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Der König ist tot, lang lebe der König!

Der König ist tot, lang lebe der König!

Am 16. Mai startet die Bundesliga nach Corona-Pause wieder. Doch der Fußball ist krank und gehört noch länger in Quarantäne. Das finden Zwei, die dem Fußball seit Jahren verfallen sind und nun um ihn fürchten. Eine kommentierte Chronologie.

Foto: Jona Gebhard

Der Schiedsrichter pfeift ab. Der Fernseher wird auf stumm geschaltet. Ermüdet vom trostlosen Zweitligakick zwischen dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld trinken wir unseren letzten Schluck des nicht minder faden Bieres aus und zahlen. Es ist Montag, der 09. März, der vorerst letzte normale Fußballabend für fußballbegeisterte Kneipen- und Stadiongänger*innen.

Zwei Tage darauf findet zum allerersten Mal in der Geschichte der Bundesliga ein Spiel ohne Zuschauer*innen statt. Festgelegt wurde dies von der Deutschen Fußball Liga (DFL), der Interessensvertretung für Vereine der 1. und 2. Bundesliga. Dennoch versammeln sich um die 1000 Fans außerhalb des Stadions, um den Derbysieg von Gladbach gegen Köln ausgelassen zu feiern. Zeitgleich wird bekannt, dass ein Spieler von Hannover 96 als erster Profifußballer im deutschen Raum positiv auf das Corona-Virus getestet wurde.

Am 13. März stoppen vier der fünf größten Ligen Europas ihren Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit. Sturer als das Kölner Maskottchen zeigt sich die Bundesliga und besteht darauf, den kommenden Spieltag auszuführen und erst danach zu pausieren. „Stellt euch der Realität […] es gibt viel wichtigere Dinge als Sport“, fordert daraufhin Bayern-Profi Thiago auf Twitter. Außerdem gibt es Meldung aus Bremen, denn die Stadt verbietet das anstehende Spiel von Werder gegen Leverkusen, um drohende Fananstürme vor dem Stadion auszuschließen – ganz schön smart. Der mediale Druck an diesem Mittwoch steigt und steigt. Am Ende gibt die DFL mürrisch klein bei und setzt doch sämtlichen Profifußball in Deutschland aus.

Anfang April berichtet der Kicker in einem Artikel über eine drohende Insolvenz von 13 der 36 Profiklubs aus der 1. und 2. Liga im Falle eines kompletten Abbruchs der Saison. Während in der Öffentlichkeit überwiegend mit einem Ende gerechnet wird, schmiedet die DFL im Feuer des Schicksalsberges den einen Plan, den Spielbetrieb doch fortzusetzen. Später erklingen erste Stimmen aus der Politik, Laschet und Söder lassen verlauten, eine Wiederaufnahme der Bundesliga ab Mai sei „denkbar“.

Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre für die „Fanszenen Deutschlands“ laut einem Schreiben vom 18.04 ein „blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft“. Noch vor wenigen Wochen als „hässliches Gesicht des Fußballs“ diffamiert, organisieren deutschlandweit Ultra-Gruppen Einkaufshilfsdienste und hängen Soli-Banner vor Krankenhäusern auf.

Erst Hände, dann Köpfe schütteln

Kurz darauf veröffentlicht die DFL ein Hygienekonzept: Auf 35 Seiten wird erklärt, wie man sich einen vermeintlich sicheren Spielbetrieb vorstellt. Fans sind logischerweise nicht im Stadion erlaubt, die Zahl der zugelassenen Personen ist auf das Nötigste beschränkt. Für die 22 Feldspieler gibt es keine Maskenpflicht, dafür einen Maulkorb für den ganzen Verein, denn sollte ein positiver Test bei Teammitgliedern vorliegen, soll diese Information nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Außerdem sollen zuständige Gesundheitsämter entscheiden, ob sich in diesem Fall das gesamte Team oder nur die Betroffenen in Quarantäne begeben müssen.

