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Weniger ist manchmal mehr

Weniger ist manchmal mehr

Vier Wochen lang habe ich versucht, auf Plastikverpackungen in meinem Einkaufswagen zu verzichten. Das kostete mich viele Nerven, hat sich am Ende aber gelohnt.

Plastikfrei — der Selbstversuch

Es ist Samstag und ich stehe vor meinem leeren Kühlschrank. Einkaufen ist angesagt und ich stelle mich zum ersten Mal meinem Selbstversuch: Plastik beim Einkaufen zu vermeiden. Ich schnappe mir meine Einkaufstasche und spaziere in den Supermarkt. Auf die Idee für dieses Vorhaben kam ich, nachdem ich einen Vortrag besucht hatte, bei dem es darum ging, wie schädlich Plastik für unsere Umwelt, aber auch für die eigene Gesundheit ist. Bisher hatte ich schon darauf geachtet, gesunde Lebensmittel zu kaufen. Fleisch und Wurst habe ich beim Metzger besorgt, weil ich es aus der Region haben wollte. Doch worin mein Essen verpackt ist und welche Mengen an Müll ich damit produziere, daran hatte ich nie einen Gedanken verschwendet. Das soll sich jetzt ändern.

Plastik überall

Im Laden angekommen wird mir schnell bewusst, vor welcher Herausforderung ich stehe. Vor dem Regal schweift mein Blick über die Lebensmittel – Plastik, soweit das Auge reicht. Ich hatte schon damit gerechnet, dass einige Produkte in Kunststoff verpackt sind. Doch dass es so viele sind, hätte ich nicht gedacht. Ob Käse, Quark, Butter oder Süßigkeiten: So gut wie alles ist in eine dicke Schicht aus Kunststoff gehüllt. Ich bin frustriert und vor allem überfordert mit meinem Vorhaben. Wie soll man etwas für die Umwelt tun, wenn es einem so schwer gemacht wird? Mein einziger Lichtblick: die Obst‐ und Gemüseabteilung. Hier gibt es die Produkte zumindest in ihrer natürlichen Verpackung ohne Drumherum. Viel mehr als Obst, Gemüse und Milch aus der Glasflasche gibt mein Einkaufswagen an der Kasse dann auch nicht her. Das liegt allerdings nicht unbedingt daran, dass es nichts ohne Plastik gibt, sondern daran, dass ein Einkauf ohne Kunststoffverpackungen gut geplant werden muss.

Der Einkauf braucht Vorbereitung

Obwohl der Start in meinen Selbstversuch ein wenig holprig war, will ich noch nicht aufgeben. Auf den nächsten Einkauf bin ich vorbereitet. Zum Metzger bringe ich meine Dosen mit und lasse mir Wurst und Käse, die es dort ohne Verpackung gibt, direkt hineinlegen. So umgehe ich schonmal die vielen Folien, die gefühlt für jede Scheibe neu zum Einsatz kommen. Der Verkäufer schaut mich skeptisch an und möchte die Dose wegen der Hygienevorschriften erst nicht über die Theke nehmen. Ich schlage vor, meine Dose einfach auf der Theke stehen zu lassen und schon ist er offen für meine Bitte. Im ersten Moment kostet es mich viel Überwindung, diesen Schritt zu gehen. Wer bringt schon seine eigenen Behälter mit? Dieses Anderssein fühlt sich für mich zunächst unangenehm an, weil ich normalerweise darauf bedacht bin, nicht anzuecken.

Doch um etwas zu verändern, muss man vielleicht sogar ein bisschen anecken, um für die Sache, für die man sich einsetzt, Aufmerksamkeit zu erregen.

Motiviert durch die Offenheit des Verkäufers schiebe ich meinen Wagen in den Supermarkt nebenan. Dieses Mal lasse ich mich nicht von den Plastikmassen aus der Ruhe bringen und nehme mir Zeit, um alternative Verpackungen zu finden. Das ist im Grunde auch der Knackpunkt der Lebensweise ohne Plastik: Man muss sehr geduldig sein. Einen plastikfreien Einkauf, aus dem sich auch etwas Essbares kochen lässt, kriegt man nicht beim ersten Mal hin. Man lernt nach und nach, den Einkauf besser zu organisieren, findet Läden, in denen es weniger Plastikverpackungen gibt, oder geht auf dem Markt in der Bamberger Innenstadt einkaufen.

Was kostet plastikfrei?

Im Supermarkt kaufe ich Milch, Sahne und Joghurt im Glas. Andere Lebensmittel wie Nudeln oder Reis bekomme ich im Karton. Bei Obst und Gemüse verzichte ich auf die Plastikbeutel und lege es ohne Verpackung in meinen Wagen. An der Kasse zahle ich dann einen ähnlichen Preis, wie ich vorher für Lebensmittel mit Plastikverpackung gezahlt habe. Aus finanzieller Sicht macht der Verzicht also keinen Unterschied.

Fazit

Für die Umwelt allerdings schon. Nach den vier Wochen ohne Plastik beim Lebensmitteleinkauf ist mein gelber Sack nicht einmal halb so voll wie früher. Aber auch einige weitere Nebeneffekte bringt mein Selbstversuch mit sich. Durch die Vermeidung von Plastikverpackungen habe ich auch auf Fertigprodukte verzichtet, mehr frische Lebensmittel gekauft und mich so wesentlich gesünder ernährt. Es hat mich viel Zeit und Mühe gekostet, diesen Selbsttest durchzuziehen. Die Umwelt und meine Gesundheit sind mir das aber auf jeden Fall wert.

Dieser Artikel erschien in unserer Print‐Ausgabe 107 vom 11. Dezember 2017. 

  • Nur ca. 42% des Plastikmülls in Deutschland werden recycelt

  • 35% des weltweiten Plastikverbrauchs sind auf Verpackungen zurückzuführen

  • Weltweit gibt es sechs riesige Plastikmüllstrudel

  • 150 Millionen Tonnen Plastikabfall schwimmen in den Weltmeeren

  • Durch das Plastik in den Meeren sterben jedes Jahr eine Million Seevögel und 100.000 Meeressäuger

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