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Von wegen emanzipiert

Von wegen emanzipiert

Die 68er kämpften für Freiheit, Grundrechte und Gleichberechtigung. Doch auch innerhalb der Bewegung wurde verbissen gekämpft. Von einem Tomatenwurf, der die Gesellschaft veränderte.

Titelbild: Lena Zarifoglu

13. September 1968

In Frankfurt am Main findet die 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS*) statt. In einem Raum voller Männer betritt eine einzige Frau das Podium, Helke Sander. Das Thema und Anliegen ihrer Rede: die Gleichberechtigung der Geschlechter. Denn diese existiert in den 60er-Jahren nicht. „Wenn Ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid”, heißt es in Sanders Schlusswort, „dann müssen wir, der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, feststellen, dass der SDS ein konterrevolutionärer Verband ist.“ Aber auf Sanders Rede folgen weder Applaus noch Zustimmung. Stattdessen machen sich Arroganz und Ignoranz im Raum breit. Es wird schnell klar, die Männer auf dem Podium sind nicht bereit zur Diskussion. Doch dann tut sich etwas: Eine Tomate fliegt durch den Raum und trifft den Kopf eines Vorstandsmitglieds. Mit voller Absicht und voller Wut. Ein Lachen geht durch die Reihen, gefolgt von Schenkel klopfen und Kopfschütteln. Dieser Tomatenwurf war ein Akt der Verzweiflung, der Hilflosigkeit. Aber auch ein Zeichen des Willens. So wurde ein Tomatenwurf zum Leitsymbol der Frauenbewegung in den 68ern.

Als Sigrid Rüger die Tomate warf, war die „Studentenbewegung“ weder emanzipatorisch noch gleichberechtigt oder wirklich sexuell befreit. Tatsächlich mussten die Frauen sich den Platz innerhalb der Bewegung hart erkämpfen. „Der Frauenanteil im SDS war gegenüber dem Männeranteil um ein Vielfaches geringer“, sagt Julia Paulus, wissenschaftliche Referentin für Frauen- und Geschlechtergeschichte am Institut des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. „Das hatte auch damit zu tun, dass die Anziehungskraft dieses Vereins für viele Frauen nicht unbedingt hoch war, weil die Männer sich in diesen festen Strukturen aufhielten und gebärdeten. Und wenn man nicht zufällig die ‚Freundin von‘ war, sondern die Themen aus eigenem politischen Interesse verfolgte, hatte man nicht so großes Interesse daran, in solch einen Männerverein einzutreten.“

Die sexuelle Befreiung, von der in der Bewegung die Rede war, war oft einseitig und ging zu Lasten der Frauen, die zwar ebenso wie die Männer aus spießigen und verkrusteten Strukturen freikamen, aber nicht unbedingt weniger sexualisiert wurden. Die sexuelle Verfügbarkeit, die von ihnen erwartet wurde, setzte die Frauen innerhalb der Bewegung erneut unter Druck. Der Kampf um mehr Rechte wurde damit zugleich auch zu einem Kampf in den eigenen linken Reihen. Die Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen innerhalb der Linken erfolgte dabei von Seiten der Männer nicht unbedingt freiwillig. „Die Frauen haben sich selbst in den Fokus gerückt, nachdem sie festgestellt haben, dass sie, wenn es um die Teilhabe an den politischen Diskussionen ging, von den männlichen Kommilitonen nicht ausreichend ernstgenommen worden sind“, sagt Historikerin Paulus und erklärt:

Das heißt, auf den Veranstaltungen waren Frauen nicht genügend präsent. Wenn, dann wurden sie nicht wirklich als ernstzunehmende Gesprächspartnerinnen oder Diskutantinnen wahrgenommen.”

In den folgenden Jahren lag eine Aufbruchstimmung in der Luft. Der Aktionismus in Form des Tomatenwurfs war für viele Frauen ein Auslöser, sich zu organisieren. So schufen Kommilitoninnen aus anderen Universitätsstädten autonome bzw. eigenständige Frauenzusammenschlüsse, wie beispielsweise den Berliner Aktionsrat oder den Frankfurter Weiberrat, die auch über die lokalen Grenzen hinaus bekannt wurden. Es gründeten sich deutschlandweit Räte, überall da, wo Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten.

