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Darf man Europa noch lieben?

Darf man Europa noch lieben?

Ich bin im Zwiespalt. Meine Europa-Fahne weht aus dem Fenster: Ich möchte meine pro-europäische Haltung zeigen und hinter den Werten Europas stehen. Gleichzeitig handelt nicht einmal Europa nach den eigenen Werten und lässt unzählige Menschen an den Außengrenzen sterben. Kann ich noch hinter diesem versagenden Europa stehen?

Fotos: Kim Becker

Europa als charmantere Form von Patriotismus?

Für mich gab es immer viele Gründe, Europa-Fan zu sein. Neben den offensichtlichen Aspekten aus politischer Überzeugung, empfand ich es lange als die charmantere Form, das innere Bedürfnis nach Patriotismus auszuleben. Vorneweg: Patriotismus ist uncool, aber ich habe ihn bisher noch nicht ganz unterdrücken können. Mein Punkt ist: Mit einer Deutschland-Fahne wirkt man wie Grillmeister Dieter, der bei jedem internationalen Fußballwettbewerb zum Trainer wird und „kein Rassist ist, aber …“. Mit einer Europa-Fahne spricht man sich für ein moralisches, friedliches Bündnis aus. Klingt besser, oder? Außerdem bin ich „Eurovision Song Contest“-Hooligan. Beim jährlichen ESC-Hype wedle ich ganz gerne mit der schönen blau-gelben Fahne. Und die Sterne passen auch so gut zur Glitzer-Welt des Musikwettbewerbs.

Das europäische Versagen

Aber Europa ist gerade weit von moralisch richtigem Handeln entfernt. Die Verzweiflung zahlreicher Menschen auf griechischen Inseln und im Mittelmeer wird ignoriert. COVID-19 verschlimmert die Lage. Norbert Blüm, der kürzlich verstorbene ehemalige Bundessozialminister, spricht in Zusammenhang mit Europas Verweigerung, Flüchtende aufzunehmen, von „moralischer Insolvenz“. Europa versagt. Menschen müssen sterben, weil Europa versagt. Die europäischen Länder verweigern zahlreichen Booten das Anlegen und ignorieren die unhaltbaren Zustände in Moria. Um Corona-Schutzmaßnahmen müssen sich die Flüchtenden streiten, weil zu wenige zur Verfügung gestellt werden. Und meine Fahne weht fröhlich aus dem Fenster? Das erscheint mir falsch. Man hängt nichts aus dem Fenster, von dem man nicht überzeugt ist (außer man ist der stereotype Bad Cop in einem US-Film, der jemanden erpresst).

Aber ich möchte die Fahne auch nicht abnehmen. Ich will weiter an die europäische Idee glauben.

In einem Antiquariat habe ich mal ein Buch gekauft. Es heißt „Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben“. Muss man das? Ich glaube, wir müssen differenzieren zwischen der „Idee Europa“ und der Realität. Ich liebe die Idee, aber verurteile die Realität. Nichtdestotrotz bleibe ich Idealistin: Ich glaube daran und setze mich dafür ein, dass die Idee Realität wird.

Ich werde meine Fahne also weiter wehen lassen, aber auch das aktuelle europäische Versagen ansprechen – und darüber schreiben.

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