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Bekenntnisse eines Steakboys
Dunkel Hell

Bekenntnisse eines Steakboys

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Die studentische Essenslandschaft teilt sich in zwei Lager, nämlich die sonnige und die dunkle Seite. Die Guten und die Schlechten. Auf der Seite der grünen Jedis: Der Vegetarier, bewaffnet mit Tofu-Würstchen und Mandelmus-Brotaufstrich. Auf der Seite der bösen Sith: Ich, mit Fleischklopfer und Geflügelsalami. Warum ist das so? Muss das sein?

Es kotzt mich an, dass ich als Nicht-Vegetarier von der studentischen Umwelt angeschaut werde wie ein Bewohner eines fremden Planeten. Ausgegrenzt, ausgesperrt, allenfalls noch geduldet – was, du isst noch Fleisch? Also ich habe damit schon vor Jahren aufgehört … ich bin da schon einen Schritt weiter als du. Aber das wird noch, sobald du dich mal damit auseinandersetzt! – Was für eine naive, rückständige und stumpfe Weltsicht wird mir attestiert, nur weil ich nicht jedem Trend hinterherrenne? Mir wird unterstellt, dass ich blind durch den Supermarkt gehe, ohne über meinen Tellerrand zu schauen, obwohl auch ein Karnivor kritisch reflektieren kann.

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Die pseudohipsterverseuchte Uni wird zur Bastion des Vegeterrorismus; auf dem Grillrost im Hain wird es langsam eng für mein Steak. Von zwei Grünkernbratlingen wird ein Öko ja nicht satt und so konkurrieren gleich vier dieser Weltretter-Fladen mit meinem T‑Bone, das noch dazu angeekelt beäugt wird. Aber euer Gummitofu reizt mich nicht, da kann ich gleich in ein mit Salz und Pfeffer abgeschmecktes Stück Wellpappe beißen.

Warum wird mir das Gefühl eingetrichtert, auf der Seite der Bösen zu stehen? Jedes Mal, wenn ich mich mit Vegetariern kritisch über Ernährungsstile zu unterhalten versuche, läuft das Gespräch früher oder später darauf hinaus, dass ich mich verteidigen muss. Auf dem Olymp der Political Correctness warten auf den Yogalehrer offenbar nicht nur Erleuchtung und Seelenheil, sondern auch die Lizenz zum Vorwurf. Dabei ist die Wahl des eigenen Ernährungsstils etwas Persönliches, in das mir auch kein selbsternannter „Aktivist“ reinreden darf, nicht einmal ein von Geburt an grüner Yoda „Tofu erlösen dich wird“.

Aber nein, ich werde mir kein Beispiel an den sandalentragenden Salatköpfen nehmen, die mit Sojaschnitzel und Dinkelpatties versuchen, ihren ökologischen Fußabdruck und damit die Welt zu retten – und mir stolz erzählen, dass sie in den kommenden Semesterferien zum dritten Mal im Flugzeug nach Kalkutta sitzen werden. Das Seelenheil liegt einfach im bewussten Umgang, nicht im Verzicht.

Und erst recht nicht in Kalkutta.

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