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The Chance to Change

The Chance to Change

Titelbild: Change e.V.

„Wir suchen immer Interessierte. Wer Ideen hat, kann sie bei uns umsetzen“, wirbt Max, während er seine Gnocchi isst. „Ob das Essen wohl seinen Prinzipien gerecht wird?“, frage ich mich und futtere meine Spätzle. Es ist Sonntag. Eigentlich wollte er mit mir in die Vegetaria gehen, aber die hat heute zu.
Max Nachbauer ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Change e.V., der vor vier Jahren von Bamberger Studierenden gegründet wurde und sich für Entwicklungszusammenarbeit, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit engagiert. Die ist Max wichtig, ebenso wie gesunde Ernährung. Er macht keinen Hehl daraus, dass er seine Ideale weitergeben möchte. Er weiß, wovon er redet. Max ist Diplom‐Pädagoge und Doktorand an der Bamberg Graduate School of Social Sciences.

Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung
„Müssen wir jetzt wirklich vegetarisch kochen?“, fragt ein Schüler ungläubig. Begeisterung sieht anders aus. Zusammen mit seinen Mitstreiterinnen Anna Dicker, Lehramtsstudentin für Berufliche Schulen, und Katharina Koßner, Masterstudentin für Berufliche Bildung, will Max zwölf Jungs einer elften Klasse nachhaltige Ernährung schmackhaft machen. Es wird diskutiert, es wird eingekauft, es wird gekocht. Und es wird gewitzelt.
Anfang dieses Jahres erprobten die drei Change‐Mitglieder ein Projekt zur nachhaltigen Ernährung im gleichnamigen Ökoprofilkurs am Bamberger Dientzenhofer‐Gymnasium. Zusammen mit der Lehrerin Margit Sestak wollten sie den Schülern die Bedeutung von nachhaltigem Konsum und gesunder Ernährung, Wissen über Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit und nicht zuletzt den Spaß am Kochen näher bringen. Das Interesse der Schule an einer Zusammenarbeit kam nicht von ungefähr: Schon seit 2003 trägt das Gymnasium für sein Engagement bei Umweltschutz und Nachhaltigkeit die Auszeichnung „Umweltschule in Europa“.
„Unser Ziel war es, mit den Schülern zu kochen“, sagt Max, „weil das eben der praktische Aspekt von Ernährungsbildung ist.“ Unterricht kann auch in der Schulküche stattfinden. Doch zu Beginn des Projekts diskutiert die Klasse über die Kriterien Bio, Fairtrade, regional/saisonal und geringe Verarbeitung, die für nachhaltigen Konsum entscheidend sein sollen. Fragen kommen auf: Warum ist das relevant? Was ist wichtiger? Es herrscht Klärungsbedarf. Die Schüler stellen verschiedene Gerichte mit entsprechenden Zutaten zusammen. Für eines sollen sie sich dann entscheiden: mit knapper Mehrheit gewinnt der vegetarische Döner.

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Nachhaltige Ernährung als Pflichtfach?
Eine Woche später beginnt der Unterricht im Supermarkt. Bevor eingekauft wird, verschaffen sich die Schüler einen Überblick über das Angebot an Produkten, die die diskutierten Kriterien erfüllen. Sie brauchen Zeit, denn die Vielfalt ist groß. Ebenso die Unsicherheit: „Wo fängt Nähe an?“, fragt sich Schüler Jan, als er einen Blaukrautkopf aus ‚Deutschland‘ findet. Ein paar Tage später wird abgerechnet — mit den Nachhaltigkeitskriterien, mit dem Döner und mit den Pädagogen. Max, Anna und Katharina ist klar: Wenn das Essen nicht schmeckt, können sie ihre Ideen auf den Kompost schmeißen. Die Schüler schnippeln, rühren und kneten fleißig. Sie backen Fladenbrot, stellen selbst Falafel und eine eigene Soße her. „Am Ende hat es allen geschmeckt“, atmet Max auf, obwohl sich manch einer heimlich Fleisch darunter mischen wollte. „Viele Schüler haben nicht damit gerechnet, dass ein vegetarischer Döner so gut schmecken kann.“
Zum Abschluss des Projekts führen alle Beteiligten fünf Tage lang ein Ernährungstagebuch. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Schüler ernähren sich größtenteils nicht nachhaltig. „Aber auch wir hatten keine volle Punktzahl“, gibt Max zwinkernd zu. Das Tagebuch half den Schülern, sich einzuschätzen und über die eigene Ernährung nachzudenken. Schüler Marco fordert: „Nachhaltige Ernährung sollte in Bayern Pflichtfach werden!“
Inzwischen haben die Schüler des Dientzenhofer‐Gymnasiums ihre Erfahrungen selbst weitergegeben. An der Heidelsteig Grund‐ und Mittelschule haben sie das von Change initiierte Projekt selbst in einer sechsten Klasse durchgeführt und Schüler Tobias hat den Döner zu Hause für seine Familie nachgekocht. „Ich hoffe, dass noch mehr Schulen Interesse für unsere Projekte entwickeln“, wünscht sich Max. Er lächelt: „Besonders der Kontakt zu den Schülern macht mir großen Spaß.“

