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Zuhause ist, wo sich das WLAN automatisch verbindet

Zuhause ist, wo sich das WLAN automatisch verbindet

Unsere Autorin spricht keinen Dialekt und ist auch kein Mitglied der heimischen Blasmusikkapelle. Trotzdem fühlt sie sich im Allgäu zu Hause. Und auch an ganz vielen anderen Orten. Ist das ein Problem?
Foto: Kristina Kobl

„Feel, weisch du eigedlich was an Boale isch?“ Ich starre meine Oma an. Wir sitzen auf einer Holzbank vor dem Haus meiner Eltern in einem kleinen Dorf im Westallgäu. Durch die Obstbäume kann man auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Kühe weiden sehen. Blaumeisen zwitschern und die Luft riecht nach frischgemähtem Gras. Meine Oma strickt an meinem gefühlt hundertsten Paar Socken und sieht mich erwartungsvoll an. Den ersten Teil des Satzes kann ich mir noch herleiten. „Mädchen, weißt du eigentlich was ein Boale ist?“ Aber was ein Boale ist, nein Oma, das weiß ich beim besten Willen nicht. Es ist einer dieser Begriffe aus dem Allgäuerischen, eine Unterart des Schwäbischen, bei denen ich regelmäßig glänzend versage. Dabei habe ich den größten Teil meines Lebens in eben jener Region verbracht.

Nach einer recht umständlichen Erklärung, die einen längst verstorbenen Onkel und eine Katze im Traktor beinhaltet, stellt sich heraus, dass ein Boale ein Rechen ist. Die Allgäuer Bauern nutzen diesen, um das Gras auf den Weiden zusammenzutragen. Mit einem wehmütigen „Mei, des Mädle isch jetzt hald von de Stadt“ [Tja, das Mädchen kommt jetzt halt aus der Stadt] zieht meine Oma von dannen und lässt mich leicht konsterniert ob meiner Unwissenheit über die regionalen Besonderheiten meiner Heimat zurück. Diese Art der Verständigungsschwierigkeit ist keine Seltenheit zwischen uns beiden. Denn ich spreche keinen Dialekt.

Nicht, weil es jetzt so hipster fancy ist zu reden, als käme man aus Big City Berlin statt aus dem 500‐Seelen‐Kuhkaff, wo der vegane Pumpkin Spice Latte noch immer nicht angekommen ist. Ich kann es schlichtweg nicht. Als Kind habe ich Dialekt gesprochen. Aber irgendwie scheint mir dieser auf wundersame Weise beim Erwachsenwerden abhandengekommen zu sein. Ohne, dass ich es bewusst darauf angelegt hätte. Ich versuche wirklich, mit meiner Oma Dialekt zu sprechen. Schon allein, weil ich den Verdacht habe, dass sie mich nicht so richtig versteht, wenn ich es nicht tue. Aber das, was dann aus meinem Mund kommt, klingt falsch, seltsam, lächerlich. Wie wenn einer dieser Samstagabend-SAT1-„Comedians“ auf die originelle und noch nie dagewesene Idee kommt, den Dialekt einer Region nachzumachen, deren Grenze er noch nie übertreten hat.

Für Heimatverbundenheit hat unsere Generation nicht viel übrig — und erst recht keine Zeit“

Ich spreche Hochdeutsch, besitze kein Dirndl, war nie Mitglied in der örtlichen Blaskapelle oder im Faschingsverein. Wenn ich koche, dann am liebsten italienisch. Die perfekten Kässpätzle, praktisch das Nationalgericht der Allgäuer, habe ich immer noch nicht hinbekommen – und gebe mir ehrlich gesagt auch nicht sonderlich viel Mühe, es zu tun. Christbaumloben, ein schwäbischer Brauch, bei dem man in der Adventszeit von Haus zu Haus zieht und jeden Weihnachtsbaum ausgiebig mit Hochprozentigem preist, war ich das letzte Mal vor knapp acht Jahren und vor den handgeschnitzten Hexen‐ und Wolfsmasken der Allgäuer Faschingszünfte habe ich Angst. Wenn jemand versucht, meine Herkunft zu erraten, werde ich meist irgendwo zwischen Hamburg und Kiel eingeordnet. Immerhin knapp 900 Kilometer daneben.

