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Lies Mich: Neunzehn Minuten

Lies Mich: Neunzehn Minuten

„In Neunzehn Minuten kann man den Rasen vor dem Haus mähen, sich die Haare färben, Brötchen backen, sich vom Zahnarzt eine Füllung machen lassen oder die Wäsche für eine fünfköpfige Familie zusammenlegen. Neunzehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von der Grenze zu Vermont nach Sterling in New Hampshire. (…) In Neunzehn Minuten kann man die Welt anhalten oder einfach von ihr abspringen. In Neunzehn Minuten kann man Rache nehmen.“
Foto: Natalie Becker

Jodi Picoult greift in ihrem Roman „Neunzehn Minuten” wie immer ein brisantes Thema auf. Sorgfältig recherchiert und sensibel erzählt, handelt „Neunzehn Minuten“ von Schuld, der verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit und Erklärungen sowie der Bedeutung von echter Freundschaft.

Kann man verschwinden, wenn man nie wirklich da war? Für den 17-jährigen Schüler Peter eine rhetorische Frage. Sein Leben lang war er ein Außenseiter, der von seinen Mitschülern nur gedemütigt, gequält und verspottet wurde. Sogar seine Sandkastenfreundin und heimliche Liebe Josie will nichts mehr mit ihm zu tun haben, da es in der Pubertät für sie wichtiger ist, in der richtigen Clique aufgenommen zu werden. Wodurch sie sich den Kontakt zu Peter nicht mehr leisten kann. Nach außen hin erträgt Peter fast gleichgültig die Demütigungen und zieht sich immer weiter in seine eigene Welt zurück, bis er eines Tages einfach keinen Ausweg mehr weiß.

Bis zu diesem Tag war die Welt des kleinen Ortes Sterling in New Hampshire in Ordnung. Doch der Schüler Peter Houghton beschließt, sich für sein ganzes Leben zu rächen – er zündet auf dem Parkplatz seiner Schule eine Bombe und marschiert dann mit einem Rucksack voller Handfeuerwaffen in das Gebäude, um auf jeden zu schießen, der sich ihm in den Weg stellte, bis er schließlich von der Polizei überwältigt wird. Neun Schüler und ein Lehrer sterben an diesem Tag. Viele werden schwer verletzt und müssen mit bleibenden Schäden kämpfen. Josie Cormier, die Tochter der Richterin, hat das Massaker an der Schule überlebt, während ihr Freund Matt genau neben ihr erschossen wurde. Sie wäre die perfekte Zeugin. Aber sie kann sich nicht erinnern, was geschehen ist. Nun beginnt die Aufarbeitung dieser schrecklichen Tat und die Frage, wie etwas Derartiges passieren konnte und wer die Tat hätte verhindern können.

Die verschiedenen Sichtweisen und Rückblenden, aus denen die Geschichte erzählt wird, führen zu einem besseren Verständnis der Hintergründe und ermöglichen eine Fülle an Nebenhandlungen die sich parallel zum Hauptgeschehen entwickeln.
Josie, die eigentlich nur beliebt sein wollte und Angst davor hatte, genauso zum Außenseiter zu werden wie Peter. Peters Mutter Lacy, die sich fragt, wie aus ihrem kleinen Jungen ein Mörder werden konnte und wer die Schuld an all dem trägt und vor allem, wie viel Schuld sie selbst trifft. Alex Cormier, Josies Mutter und erfolgreiche Richtern, die den Fall von der juristischen und eher pragmatischen Seite sieht und dabei die ohnehin schon schwierige Beziehung zu ihrer Tochter aufs Spiel setzt, indem sie den Fall sogar übernehmen will. Und zu guter Letzt natürlich auch Peters Version. Aber nicht nur die erzählenden Personen, sondern auch Ort und Zeit wechseln.

Statt den siebzehnjährigen Amokläufer als Monster darzustellen, versucht Jodi Picoult, auf sachliche Art und Weise die Bluttat zu erklären. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ihn zum unschuldigen Opfer der Gesellschaft macht. Vielmehr befasst sie sich nicht nur mit dem eigentlichen Amoklauf, sondern geht auch der Frage nach, was das Gewaltverbrechen für Peter und seine Opfer bedeutet. Sie beleuchtet die Ursachen und Folgen des Schulmassakers aus verschiedenen Blickwinkeln und führt die oftmals harte Realität von Ängsten und Problemen Jugendlicher an Highschools vor Augen.

Schlussendlich lässt das Buch den Leser betroffen und nachdenklich zurück und wie immer bei Jodi Picoult bringt das Ende eine überraschende Wende.

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