Mit der Zeit veränderte sich die politische Landschaft, 1969 löste sich der SDS langsam auf. Stattdessen gab es mittlerweile kommunistische Gruppen (K-Gruppen), die meinungsführend waren. Allerdings änderte diese Verschiebung noch nichts an der Situation der Frauen innerhalb der Bewegung. Auch die K-Gruppen betrachteten Frauenfragen lediglich als sogenannte „Nebenfragen“, die sich von selbst klären würden, sobald das kapitalistische System besiegt sei. Einen Bedarf, die Situation für Frauen schon zu verbessern, solange der Kapitalismus noch vorherrschend sei, sahen die meisten Mitglieder nicht. Stattdessen erreichten die Frauen Aufmerksamkeit für ihre Themen, indem sie sich weiter untereinander zusammenschlossen. Das Thema Abtreibung, die in Deutschland mit dem Paragraphen 218 des Strafgesetzbuchs verboten war, spielte zu dieser Zeit in der Frauenbewegung eine große Rolle. Aus Frankreich kam der Impuls nach Deutschland, das Recht auf Abtreibung öffentlich zu diskutieren. „Dieser Impuls kann als das Veränderungsmoment der Neuen Autonomen Frauenbewegung bezeichnet werden, weil in diesem Zusammenhang weitergehende Strukturen geschaffen worden sind, nicht nur in den Universitätsstädten, sondern auch darüber hinaus. Denn innerhalb der Bewegung war das Bewusstsein da, dass dieses Thema eigentlich alle Frauen berührt, nicht nur die Studentinnen“, sagt Paulus. Das Thema Abtreibung machte die Frauenbewegung also von einer Akademikerinnenbewegung zu einer breiteren, solidarischeren Bewegung, die sich an alle Frauen richtete.

Was oftmals vergessen wird

Trotzdem war die Frauenbewegung nicht in sich geschlossen solidarisch. Gerade die Probleme homosexueller Frauen wurden innerhalb der Frauenbewegung systematisch nicht adressiert, die Bewegung war stark heteronormativ ausgerichtet. Dabei waren es vor allem die Lesben, die aktiv Demonstrationen und Gruppen anleiteten. Paulus betont, dass es ohne Lesben keine Frauenbewegung gegeben hätte: „Das hatte damit zu tun, dass lesbische Frauen durch die Frauenbewegung die Chance sahen, die Themen öffentlich zu machen, die ihnen ganz wichtig waren. Nämlich, dass es strukturelle Gewalt gab und man in einem Patriarchat lebte, in dem Lesben keinen Platz hatten.“

Aus der Bewegung um den Paragraphen 218 wiederum entwickelten sich weitere Organisationen, wie bei-spielsweise Frauenzentren, in denen besonders das Thema „Gewalt gegen Frauen“ thematisiert wurde. So wurden auch erstmals Frauenhäuser gebaut, die einen Zufluchtsort für Opfer häuslicher Gewalt darstellten. Gewalt gegen Frauen war nur eines von vielen Themen der damaligen Frauenbewegung. Dazu kam die Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Erwerbstätigkeit der Frau. Mit dem Slogan „Das Private ist politisch“ machten die Frauen auf ihr Problem aufmerksam: Themen der Sexualität und des Körpers gehörten nach der Meinung vieler ausschließlich in den privaten Bereich. Ihr Ziel war es, diese Themen nun öffentlich zu machen.

Ob Sigrid Rüger damit gerechnet hatte, mit einer fliegenden Tomate einen Grundstein für die Frauenbewegung zu legen? Vermutlich nicht. Aber so war es, denn der Wille der Frauen vor 50 Jahren war stärker als Verzweiflung und Hilflosigkeit. Sie formulierten ihre Forderungen und versuchten, darauf aufmerksam zu machen. Blickt man auf die Bewegung zurück, so erinnert einiges an heute. Zum Beispiel das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Erwerbstätigkeit der Frau – all das wurde auch damals diskutiert. Weil es notwendig war, für alle Frauen von damals und für alle Frauen von heute. Und trotz aller Unstimmigkeiten und Probleme innerhalb der Bewegung waren sich die Frauen bei einer Sache einig: Das Private musste politisch werden.

*nicht identisch mit dem heutigen Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe vom 9. Juli 2018.

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