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Bin ich zu empfindlich oder seid ihr zu rassistisch?

Bin ich zu empfindlich oder seid ihr zu rassistisch?

Ibo Mohamed bezieht Stellung zu Hanau und den Reaktionen danach. Er erklärt verschiedene Formen von Rassismus und wie wir dagegen aktiv werden sollten.

Titelfoto von Judith Kinitz, weitere Fotos von Yannick Finzel, Kim Becker und Franzi Mäckel

Dieser Gastbeitrag von Ibo Mohamed entstand in einem Gespräch mit Laura Kohler und Kim Becker. Sie haben Ibos Inhalte verschriftlich, um sprachliche Hürden zu überwinden.

Das rassistische Attentat in Hanau ist inzwischen über ein Jahr her. Mit der Seebrücke und anderen Gruppen haben wir auch hier in Bamberg ein Gedenken organisiert. Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen. Wir müssen uns immer weiter an den Terroranschlag und die Opfer erinnern. Auch, weil es noch viele offene Fragen gibt – und die Behörden und die Politik sich mit Antworten zurückhalten. Außerdem habe ich als Schwarzer Mensch auch Rassismus erfahren müssen, ich weiß, wie schlimm sich das anfühlt. Dass nach Hanau kaum Demonstrationen, zum Beispiel wie bei George Floyd, und kaum öffentliche Reaktionen kamen, fand ich traurig.

Wir müssen uns speziell am 19. Februar, aber auch den Rest des Jahres daran erinnern, dass es rechte Gewalt gibt und dass wir dagegen aktiv sein müssen. Deutschlandweit. Besonders von Städten und der Politik erwarte ich deutlich mehr. Es sollte bei Gedenken unterstützt werden, sie sollten sich selber einbringen und nicht die Arbeit den Aktivist*innen überlassen. Wo waren die Positionierungen der Stadt Bamberg und der Bürgermeister?

Klare Worte von der Politik und danach müssen Handlungen folgen

Aber auch bundesweit bin ich enttäuscht. Es kann nicht sein, dass die Politiker*innen dem Thema so wenig Aufmerksamkeit geben. Und wenn darüber gesprochen wurde, dann oft falsch: „Intoleranz” oder „Fremdenfeindlichkeit“ wurden als Gründe genannt. Die Frage ist: Wer ist fremd? Der Begriff ist falsch. Es waren keine fremden Menschen. Es waren Deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund. Die Opfer haben Hanau mit aufgebaut. Der Grund war rassistische Ideologie. Und das Attentat sollte auch so benannt und nicht auf Einzelfälle geschoben werden. Es muss klar gesagt werden: Hanau war kein Einzelfall. Halle war kein Einzelfall. Die Aufklärung der vielen Fälle rechter Gewalt ist noch zu wenig.

Viele Politiker*innen denken nicht an die Opfer und deren Bedürfnis nach Antworten. Sie denken eher an die nächste Wahl und ihre Stimmen und versuchen nicht den Kern des Problems solcher Attentate zu bekämpfen: Rassismus ist ein strukturelles Problem. Sie sollten sich klar dazu positionieren.

Politiker*innen müssen aktiv das Problem Rassismus in Deutschland anerkennen, dafür Bewusstsein schaffen und dementsprechend handeln.

Im Anschluss müssen Politiker*innen aber auch aktiv werden. Menschen wie der Innenminister Seehofer haben wichtige Ämter inne, haben Macht und wissen dabei viel zu wenig über Rassismus. Er hat beispielsweise auch gesagt: „Die Migration ist die Mutter aller Probleme”. Diese Aussage fördert nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft, sondern vielmehr den Hass und die Hetze, den Rassismus. Seehofer lehnt auch eine Studie über Rassismus in der Polizei ab – und das wird akzeptiert. Das ist ignorant und darf nicht sein! Politiker*innen müssen aktiv das Problem Rassismus in Deutschland anerkennen, dafür Bewusstsein schaffen und dementsprechend handeln. Die Bundeskanzlerin hat nach Hanau gesagt „Rassismus ist ein Gift, Hass ist ein Gift“. Wo bleiben die Handlungen zur Bekämpfung des Gifts?

Antirassismus in der Aktivismus-Szene: An die eigene Nase fassen!

Innerhalb von Fridays For Future bin ich in der Arbeitsgruppe „Antirassistischen Klimabewegung“ aktiv. Auch in aktivistischen Gruppen gibt es rassistische Denkstrukturen. FFF setzt sich für Klimagerechtigkeit ein, aber diese Gerechtigkeit kann nicht ohne den Kampf gegen Rassismus und Sexismus erreicht werden. Das funktioniert nur zusammen. Das ist leider noch nicht bei allen in der Bewegung angekommen. Beispielsweise rufen wir auf Demos „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Diese Aussage geht in eine rassistische Richtung. Es sind aktuell schon Menschen von der Klimakrise betroffen, deren Heimat zerstört ist und deren Gegenwart geklaut wurde – von privilegierten Weißen im globalen Norden. Auf den Plakaten werden Tiere und Bäume gezeigt, die sterben könnten. Es sind aber auch Menschen existenziell betroffen – jetzt schon. Oft habe ich deshalb das Gefühl, dass anderen Aktivist*innen Bäume wichtiger sind, als das Leben vieler Menschen. Es muss im Aktivismus bewusster werden, dass auch viele Menschen ihre Lebensgrundlagen oder ihr Leben verlieren – wir müssen sie in den Fokus rücken.

Auch wenn beispielsweise die bundesweiten Accounts von FFF auf Social Media zum Thema Rassismus posten, merkt man an den negativen Reaktionen in den Kommentaren, dass da noch viel Arbeit vor uns liegt.  Die Ortsgruppen müssen sich viel mehr damit beschäftigen – auch hier in Bamberg müssen wir das.

