eine Tour durch Bambergs jüdische Geschichte

Seit über 1000 Jahren leben Jüd*innen in Bamberg – also so lange wie es die Stadt offiziell gibt. An diesen Orten haben sie das Bamberger Stadtbild besonders geprägt.

Foto: Pixabay

Am offensichtlichsten ist das am Namen der Judenstraße zu erkennen.  Sie erinnert an die erste jüdische Gemeinde Bambergs. Der “Judenhof” bestand aus elf Anwesen, die in der Ecke zwischen Schranne, Lugbank, Balthasargäschen und Pfahlplätzchen lagen. Hier haben im Mittelalter mehrere jüdische Familien zusammengelebt. Die jüdische Gemeinde baute unter anderem eine Mikwe (ein Tauchbad), ein Tanzhaus und die erste Synagoge Bambergs. Die Bamberger Jüd*innen wurden 1422 vom Bamberger Fürstbischof Friedrich III. von Aufseß enteignet und mussten ihre Grundstücke am „Judenhof“ und in der Judenstraße verlassen. Auf den Grundmauern der alten Synagoge wurde die heutige Marienkapelle gebaut. Die Kapelle wird nicht mehr genutzt, eine Infotafel klärt über die Ursprünge des Gebäudes auf.

Nach der Enteignung um 1422 mussten die jüdischen Familien Bambergs in die nichtbischöfliche Inselstadt ziehen. Im Stadtgebiet rund um die heutige Kesslerstraße durften Jüd*innen leben und Handel treiben. Bei den Bauarbeiten der neuen Gebäude „An den Stadtmauern“ wurden unterirdische Stufen entdeckt, deshalb wird vermutet, dass sich die Gemeinde hier eine Mikwe gebaut hatte. Ein Erinnerungszentrum wurde an dieser Stelle Anfang 2020 eröffnet. Jüd*innen wurden 1478 komplett aus Bamberg vertrieben und ihr Besitz beschlagnahmt.

Der jüdische Friedhof in der Siechenstraße 102 wurde 1851 eingeweiht. Vorher war es der jüdischen Gemeinde in Bamberg seit der Vertreibung im Jahr 1478 nicht gestattet, einen eigenen Friedhof zu betreiben. Stattdessen mussten sie auf jüdische Friedhöfe in umliegenden Dörfern ausweichen. Auf dem Friedhof in der Siechenstraße befinden sich heute etwa 1200 Gräber, hier wurden auch viele bekannte jüdische Bürger*innen Bambergs begraben. 1965 wurde der Friedhof geschändet, 23 Grabsteine wurden mit antisemitischen Parolen und Hakenkreuzen beschmiert. In derselben Woche war schon das neu errichtete Mahnmal am Synagogenplatz geschändet worden.

Wer schonmal vom Café Rondo aus Richtung ZOB gelaufen ist, fiel sicherlich schonmal die imposante Villa gegenüber der Volksbank auf. Die „Villa Wassermann“ war ebenfalls ein Bankgebäude und hat eine Verbindung zur wahrscheinlich bekanntesten jüdischen Familie Bambergs. Die Brüder Angelo und Emil Wassermann gründeten 1880 das Bankhaus A.E. Wassermann, dessen Bamberger Filiale in der Villa mit der (heutigen) Adresse Willy-Lessing-Straße 1 lag. Das Bankhaus hatte außerdem eine Filiale in Berlin, sowie Vertretungen in Brüssel und in Wien. Die Söhne der beiden Bankiers stiegen ebenfalls ins Bankgeschäft ein, entweder bei der Deutschen Bank oder im Familienbetrieb in Berlin oder Bamberg. Ihre Bank hatte nationale und internationale Bedeutung.

Die Aronstraße im Bamberger Osten ist nach dem jüdischen Widerstandskämpfer Willy Aron benannt. Der Gerichtsreferendar engagierte sich schon als Jugendlicher bei der Sozialistischen Arbeiter-Jugend und verteidigte Anfang der Dreißigerjahre mehrere Sozialist*innen vor Gericht. Aron wurde deshalb mehrere Male gewaltsam angegriffen, nach der Machtergreifung Hitlers wurde er in „Schutzhaft“ genommen und am 15. Mai 1933 ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort wurde er so brutal misshandelt, dass er vier Tage nach seiner Ankunft in Dachau starb. Er war erst 26 Jahre alt. Seine Eltern, Albert und Berta Aron, wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Die kleine Minna-Neuburger-Straße zweigt von der Starkenfeldstraße kurz vor dem Edeka ab. Die Straße wurde 2019 vom Bamberger Stadtrat nach der ehemaligen jüdischen Geschäftsfrau benannt. Ihr Mann Philipp Neuburger war Mitinhaber der Schuhfabrik „Gebr. Neuburger AG”, welche 1938 im Rahmen der „Arisierung” der deutschen Wirtschaft zwangsverkauft werden musste. Die inzwischen verwitwete Minna Neuburger wurde 1942 ins Transit-Ghetto Izbica deportiert.

Die „Weiße Taube“ am Zinkenwörth 17 ‑19 war ein jüdischer Brauereigasthof, der im Dezember 1935 von der Bamberger Israelitischen Kultusgemeinde gekauft wurde. Das Gebäude diente vor Kriegsbeginn als Treffpunkt der Bamberger Jüd*innen, die zu diesem Zeitpunkt von der vom Nationalsozialismus beherrschten Gesellschaft komplett ausgeschlossen wurden. Das Gebäude diente nach der Pogromnacht 1938 unter anderem als Betsaal, Schule und Unterkunft für Zwangsumsiedler*innen. Ab November 1941 wurde es zum Sammlungsort für die fünf Deportationstransporte aus Bamberg umfunktioniert. Von 1942 an wurde das Gebäude von der SS genutzt, im April ‘45 wurde es bis auf einen Seitentrakt zerstört. Nach dem Abriss des Gebäudes in den Achtzigern wurde an der Stelle ein neuer Gebäudekomplex gebaut, der unter anderem das Ibis-Hotel beherbergt.

Am 9. November 1988 wurde der vorher namenlose Platz hinter dem Amtsgericht zum „Synagogenplatz“ benannt. Hier stand die fünfte Bamberger Synagoge, die in der Reichspogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten abgebrannt wurde. Das Gebäude war erst am 11.September 1910 eingeweiht worden. Heute erinnert an dem Platz ein begehbares Mahnmal an die Geschichte des Ortes.

Das heutige jüdische Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg befindet sich in der Willy-Lessing-Straße 7a. Das Gebäude wurde auf dem Gelände der ehemaligen jüdischen Nähseidenfabrik Kupfer, Hesslein & Co. gebaut. Das Gemeindezentrum besteht aus einer Synagoge, Veranstaltungssälen und Lehrräumen für die rund 660 Mitglieder.

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