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Toleranz an, Kopfkino aus

Toleranz an, Kopfkino aus

Vom anderen Ufer: Der Bamberger Verein Uferlos e.V. setzt sich seit fast 40 Jahren für Homosexuelle in und um Bamberg ein und hilft ihnen, Kontakte in die Queer‐Szene Bambergs zu knüpfen.
Foto: Jana Röckelein

Hundert hellrosa Herzchenluftballons steigen am 17. Mai über dem Gabelmann in Richtung Himmel. Klein und Groß verfolgen mit staunenden Blicken die Bahn der Luftballons. Unterhalb des Gabelmannes, direkt unter seinem Dreizack, hat sich eine Gruppe Männer und Frauen unter einem bunten Zelt versammelt und blickt nun gelassen ebenfalls gen Himmel. Ein paar Minuten zuvor wurden noch hektisch Ballons mit Helium aufgeblasen, zugebunden und sorgfältig zur Seite gelegt. Es sind Mitglieder des Bamberger Schwulen‐ und Lesbenvereins Uferlos, die sich zu diesem speziellen Feiertag versammelt haben, um ein buntes Zeichen gegen Intoleranz zu setzen. Seit 2004 feiert der Verein jährlich am 17. Mai den Internationalen Tag gegen Homophobie, so auch an diesem sonnigen Donnerstag.

1979 trat der Verein Uferlos unter dem noch sperrig klingenden Namen „Initiative Homosexualität Bamberg“ (kurz: IHaBA) in Erscheinung. Die damalige Gesetzgebung sei nicht einfach gewesen, es sei regelrecht ein Freiheitskampf gewesen, erklärt Heiko vom Verein Uferlos. Ein Kampf, der teilweise auch noch heute weitergeführt werden muss. „Schwerer zu outen ist es allemal in einer Kleinstadt als in einer Großstadt“, erzählt Vorstandsmitglied und Schriftführer Dave. Eine geringere Rolle spiele dabei die vorherrschende politische Partei, sondern eher der Fakt, dass in einer Kleinstadt jeder jeden kenne. „Es gibt sicher noch die ein oder andere Schwierigkeit beim zwischenmenschlichen Leben oder bei rechtlicher Gleichstellung. Aber im Großen und Ganzen, vor allem bei den Jüngeren, wird es heute allgemein sehr gut akzeptiert und toleriert.“

Ehe für Alle – Was war das für ein Theater“

Zurzeit hat der Verein Uferlos um die 70 Mitglieder, die sich regelmäßig auf verschiedenen Stammtischen im Café Abseits und zu anderen gemeinsamen Aktionen treffen. Dazu gehören ein Sommerfest, Infoveranstaltungen sowie ein schwul‐lesbisches Bowlingturnier, das in Kooperation mit dem Nürnberger Verein Fliederlich, einem queeren Verein in Nürnberg, ausgetragen wird. Zudem bietet Uferlos ein „rosa Telefon“ an, für alle, die sich bei ihrem Outing Hilfe und Beratung wünschen. Und natürlich gibt es auch rauschende Partys. Zu den bekanntesten zählen der „Planet Pink“, der dieses Jahr unter dem Motto „irisch grün“ lief und die Ha(a)senjagd in den Haas‐Sälen.

Auch der Bamberger Faschingsumzug wird durch den Wagen von Uferlos ein kleines Stückchen bunter. Bilder aus dem Februar 2018 zeigen einen bunt angemalten Festwagen, an dessen Seite gelbe Herzluftballons befestigt wurden. Darauf zu lesen ist die Inschrift „Ehe für Alle… Was war das für ein Theater“.

Zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins Ende der 70er‐Jahre gab es in Oberfranken noch drei weitere schwul‐lesbische Vereine. Die anderen beiden Treffs in Bayreuth und Coburg lösten sich jedoch in den 90er‐Jahren auf. Damit ist Uferlos momentan die einzige Anlaufstelle für Homosexuelle in Oberfranken.