In der Generation der Reiseblogger und VW‐Bus‐Umbauer‐und‐damit‐um‐die‐Welt‐Fahrer ist die Mitgliedschaft im heimischen Fußballverein nicht gerade hip. Vor allem, wenn sie beinhaltet, dass man jedes Wochenende zum Spiel nach Hause fahren muss. Das tut nämlich eigentlich nur die Klischee‐Grundschul‐Mausi, die in der Heimat immer noch wahlweise Hund, Pferd oder Freund hat. Und bisher jede gute WG‐Party in Bamberg verpasst hat. Für Heimatverbundenheit hat unsere Generation nicht viel übrig – und erst recht keine Zeit.

Das behauptet zumindest die Generation 70 plus, die eigentlich sowieso das meiste an uns doof findet. Sie fürchtet sich vor aussterbenden Dialekten und vergessenem Brauchtum. Reagiert oft mit Unverständnis auf unser Fernweh nach exotischen Orten. Meine Oma freut sich, wenn ich ihr von meinen Reisen erzähle. Aber verstehen kann sie nicht wirklich, warum ich lieber irgendwo in der Wüste herumspaziere als auf den saftigen grünen Wiesen des Allgäus. Und vor allem, warum ich immer wieder weg muss zum Studieren in eine fremde Stadt. Ob ich nicht langsam mal genug studiert habe, fragt sie das letzte Mal, als ich mich verabschiede. Und wann ich denn fertig bin und nach Hause zurückkomme. Im Sinne von für immer zurückkommen, nicht nur für ein Wochenende.

Ob ich das jemals wieder tue – für immer nach Hause zurückkommen – das weiß ich nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Dafür ist es mir zu klein, zu eng in diesem 500‐Seelen‐Dorf, in dem jeder jeden kennt. Und dafür gibt es noch viel zu viele andere Orte. Viel wichtiger als tatsächlich zurückzukehren ist für mich das Wissen, dass ich es jederzeit könnte. Dass ich, egal wie weit ich gerade vom Allgäu entfernt bin, einen Ort habe, an dem alles gut ist, wenn alles andere schiefgeht. Eine Basis, eine Rückendeckung, die mir erst den Mut gibt, in die Welt hinauszuziehen. Denn all mein Fernweh ändert für mich nichts an der Verbundenheit zu diesem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Ich spreche den Dialekt zwar nicht selbst, aber ich weiß genau, wie er klingt. Ich kenne jeden Stein in unserem Garten, jeden Baum im Wald hinter unserem Haus. Wenn ich auf der Holzbank vor meinem Elternhaus mit meiner Familie in der Sonne sitze, dann fühle ich mich zu Hause. Aber ich fühle mich eben auch in Bamberg zu Hause. Auf der Unteren Brücke oder im Erba Park. Ich fühle mich auch auf dem Deich an der Nordsee zu Hause, wo ich nach dem Abi ein Freiwilligenjahr gemacht habe. Oder in der Praktikanten‐WG in Hamburg. Oder bei meinem Freund in Bremen. Manchmal fühle ich mich auch an einem Ort zu Hause, an dem ich erst seit zwei Tagen bin. Weil es schön da ist. Oder der richtige Mensch dabei ist. Oder einfach nur, weil sich mein Handy automatisch mit dem WLAN verbindet.

Vielleicht laufen wir nicht weg von unserer Heimat, sondern tragen sie in die Welt hinaus.“

Aber was schadet es denn meiner eigentlichen Heimat, wenn ich mich auch noch an sechs anderen Orten zu Hause fühle? Ich finde: Je mehr Heimaten, desto besser. Vielleicht kann ich nicht die perfekten Käsespätzle machen, aber irgendwie bekomme ich sie schon hin. Und habe damit schon andere Backpacker aus sechs verschiedenen Ländern in einer Hostelküche in Dublin verköstigt.

Vielleicht laufen wir nicht weg von unserer Heimat, sondern tragen sie in die Welt hinaus. Ich finde, Heimat ist keine Frage des Dialekts, der Tracht oder der Regelmäßigkeit, wie oft man an besagtem Ort ist. Heimat ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das vielleicht mehr mit geliebten Menschen als mit Orten zu tun hat. Denn egal ob ich in Budapest, New York oder Bamberg die selbstgestrickten Socken meiner Oma anziehe. Vermissen tue ich sie, das Allgäu und den Rest meiner Familie – die übrigens auch alle Omas Socken tragen – beim Socken überstreifen an jedem dieser Orte.

Dieser Artikel erschien in unserer Print‐Ausgabe vom 23. Mai 2018.

 

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