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Bekenntnis eines Kampfradlers

Bekenntnis eines Kampfradlers

Unser Autor verliert auf dem Fahrrad jede Beherrschung. Er weiß das und es ist ihm egal. Ein Aufschrei eines verzweifelten Verkehrsteilnehmers.

Foto: Elias Drost

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Ich bin ein Kampfradler. Einer der Gattung, über den sich die Leute aufregen, wenn sie ihm gerade über den Weg gelaufen sind. Einer, der auf dem Fahrrad schimpft, schreit, winkt und fuchtelt. Der im Sattel aufsteht, um sich noch beim Fahren umzudrehen und nach hinten weiter zu zetern. Und ja, möglicherweise formt sich meine rechte Hand auch manchmal zu gesellschaftlich eher verpönten Gesten. Auf dem Rad bin ich ein höchst unangenehmer Zeitgenosse. Und ich find‘s gar nicht schlimm.

Im Alltag versuche ich freundlich zu sein, diplomatisch und umgänglich. Wenn mir jemand blöd kommt, will ich trotzdem höflich bleiben. Aber sobald ich den Fahrradsattel unter dem Hintern und die Pedale unter den Füßen spüre, wenn meine Hände die Gangschaltungsgriffe umschließen und ich den Jackenreißverschluss ganz hochziehe, habe ich keine Lust mehr auf Umgänglichkeit.

Warum? Weil ich es satthabe.

Ich habe es satt, angehupt zu werden, weil ich den Fahrradstreifen verlasse, um links abzubiegen. Ich habe keine Lust mehr, auf eigentlich zweispurigen Radwegen von völlig unbeteiligten Fußgängern angegiftet zu werden („Geisterradler!“). Ich möchte auf engen Straßen mit einem schmalen Radelstreifen nicht mehr für den Lkw‐Fahrer mitdenken müssen, ob die Breite für uns beide reicht oder ob ich der akuten Gefahr einer Querschnittslähmung ausgesetzt bin. Und vor allem reicht es mir, dass es scheinbar in der Verantwortung des Fahrradfahrers liegt, nicht von rechts abbiegenden Autos umgemäht zu werden.

Der Bamberger Autofahrer ist eine Spezies mit hohem Besitzanspruch. Wer sich auf vier Rädern und mit mindestens 50 PS fortbewegt, regiert die Straße. Alle anderen niederen Formen der Verkehrsteilnehmer sind ihm untergeordnet und haben ihm unter Androhung von Verstümmelung und Tod aus dem Weg zu gehen. Für manche Pkw‐Piloten ist die seltsame Ausbuchtung mit dem Stück Glas an der rechten Außentür wohl Deko oder vielleicht der Schminkspiegel des Beifahrers.

Faulheit oder Arthritis im Genick erlauben offenbar keine Drehung des Kopfes mehr

Jedenfalls nichts, wo man mal reinschauen könnte, wenn man beschwingt zum Feierabend in die Kreuzung brettert. Beim Stichwort toter Winkel denken einige eher an das staubige Eck hinter dem Nachtkästchen oder eine Sonderform des rechten Winkels. In keinem Fall könnte es aber der Bereich neben dem Auto sein, in dem Leute sterben. Und wenn der Begriff Schulterblick nicht schon auf dem Friedhof des Vergessens gelandet ist – Faulheit oder Arthritis im Genick erlauben offenbar keine Drehung des Kopfes mehr, die übers Autoradio hinausgeht.

Es hilft nur ein „Geht’s noch?!“

Meine unzivilisierte Art auf dem Rad ist mein Ventil, um all das rauszulassen. Es ist nicht nur Wut. Es ist die Verzweiflung, das Ausgeliefertsein, das meine Hemmschwelle auf Radkappenhöhe senkt. Im Zweifelsfall schlägt Blechkarosserie immer Studentenbody. Wenn ich wild fuchtle, dann will ich selbst vom bräsigsten Vierrad‐Killer noch im Rückspiegel bemerkt werden. In Ermangelung einer leistungsstarken Hupe kombiniere ich das gern mit einem gefühlvoll durchs Heckfenster gebrüllten „Geht’s noch?!“. Damit der (oder die) mal checkt, wie knapp ich gerade an einem barrierefreien Umbau meiner Wohnung vorbeigeschrammt bin.

Vielleicht bringt das gar nichts. Vielleicht juckt die Fahrerin das gar nicht oder sie regt sich nur auf. Aber es hilft nichts. Als dürres Männchen auf sieben Kilo Alu und Speiche habe ich keine Wahl. In der Hoffnung gehört zu werden, muss ich einfach brüllen.

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