Eine Anlaufstelle, die es auch ermöglicht, neue Kontakte und Freundschaften zu knüpfen. „Man trifft sich mit gleichgesinnten, gleichdenkenden Leuten ganz ohne Zwang und kann ganz offen über alles reden. Wenn man irgendwo unterwegs ist, kann man bedenkenlos auch mal anderen Jungs oder Männern hinterherschauen, ohne spitze, vielleicht verletzende Kommentare von den anderen zu hören“, erzählt Dave und fügt schmunzelnd hinzu: „Man ist halt unter seinesgleichen.“

Geoutet hat sich Dave gegenüber seiner Familie und seinen Freunden erst recht spät. „Ich war schon 23. Jetzt im Nachhinein hätte ich mich gern früher geoutet, so mit 14 bis 16.“ Gegenüber seinen Freunden war das Outen nicht schwer, die meisten hätten es schon geahnt, erinnert sich Dave. Etwas schwieriger war es in der eigenen Familie. „Sie wollten es erst nicht glauben oder wahrhaben, aber nach einiger Zeit war das auch nicht mehr problematisch. Es wird versucht, darüber so wenig wie möglich zu reden und immer ein bisschen auszuweichen, aber meine Freunde werden so akzeptiert wie eine ‚Schwiegertochter‘“, erzählt er. Generell komme er beim weiblichen Geschlecht sehr gut an und viele Frauen wollten nach seinem Outing mit ihm befreundet sein, erzählt er mit einem Augenzwinkern.

18 Prozent halten Homosexualität für unnatürlich“

Eine positive Einstellung gegenüber Homosexuellen scheint heute bei vielen Menschen angekommen zu sein, aber eben noch nicht bei allen. Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2017 zeigt, dass abwertende Einstellungen gegenüber Homosexuellen in der Bevölkerung durchaus noch verbreitet sind. So bezeichneten es 38 Prozent der Befragten als “sehr” oder “eher” unangenehm, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigten. Etwa 18 Prozent halten Homosexualität sogar für “unnatürlich”. Trotzdem stimmen 83 Prozent der Befragten der Aussage zu, Ehen zwischen zwei Frauen bzw. zwei Männern sollten erlaubt sein. Die große Mehrheit spricht sich mittlerweile auch für eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen aus.

Auch Dave hat diesen Wandel bemerkt. Im Großen und Ganzen werde man wie jeder andere behandelt, sagt er. Mit einigen Ausnahmen: „Wenn manchmal zum Beispiel jemand mitbekommt, dass jemand homosexuell ist, dann schaltet sich bei vielen Heteros plötzlich das „Kopfkino“ ein: „Der ist ein Mann und schläft mit Männern.“

Gerade deshalb sei es wichtig, sich im Verein mit Gleichgesinnten auszutauschen und so angenommen zu werden, wie man ist. Trotzdem gestaltet sich die Suche nach Nachwuchs gerade in der „Generation Online“ schwierig. „Wir haben im Verein sehr wenig Nachwuchs oder jüngere Mitglieder, denn in Zeiten des Internets und der Social‐Media glaube ich, brauchen jugendliche Homosexuelle so einen Verein nicht mehr“, erzählt er. „Aber wenn man etwas älter wird oder eben im engsten Freundeskreis oder Umfeld weniger homosexuelle Freunde und Bekannte hat, ist der Verein sehr gut dafür geeignet, sich mit Gleichgesinnten zu treffen.“

Ersatzfamilie Uferlos

„Ich persönlich sehe den Verein eher wie eine Ersatzfamilie oder wie Ersatzfreunde, von denen jeder weiß – oder zumindest nachvollziehen kann – wie ich denke oder fühle.“ Wie in einer Familie wird gemeinsam etwas unternommen, diskutiert und auch mal rauschende Partys gefeiert „Der Uferlos‐Gedanke geht weit über die eigene Familie hinaus, bei uns sind Neue immer herzlich willkommen“, betont der erste Vorstand Martin. Auch mit der queeren Hochschulgruppe der Uni Bamberg verstehe man sich gut. „Wir sind alle eins“, fasst Martin zusammen.

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