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Adela Pfahlplätzchen!

Adela Pfahlplätzchen!

Keeping up with Kim Kolumna: episode 6

Ich verlasse meine Wohnung im Wohnheim in der Judenstraße 2. Ein Abschiedsbrief.

Fotos: Kim Becker

Im September sagen viele „Bye, Bye“. Sie verabschieden sich von der Heimat in den Urlaub, vom Kinderzimmer nach dem Abitur, vom WG-Zimmer nach dem Bachelorstudium. Der Monat ist für viele Ende einer Ära und Beginn einer neuen. Auch ich muss mein geliebtes Zimmer im Wohnheim in der Judenstraße 2 verlassen. Die Miete ist auf die Regelstudienzeit beschränkt.

Wohnheime sind für viele Studierende in Bamberg ein Ort, an dem man sich ans Studi-Leben gewöhnt. Sie sind eine Mischung aus allein Wohnen und Gemeinschaft. Und sie sind eine Sammlung an Erinnerungen – an die Zeit als Ersti, volle Stundenpläne und das erste Mal allein Leben. Auch für mich war das Wohnheim-Leben super, aber jetzt heißt es Veränderung.

In diesem Sommer scheint halb Bamberg umzuziehen. Überall konnte man Umzüge beobachten, Möbel wurden von A nach B getragen und neue WGs gegründet. Corona hat einigen Studis wahrscheinlich Lust auf einen Umzug gemacht. Klar, nach mehreren Wochen in bekannter Umgebung nimmt die Langeweile zu. So viele Umzüge auf so kleinem Raum. Bamberg erinnert mich da an diese Spiele von früher, bei denen man kleine Vierecke in einem Quadrat verschoben hat, bis sich ein Bild ergeben hat. Schiebepuzzle hießen die.

Sirenen, Skaterboys und Superspreader

Meine Wohnung hatte den perfekten Ausblick über die Judenstraße, Richtung Schranne und über das Pfahlplätzchen. Aber das ist nicht das einzige, das ich vermissen werde.

Geräusche-technisch bleibt mir eine Mischung aus Krankenwagen-Sirenen, Autos, laut redenden Partypeople, lachenden Senior*innen-Gruppen, schreienden Kindern und natürlich Baustellen-Lärm im Kopf. Seit ich im Frühling 2018 dort gewohnt habe, wurde nahezu die gesamte Zeit über das Dach eines der Nachbarhäuser neu gedeckt. Ich habe auf der gleichen Höhe gewohnt wie die Etagen der Gerüste, auf denen die Bauarbeiter gearbeitet haben. Das heißt: Eindeutig zu viel Bauarbeiter-Blickkontakt beim Frühstücken.

Aber mehr als der Sound bleiben mir die Menschen im Kopf. Auf dem Platz, den Cafés, der Bank in der Platz-Mitte und den Straßen konnte ich viele beobachten. Passiert halt so, wenn man den ganzen Tag am Fenster sitzt — Ich bin aber safe keine Stalkerin.
Immer wieder waren Skater, ich habe sie Kaulberg-Skaterboys genannt, auf der Straße unterwegs und am Tricks trainieren. Auch ein paar bekannte Bamberger*innen waren regelmäßig unterwegs: Sie sind morgens zur Arbeit in die Karolinen- und Sandstraße über den Platz gelaufen und abends wieder nach Hause. Einmal habe ich an der berühmten Ampel Richtung Judenstraße sogar Erzbischof Ludwig Schick getroffen. Generell war die Ampel ein Ort der Begegnung. Das liegt wohl daran, dass es die Fußgänger*innen-unfreundlichste Ampel Bambergs ist und man for ever warten muss.
Natürlich waren auch viele Tourist*innen präsent. Die erkennt man aber auch super easy als solche, weil sie mit ihren Trolleys langsam über das Kopfsteinpflaster rollern und gerne überallhin, nur nicht auf den Weg schauen. Ich hatte pro Tag locker acht Blickkontakte mit verwirrten Touris. By the way glaube ich, dass es kaum einen unhygienischeren Gegenstand gibt als die Touri-Infotafel am Pfahlplätzchen. Nur zu schauen ist nicht das Motto der ambitionierten Traveller, stattdessen wird auf dem Glas rumgedätscht und geschmiert. Stichwort Superspreader.
Außerdem kann man im Sommer eine vermenschlichte Form der Gezeiten in Bamberg sehen. Am frühen Abend werden junggebliebene 30-Jährige von Wilde Rose und Spezial-Keller angezogen und nachts strömen sie wieder in die Innenstadt zurück. Nature is so powerful.

Also: Adela Sirenen, Skaterboys und Superspreader. Adela Pfahlplätzchen. Du warst sehr gut zu mir. Bis bald.

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