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Verordnete Heimat?

Verordnete Heimat?

Der Begriff Heimat ist vor allem für eine Partei in Deutschland von großer Bedeutung: 41 Mal hat die CSU den Begriff in ihr Grundsatzprogramm geschrieben. Doch welche Ziele verfolgt die Partei? Und warum? Ein Gespräch über Leitkultur, das bayerische Heimatministerium und die Kreuzpflicht mit der Bambergerin Melanie Huml, Staatsministerin für Gesundheit und Pflege in Bayern und stellvertretende CSU‐Parteivorsitzende.

Fotos: Ludwig Hagelstein

CSU und Heimatpolitik – ein scheinbar untrennbares Paar. Ministerpräsident Söder bezeichnete Heimat unlängst als “wichtigstes emotionales Gefühl unserer Bürger“. Was bedeutet für die CSU eigentlich Heimat?

Melanie Huml: Heimat ist einerseits eine gefühlte Identität. Heimat ist aber für mich persönlich noch viel mehr. Das ist da, wo ich mit Menschen zusammen bin, wo ich mich wohlfühle, wo ich mich zu Hause fühle. Wenn die CSU von Heimat spricht, dann ist das natürlich ein Stück weit Bayern, weil die CSU auch eine bayerische Partei ist. Aber eigentlich geht der Begriff weiter als bis zu dieser geographischen Grenze. Und welche politischen Ziele leitet die CSU daraus ab? Für uns ist es wichtig, dass die Menschen bei uns Heimat finden. Wir haben in die bayerische Verfassung die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in ganz Bayern geschrieben. Das heißt für uns, dass die Menschen nicht aus ihrer Heimat weggehen müssen, wo sie leben, um woanders einen Arbeitsplatz zu finden. Sondern dass sie da, wo sie sich beheimatet fühlen, auch bleiben können.

Der Begriff “Heimat“ ist der CSU so wichtig, dass sie 2013 ein eigenes Staatsministerium dafür geschaffen hat. Was sind dessen Aufgaben?

Melanie Huml: Das Heimatministerium hat genau die Aufgabe, Möglichkeiten zu schaffen, um Heimat zu finden. Es ist kein Ministerium, in dem es hauptsächlich darum geht, Folklore zu beweihräuchern. Das kann natürlich auch vorkommen. Aber primär geht es um Entwicklung. Es geht darum, Fortschritt und Tradition zusammenzubringen. Im weitesten Sinne ist die Aufgabe des Ministeriums die Landesentwicklung.

Der Begriff “Heimat“ provoziert einen gesellschaftlichen Diskurs. Da Sie ohnehin viel von Entwicklung sprechen: Müsste nicht vielmehr von einem “Entwicklungsministerium“ die Rede sein?

Melanie Huml: Heimat mag erstmal ein bisschen angestaubt klingen. Aber ich glaube, dass hinter Heimat noch mehr steckt. Dieses rein Lokale ist einfach zu kurz gegriffen. Es ist wichtig, dass wir mit Heimat auch Weltoffenheit verbinden.

Dass wir zeigen: Wir kümmern uns nicht nur um Bayern, sondern wir kümmern uns auch um Bayern in Europa.

Foto: Ludwig HagelsteinDie CSU fällt des Öfteren mit Zitaten auf, die fast schon eine bayerische Abschottung proklamieren. Wie passt das zu der Weltoffenheit, die Sie angesprochen haben?

Melanie Huml: Abschottung wäre hier falsch. Es ist eher ein eigenes Bewusstsein für die Menschen. Ich sag es mal so: Ich bin sehr froh, dass es eine Metropolregion Nürnberg gibt, damit für internationale Firmen Nürnberg als Metropole sichtbar wird. Aber ich freue mich auch, wenn innerhalb dieser Metropole Oberfranken sichtbar bleibt. Es ist auch spannend, wie von außen auf uns geschaut wird und da ist es auch wichtig, dass Bayern aufscheint. Was Sie als “abschotten” beschrieben haben, würde ich eher als “selbstbewusstes” Auftreten bezeichnen.

Viel kritisiert ist der Vorschlag der CSU, eine deutschlandweite “Leitkultur“ einzuführen. In ihrem Grundsatzprogramm schreibt Ihre Partei, Leitkultur sei der “gelebte Grundkonsens in unserem Land“. Weiter heißt es: “Integration bedeutet Orientierung an unserer Leitkultur, nicht Multi‐Kulti.“ Warum braucht es diese Leitkultur?

Melanie Huml: Um mit einem Beispiel zu antworten: Wir haben sehr viele Lehrerinnen. Wie gehen wir damit um, wenn jetzt beispielsweise ein eingewanderter Familienvater sagt, er spricht nicht mit einer Frau über die Bildung seiner Kinder. Wenn wir darauf eingehen, machen wir dann nicht aus übertriebener Toleranz einen Rückschritt bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Geht der Begriff “Leitkultur“ nicht noch viel weiter?

Melanie Huml: Leitkultur ist schon noch ein bisschen mehr, da haben Sie recht. Aber es ist auch nicht so gedacht, dass jetzt jeder hier in einer Lederhose oder einem Dirndl rumlaufen muss. Leitkultur ist ein Stück weit respektieren dessen, wie wir hier leben. Da muss nicht jeder sein Kopftuch abnehmen. Aber wenn er im Gerichtssaal ist, um eine Aussage zu machen, ist die Frage nach einer Vollverschleierung, bei der ich keinerlei Mimik erkennen kann, wieder schwierig. Leitkultur bedeutet nicht, dass jeder seine Identität aufgeben muss. Aber er muss ein Stück weit anerkennen und respektieren, wie wir hier miteinander umgehen.

Die CSU führt in den bayerischen Behörden nun die Kreuzpflicht ein. Wie passt diese vermeintliche Provokation zur Weltoffenheit der Partei, die Sie proklamieren?

Melanie Huml: Ehrlicherweise habe ich die ganze Aufregung gar nicht verstanden, weil in den meisten Dienstgebäuden bereits Kreuze hängen. Und ich empfinde das Kreuz eben nicht als ein: Hier darf ein anderer nicht. Sondern: Wir wollen auch Toleranz leben. Die Grundlage des christlichen Glaubens ist Nächstenliebe, Versöhnung und Toleranz. Ich sehe das Kreuz daher nicht als ein: Wir schotten uns ab. Sondern eben als: Wir sind das. Außerdem war der Beschluss nicht als Provokation gedacht, sondern eher als Identität, als Bekenntnis.

Verstehen Sie trotzdem die Abschreckung? Verstehen Sie, dass Menschen sagen: Ich fühle mich als Bayer, aber das Kreuz ist eben für mich kein Ausdruck von Bayern? Ich kann verstehen, dass Menschen sich als Bayern fühlen, ohne das Kreuz als wichtiges Symbol für sich zu erachten.

Melanie Huml: Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die sagen: Ich bin hier in Bayern, aber ich habe mit dem Kreuz nichts zu tun. Gleichzeitig habe ich nicht den Eindruck, dass sich diese Menschen daran stören. Vielleicht weil sie beispielsweise auch gewohnt sind, einen Kirchturm zu sehen. Ich glaube, indem das Kreuz jetzt ins Scheinwerferlicht gerückt wurde, ist es für viele wieder sichtbar geworden, wo sie es vorher gar nicht bemerkt haben.

 

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe 109 vom 23. Mai 2018.

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