Am Morgen des 04. Mai lässt Hertha-Profi Kalou die Aktie von Facebook im Alleingang in Richtung Kareem Abdul-Jabbar schnellen. Per Livestream nimmt er seine Fans mit in die Kabine. Der Tragweite seiner Handlungen nicht bewusst, begrüßt er seine Mitspieler per Handschlag, macht sich über das Virus lustig und beschwert sich über die krisenbedingte Gehaltskürzung von elf (!!) Prozent. Der klägliche Versuch der DFL, diesen Skandal als Einzelfall unter den Rollrasen zu kehren, scheiterte an der platzwartähnlichen Empörung Fußballdeutschlands. Dieses Video zeigt in formvollendeter Dummheit, wie die Hygienevorschriften von Profis mit Stollen getreten werden. Der Imageschaden für Verein und Liga ist hart, die Konsequenz für Kalou Hertha. Der jüngst suspendierte Spieler wurde vor kurzem hinter der Kasse des Ramschladens Tedi gesichtet, berichten Insider.

Lobbyismus sei Dank, kann die DFL am Abend des 06. Mai ein lautes Humba-Tätärä anstimmen. Kabinenselfie-Kanzlerin Merkel hatte am Nachmittag auf einer Pressekonferenz das Go für die Wiederaufnahme der Bundesliga in der zweiten Maihälfte gegeben. Die Sonderrolle von König Fußball stößt bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Unverständnis. Dies ändert sich auch bis zum tatsächlichen Restart nicht.

Wem gehört der Fußball?

Für wen also rollt der Ball ab dem 16. Mai in den verwaisten Stadien? Für die Fans offensichtlich nicht. Gerade für Ultras und aktive Fans gilt Alfred Preißlers Spruch „Entscheidend is auf’m Platz“ nicht. Entscheidend ist die gemeinsame Anreise im Bus, das Drängen vor den Bierständen und das in-den-Arm-Nehmen nach einer bitteren 0:1‑Niederlage im verregneten Wiesbaden. Und auch für die Haupttribünengänger*innen ersetzt die Couch nicht die Stadionatmosphäre.

Auch um die Spieler scheint es nicht zu gehen. Obwohl sie die Hauptfiguren sind, spielen sie nur eine Nebenrolle. Für das Produkt Fußball wird die Gesundheit der Spieler wortwörtlich aufs Spiel gesetzt. Äußern sie Kritik an den Entscheidungen der DFL, wie Köln-Profi Verstraete, werden sie mundtot gemacht.

Viele Vereine stehen im Falle eines Abbruchs vor der Insolvenz, da vor allem die Gehälter der Profis kaum zu decken sind. Während die meisten Mitarbeiter*innen der Klubs in Kurzarbeit geschickt wurden, posieren Profis wie Lewandowski vor ihren neuen Sportwagen. Die Überbezahlung der Fußballprofis als bizarr zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Um aus dem selbstgeschaufelten Grab zu steigen, sollen Geisterspiele Fernsehgelder in die Kassen der Vereine spülen. Doch die Rettung der Vereine dient der DFL als vorgeschobener Grund: Das Dahinsiechen von Traditionsvereinen wie dem 1. FC Kaiserslautern, Rot-Weiß Erfurt und der SG Wattenscheid 09 war ihr bisher auch herzlich egal.

Ein Blick nach Dresden zeigt, dass die Zeit für einen geregelten Spielbetrieb längst noch nicht gekommen ist. Nachdem mehrere Corona-Tests bei Dynamo positiv ausfielen, schickte das zuständige Gesundheitsamt das gesamte Team in zweiwöchige Quarantäne. Während die anderen Teams in dieser Zeit mit dem Ball trainieren, können sich die Spieler des abstiegsbedrohten Vereins nicht einmal individuell fit halten, da Dynamo nicht genügend Trainingsgeräte zur Verfügung hat. Zudem müssen die ersten beiden angesetzten Spiele in einem ohnehin schon eng getakteten Restspielplan nachgeholt werden. Sportliche und faire Wettbewerbsbedingungen sind unter diesen Umständen genauso wenig vorhanden wie Goleos Hose.

Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs hilft nur denen, die schon seit Jahren im Fußball das reine Geschäft sehen. Ihnen sind die Anliegen der Spieler, die Interessen der Fans und eigentlich auch die Existenz der Vereine egal. Sie wollen ihr krankes Business irgendwie noch am Leben halten. Obwohl man die Spiele nur zu Hause schauen kann, kommt das einem Public Viewing im ursprünglichen Sinne gleich: Wir sehen dem Fußball, den wir lieben, beim Sterben zu.

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