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Biste weak, biste woke!

Biste weak, biste woke!

Keeping up with Kim Kolumna – epsiode 4

Menschen haben Schwächen. Nothing new. Statt sie zu verdrängen sollten wir sie als Chance sehen, Schwachstellen in der Gesellschaft zu erkennen.

Foto: Külli Kittus

Schwächen müssen positiv gesehen werden – das wissen wir schon aus etlichen #selflove Posts. Viel zu häufig werden sie noch als verwerflich verurteilt, dabei können wir sie als Chance sehen: wenn wir mehr zu unseren Schwächen stehen, könnten wir mögliche gesellschaftliche Ursachen aufdecken. Natürlich sollte niemand dazu gezwungen werden, sich so zu öffnen, aber wir können einen Raum dafür schaffen, uns darüber auszutauschen.

Vermeintliche Mängel müssen durch Gespräche beachtet und normalisiert werden: Wir nutzen die weaknesses, um die Gesellschaft woke zu machen.

Perspektivenwechsel

I got 99 Problems and Regelstudienzeit is one of them

Regelstudienzeit. Immer, wenn ich das lese oder höre, bekomme ich ein schlechtes Gefühl. So als müsste ich mich schlecht fühlen, dass ich länger als sechs Semester für meinen Bachelor brauche. „Ah, im sechsten Semester bist du? Dann schreibst du ja jetzt deine Bachelorarbeit!“ – darauf versuche ich dann zu antworten, warum das nicht der Fall ist. Entscheidet man sich dafür, länger als sechs Semester zu studieren, ist das ein Privileg. Wenn man es sich leisten kann, die Regelstudienzeit zu überschreiten, hat man beispielsweise die Möglichkeit unterschiedliche Kurse zu belegen oder sich neben dem Studium zu engagieren. Das Nicht-Einhalten der Regelstudienzeit wird aber oft mit Faulheit oder schlechter Organisation verbunden. Das sollen also die Gründe dafür sein, dass laut statista.com beispielsweise 2018 nur 33,6 Prozent aller Studierender ihr Studium in der jeweiligen Regelstudienzeit abgeschlossen haben. I doubt it! Es gibt einige Aspekte, die hinter einer hohen Semesteranzahl stecken können: Beispiele sind Familiengründung, lange Krankheiten, familiäre Probleme oder Studienwechsel. Sogar Ehrgeiz kann ein Grund sein, wenn die Person beispielsweise nur Prüfungen zu Themen, die sie interessieren, ablegen möchte.

Das Prinzip Regelstudienzeit scheint für den Großteil der Studierenden nicht zu funktionieren. Vielleicht ist der Grund eben nicht, dass einige faul sind, sondern, dass es zu pauschal gedacht ist. Die optimale Studiendauer ist von individuellen Aspekten, wie beispielsweise dem Charakter, abhängig. Das Prinzip ist für einen Anteil Studierender also nicht passend. Um diesen zu definieren, müssen wir mehr über das Thema sprechen. Wer sich dazu bekennt, länger für das Studium zu brauchen, kann aufzeigen, dass der Gedanke der Regelstudienzeit nicht funktioniert.

Zum Umweltschutz beitragen – Führerschein vertagen

Ich habe bisher noch keinen Führerschein gemacht. Wenn ich das in Gesprächen droppe, reagiert mein Gegenüber in neun von zehn Fällen überrascht. „Warum denn nicht?“ „Warst du zu faul?“ „Hast du Angst vor dem Autofahren?“ Das sind oft die ersten Reaktionen – die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Anderen scheint es unglaublich zu widerstreben, eine solche, vermeintlich normale Sache nicht in der Jugend erledigt zu haben. Sie fragen oft impulsiv und fordern so unbewusst Antworten ein, die Personen vielleicht gar nicht hätten geben wollen. Ich habe mich schon oft bedrängt gefühlt, persönliche Details zu erzählen. So können Selbstzweifel bei der*dem Befragten entstehen. Statt mich runterziehen zu lassen, habe ich einen neuen Grund für meine anhaltende Abneigung gegenüber dem Führerschein gefunden: Autos sind schlecht für die Umwelt. Guess what – ab jetzt bin ich nicht mehr die ängstliche Kim ohne Führerschein, sondern Kim, die sich aus Liebe zur Umwelt sogar gegen einen Führerschein entschieden hat. Gut, ganz wahr ist das nicht, aber inzwischen möchte ich tatsächlich auch aus diesem Grund den Führerschein erstmal nicht nachholen.

Empathie für Therapie

Ein weiteres Thema, das dringend normalisiert werden muss, ist die Psychotherapie. Laut dem „Report Psychotherapie 2020“ der DPtV leiden 27,8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an einer psychischen Störung. Das sind 17,8 Millionen Menschen. Dabei wurden Kinder und Jugendliche noch nicht berücksichtigt. Laut dem Report wurden im Jahr 2011 74,1 Prozent der psychischen Krankheiten nicht behandelt.

Die Isolierung während Corona hat sich negativ auf die psychische Gesundheit ausgewirkt. Auch in meinem Umkreis kam das Thema Therapie immer häufiger auf. In persönlichen Gesprächen findet es seinen Platz, aber im gesellschaftlichen Diskurs geht es unter. Das müssen wir ändern. Dabei darf aber niemand unter Druck gesetzt werden, über die eigene Psyche erzählen zu müssen.

Das Narrativ um Psychotherapie ist zu negativ. Psychische Krankheiten sagen nichts darüber aus, ob der Mensch, der sie durchleben muss, ein „Gewinner“ oder „Verlierer“ ist. Einerseits hat die Therapie nichts mit genereller charakterlicher Schwäche zu tun. Menschen, die sich für eine Therapie entscheiden, können sich an einem negativen Punkt befinden, aber das ist kein Grund sie als schwach zu bezeichnen. Im Gegenteil: Es ist ein starker Schritt, sich Hilfe zu holen, um die eigene psychischen Gesundheit anzugehen. Wer erkennt, dass er*sie nicht allein weiterkommt, hat sein*ihr Ego überwunden. Außerdem ist das Empfinden von physischen und psychischen Schmerzen individuell. Charaktereigenschaften sind bei jeder Person verschieden, manche kommen beispielsweise besser mit der Leistungsorientierung des Kapitalismus klar. Auch durch die individuelle Häufigkeit von Schicksalsschlägen und anderen spezifischen Umständen, haben Menschen unterschiedlich starke Schmerzen zu durchleiden.

Wir müssen uns vom Gedanken lösen, dass psychische Krankheiten charakterliche Schwächen sind oder damit zusammenhängen. Und dabei spielt es keine Rolle, wie psychisch krank sich eine Person fühlt: Therapie wird nicht erst durch ein bestimmtes Level der psychischen Krankheit legitimiert. Das Thema geht uns alle an. Also: wir müssen mehr über psychische Erkrankungen nachdenken, reden, posten und schreiben und uns gemeinsam dem Thema stellen.

Niemand ist ohne Schwächen. Oft wirken sie sich nachteilig auf uns aus, aber sie können auch Vorteile haben. Wir können beispielsweise Einblicke erhalten, welche Prinzipien und Strukturen zu viel vom Menschen fordern. Wir sollten die Chance nutzen, auf diese Probleme in der Gesellschaft hinzuweisen und andere zu stärken, die Schwächen noch als persönliche Fehler betrachten.

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