Schließen
Lies Mich: Tyll

Lies Mich: Tyll

Stolz steht Daniel Kehlmanns Roman TYLL in meinem Bücherregal – der neonorange Schriftzug leuchtet frech über dem Einheitsgrau des restlichen Umschlags. Hier bricht jemand Regeln der Kunst: vermischt hippe Neonschrift mit historischem Gemälde, versetzt die schrille, schräge Figur des Till Eulenspiegel in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges um 1620. „Ein Geniestreich“, schwärmen die Kritiker im Chor. Ich stimme mit ein.
Foto: Kristina Kobl

Obwohl dieses Buch kein historischer Roman ist, könnte eine Erinnerung an den Geschichtsunterricht hilfreich sein – nur kurz! Till Eulenspiegel lebte angeblich als umherstreichender Gaukler um 1300 in Deutschland und verdiente sein Geld durch Kunststücke und Schauspielerei. Er zog von Dorf zu Dorf oder blieb längere Zeit an einem Hof und brachte seine Mitmenschen zum Lachen und Nachdenken, indem er sie nachahmte und dadurch lächerlich machte, kurzum: ihnen einen Spiegel vorhielt. Durch seinen boshaften und doch scharfsinnigen Humor übte er Kritik an der Gesellschaft und den Verhältnissen der damaligen Zeit – dem Hochmittelalter. Dieser legendären Figur also bedient sich Daniel Kehlmann und versetzt sie an den Anfang des Dreißigjährigen Krieges; in jene verheerende Zeit in Europa, die sich durch unerbittliche Grausamkeit und erbärmlichste menschliche Zustände auszeichnet.

Warum tut der Autor das? Um ganz in der Manier seines Protagonisten Tyll der damaligen Zeit einen Spiegel vorzuhalten. Um eine gewitzte, derbe und listige Persönlichkeit die Geschichte kommentieren zu lassen, vor Ort, bei den kleinen Leuten und den großen, mächtigen. So besuchen wir erst Tyll, den armen Müllersohn in seiner Mühle und stehen neben ihm im Publikum, als sein Vater wegen Hexerei verurteilt und öffentlich gehängt wird. Später ziehen wir mit ihm durch deutsche Dörfer und sehen uns das Elend an, das der Krieg bei den Unschuldigen hinterlässt. Wir sind froh, wie Tyll dem wandernden Volk anzugehören, um die Schauplätze des Grauens wieder verlassen zu dürfen.

Der Roman wird episodenhaft erzählt, wechselt gelegentlich die Perspektive und gibt dabei betont wenig auf Chronologie. Auf diese Weise sehen wir nebenbei Elisabeth Stuart, der Tochter des englischen Königs, dabei zu, wie sie in Deutschland nacheinander alles verliert: Besitz, Rang und schließlich ihren Ehemann. Man erkennt viele Figuren und Geschehnisse aus der Historie wieder. Es wird allerdings auch einiges hinzugedichtet, abstrahiert oder mystifiziert. Übernatürliche Elemente hängen mit der Natur ganz selbstverständlich zusammen und werden nicht hinterfragt.

Mich begeistert Kehlmanns Art, zu erzählen. Er schreibt in einfach gehaltenen Sätzen und verwendet eine sehr direkte Sprache. Das lässt seinen subtilen Humor scharf zwischen den Zeilen hervorblitzen und beschreibt dabei die bare Grausamkeit des Zeitgeschehens erschütternd nüchtern. Für mich hebt er mit seiner Erzählweise den Schleier, der oft über Vergangenem liegt und lässt uns das Paradox erleben, in das Hier und Jetzt von vor 400 Jahren zu schlüpfen.

Schließen