Ich sehe das Problem auch in anderen links-grünen Gruppen. Und sogar auch bei Gruppen, die sich eigentlich als antirassistisch bezeichnen. Ich wurde schon gefragt „Wie ist das für dich als jemand Fremdes in Bamberg?“. Solche Aussagen verletzen mich sehr, weil ich mich als Teil von Bamberg fühle, Bamberg ist meine zweite Heimatstadt. Sowas passiert leider häufig, weil sich einige Gruppen nicht wirklich mit Rassismus auseinandersetzen. Es reicht einfach nicht aus, sich zu positionieren, wenn die Handlungen und Gedanken dann trotzdem rassistisch sind. Antirassismus darf kein Aushängeschild oder ein Titel für ein besseres Gewissen sein – dahinter müssen auch Wissen und verändertes Verhalten stecken. Viele müssen sich da an die eigene Nase fassen!

Rassismus gegen Geflüchtete

Auf und nach ihrer Flucht machen Menschen oft diskriminierende, rassistische Erfahrungen. Warum erzählen sie davon so selten? Sie sind zu dankbar und akzeptieren deshalb, dass ihnen weniger Wert zugeschrieben wird. Das darf nicht Normalität sein.

Ich merke diese Unterscheidung auch in Bamberg. Wenn bei einem Gespräch in einer Behörde auffällt, dass mein Deutsch nicht perfekt ist, werde ich weniger ernst genommen. Eine weniger gute Ausdrucksfähigkeit ändert nichts an meinem Wert. Die Menschen, die so mit Geflüchteten umgehen, überlegen sich nicht, wie sich das auswirken kann. Viele haben durch die Flucht beispielsweise psychische Probleme bekommen und ein solcher Umgang ist dann schwer zu ertragen. Um das zu verbessern, sollten in Behörden Fortbildungen für interkulturelle Themen angeboten werden. Dann würden sich die Mitarbeiter*innen mehr mit den Hintergründen der Geflüchteten auseinandersetzen und sie passender behandeln.

Rassismus im Alltag: Dem strukturellen Problem entgegenwirken

Ich merke Rassismus unter anderem Online: Viele Menschen schreiben negative Kommentare. Bevor sie so etwas veröffentlichen, haben sie sich meistens nicht ausreichend informiert und dabei gibt es so viel Material – Podcasts, Erklärungen im Internet und Bücher z.B., die zur Verfügung stehen. Ich antworte auf solche Kommentare dann nicht, denn dafür fehlt mir die Kraft. Ich freue mich aber darüber, wenn besonders weiße Menschen einspringen. Weiße werden dann leider auch weniger stark angezweifelt als Migrant*innen, wenn sie anderen Weißen Dinge erklären.

Auch generell im Alltag wünsche ich mir als Erstes, dass sich Menschen mehr mit Rassismus beschäftigen und eigenständig weiterbilden. Rassismus hat seine Geschichte in der Kolonialzeit und besteht seitdem. Es gibt keine „Rassen“ beim Menschen. Das sind wissenschaftliche Fakten. Diese Grundlagen wissen viele schon nicht. Schwarze Menschen müssen dann oft noch Erklärungsarbeit leisten, dabei gibt es schon Quellen zur Information. Wir sind aber nicht da, um euch diese Arbeit abzunehmen. Ich rede gerne mit anderen über das Thema, aber die Grundlagen möchte ich nicht erklären. Und wenn ihr Schwarze fragt, solltet ihr auch zuhören. Wenn wir von eigenen Erfahrungen berichten, ist das sehr heilig für uns und jede Form von Desinteresse ist verletzend und nimmt die Lust darüber zu sprechen.

Es sollte Schwarzen außerdem mehr Verständnis entgegengebracht werden, wenn sie emotional auf die immer gleichen Fragen und besonders auf Fremdbezeichnungen reagieren. Da frage ich mich zu oft: Bin ich zu empfindlich oder seid ihr zu rassistisch?

Wir dürfen das Thema Rassismus nicht von uns wegschieben

Als zweiten Punkt erwarte ich, dass sich Weiße ihrem verinnerlichten Rassismus bewusst werden. Rassistische Gedanken gibt es nicht nur in der rechten Szene und bei der AfD, sie haben vor Hitler existiert und es gibt sie immer noch. Rassistische Gedanken sind in den Köpfen der Gesellschaft und strukturell verankert, wir dürfen das Thema Rassismus nicht von uns wegschieben. Du bist kein schlechter Mensch, nur weil dir mal ein rassistischer Gedanke kommt. Du hast keine Schuld. Vorurteile bestehen und wir machen Fehler, aber wir müssen darüber reflektieren.

Dazu zählt auch, dass Weiße oft verallgemeinern. Sie sagen zum Beispiel „Afrikaner sind unhygienisch, in Deutschland sind wir hygienischer“. Was ist das für eine Aussage? Afrika ist so ein großer Kontinent, es zählen über 50 Länder dazu – das kannst du nicht mit einem Land (wie Deutschland) vergleichen! Ich finde, es gibt keine Notwendigkeit für das Vergleichen von Ländern. Jedes Land hat gute und schlechte Seiten.

Danach sollten Weiße auch in Diskussionen gehen und laut sein. Wenn sie beispielsweise rassistische Kommentare im Bus bemerken, wünsche ich mir, dass sie mutig sagen: „Was du sagst, ist nicht in Ordnung!“. Sprecht darüber – auch in Gesprächen mit Freund*innen und unter Weißen.

Wir müssen anfangen, Menschen als gleichwertig wahrzunehmen. Ein schwarzer Mensch gehört genauso nach Deutschland wie ein weißer Mensch.

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