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Lies Mich: Ein wenig Leben

Lies Mich: Ein wenig Leben

Die Wörter „düsteres Geheimnis“ bilden ziemlich häufig den Abschluss von Klappentexten reißerischer Trivialliteratur. Doch Hanya Yanagiharas Buch „Ein wenig Leben“ ist beides nicht, weder reißerisch noch Trivialliteratur. Und das Geheimnis, das Jude in die Gruppe seiner Freunde mitbringt, ist düsterer als alles, was sich der Leser hätte vorstellen können, bevor er dieses Buch zu lesen beginnt.

Foto: Insa Prünte

William, JB, Jude und Malcom sind seit dem College befreundet. Doch über Jahrzehnte, von jungen Erwachsenen zu Mitvierzigern, kreisen ihre Leben immer enger um das von Jude. Die anderen wissen eigentlich nichts über ihn. Jude verhindert beim Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen jedes Erzählen aus der eigenen Vergangenheit und jeden Austausch von Geheimnissen. Er leidet immer wieder unter Flashbacks seiner Kindheit und Jugend. Seine Vergangenheit ist geprägt von Misshandlung und selbstverletzendem Verhalten. Er sehnt sich nach Nähe und fürchtet sich zugleich davor, verstoßen zu werden, sollte jemand sein Geheimnis erfahren.  Sein Wunsch und seine unermessliche Furcht darüber zu reden existieren parallel. Er verwendet all seine Energie darauf so normal wie möglich zu erscheinen und beginnt nach außen hin den amerikanischen Traum zu leben. Innerlich jedoch sackt er immer tiefer in das schwarze Loch seiner Erinnerungen. So kommen Jude und die anderen seiner Vergangenheit immer näher, je weiter sie sich von ihr entfernen wollen.

Die Autorin wechselt immer wieder die Erzählperspektive, von Jude zu einem seiner Freunde, einem Bekannten oder seinem Arzt. Zu Beginn scheint es noch der Vorstellung der vier Hauptcharaktere zu dienen. Doch je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr dreht sich auch die Welt der anderen Erzählcharaktere um Jude. Eine Situation wird teilweise mehrmals aus den Augen verschiedener Charaktere betrachtet. Dadurch, dass die Perspektiven so unterschiedlich sind, wirkt das immer wieder überraschend auf den Leser.

Hanya Yanagihara beschreibt auf diese Weise die Dimensionen des Bösen und des Schmerzes so scharf, dass es unmöglich wird Jude nicht zu verstehen, nicht mit ihm zu leiden, nicht mit ihm Hoffnung zu gewinnen, nur um ihrer wieder beraubt zu werden. Durch ihren virtuosen und trotzdem so schlichten Erzählstil zwingt die Autorin den Leser an Szenen teilzunehmen, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und doch kommt auch das Gute, Schöne, Liebevolle in Hanya Yanagiharas Buch vor. So herzerwärmend beschrieben, dass kaum auffällt, dass es zwischen Gut und Böse in diesem Roman eigentlich überhaupt nichts gibt.

Dieses Buch ist keines, welches einfach so „nebenbei“ gelesen werden kann, nichts für ruhige Sommerabende in der Hängematte und definitiv nichts für einen wild-romantischen Fantasieausflug. Aber es zu lesen ist bewegend, erschöpfend, fesselnd, schockierend und bereichernd – mehr als „Ein wenig Leben“ in einem Buch.

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