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Eine Schule in Côte d’Ivoire
Auch Riccardo wünscht sich mehr Kontakt zu Schülern, aber das ist schwierig. Die Schüler, von denen er spricht, leben in Abobo, einem Stadtteil Abidjans in Côte d‘Ivoire, und gehen auf das Collège EPD. Er weiß alles über diese Schule. Mit Stolz erzählt er von Bildungschancen, von dem neuen Krankenzimmer und den Zukunftsplänen für das Projekt. Mit Change konnte er das nötige Startkapital sammeln, 2010 hat er das Collège EPD dann mit gegründet. Dieses Jahr soll es endlich unabhängig werden.
Riccardo Schreck studiert Diplom‐Pädagogik, spricht vier Sprachen, hat in Washington und in Côte d‘Ivoire studiert und ist Gründungsmitglied bei Change sowie Vizepräsident der NGO EPD (Education – Paix – Développement).
„Wir wollen so vielen Schülern wie möglich die Chance geben, eine gute Bildung zu erhalten“, erklärt Riccardo. In Abobo gebe es viele Zuwanderer aus dem ganzen Land, jedoch nicht genug staatliche Schulplätze. Privatschulen füllen diese Lücke, aber viele einkommensschwache Familien können sich selbst das niedrige Schulgeld des Collège EPD von 60 bis 70 Euro pro Schuljahr nicht leisten. Jeder zehnte Schüler erhält deshalb ein Stipendium. Der Anspruch ist klar: „Jeder, der an die Schule kommen will, soll kommen können.“
Zurzeit unterrichten 30 Lehrkräfte circa 400 Schülerinnen und Schüler; im kommenden Jahr sollen es schon 600 bis 700 sein. Moïse war einer von ihnen. 2012 machte er sein Abitur (siehe Bild), heute studiert er Deutsch in Abidjan. „Persönlich hatte ich einige Probleme auf finanzieller und sozialer Ebene“, erzählt er, „ aber EPD und die Schule haben mir geholfen; mehr als eine Schule ist sie eine Familie!“

Mehr als Schulbildung
Neben den staatlich anerkannten Abschlüssen bietet das Collège EPD noch weit mehr. So wird zum Beispiel in Kooperation mit dem Roten Kreuz Aufklärung über Schwangerschaft, Krankheiten wie Malaria und die Bedeutung von Hygiene betrieben. Es gibt Clubs für Deutsch oder Theaterspiel und es werden Praktika in lokalen Unternehmen vermittelt, um Schulabgängern berufliche Perspektiven zu geben. „Die Schüler erwerben nicht nur einen Abschluss, sondern auch Fähigkeiten, die ihnen helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen“, gibt Riccardo zu bedenken.
Als besonders wichtig empfindet er die Kurse für Friedensbildung und Konfliktmanagement. Noch bis 2011 herrschten in Côte d‘Ivoire bürgerkriegsartige Zustände und an der Schule kommen Schüler verschiedener ethnischer Gruppen und Religionen aus ehemals verfeindeten Landesteilen zusammen. „Da kann es schon zu Konflikten kommen“, erklärt er, „aber wir wollen den Schülern zeigen, dass man unabhängig von seiner Herkunft und Religion erfolgreich zusammenarbeiten kann.“
15.000 Euro an Spenden hat Change schon investiert. Allein dieses Jahr wurden eine Bibliothek, Labore für naturwissenschaftlichen Unterricht, sanitäre Anlagen und ein Krankenzimmer, in dem Schüler kostenlos behandelt werden, eingerichtet. Bis 2016 soll sich die Zahl der Schüler weiter erhöhen, es sollen konkrete Angebote für Schulabgänger und im besten Fall sogar neue Schulen entstehen.
Riccardo wirkt zuversichtlich. Dieses Jahr will er sein Projekt zum Abschluss bringen. Allerdings sind weitere 7.000 Euro notwendig, um alle geplanten Investitionen zu tätigen, und die Schule muss genügend Einnahmen erwirtschaften. Erst dann rückt eine dauerhafte Unabhängigkeit des Collège EPD in greifbare Nähe.

Das Change‐Arbeitstreffen findet jeden Dienstag um 20 Uhr im Raum KR12/00.16 statt.
Weitere Informationen unter: chancengestalten.de
Hier kann für das Collège EPD gespendet werden: http://tinyurl.com/nxptg8t

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Rezept für einen vegetarischen Döner
Fladenbrot
Zutaten (für 2 große oder 4 kleine Brote): 500g Mehl, 360ml Wasser, 20g Hefe, 10ml Olivenöl, 10g Salz, 8g Zucker, 1 Ei, Sesam, Schwarzkümmel
Zubereitung: Mehl, Wasser, Hefe, Olivenöl, Salz und Zucker zu einem weichen Hefeteig verarbeiten und ungefähr 8 Minuten kneten. Den Teig in eine leicht geölte Schüssel geben und circa 1,5 Stunden ziehen lassen. Den Teig auf eine bemehlte Arbeitsfläche kippen und in 2–4 flache Fladenbrote aufteilen. Dabei behutsam mit dem Teig umgehen, so dass er luftig bleibt. Die Fladenbrote bedeckt weitere 20 Minuten ziehen lassen. Anschließend auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Das Ei mit etwas Wasser verquirlen und die Fladenbrote mit dem Ei‐Wasser‐Gemisch bestreichen. Die Brotoberfläche mit den Fingerspitzen eindrücken, mit
Sesam und Schwarzkümmel bestreuen. Weitere 20 Minuten ziehen lassen, in der Zeit den Backofen auf 250°C vorheizen. Die Fladenbrote 7–9 Minuten backen.
Joghurtsoße
Zutaten: 400g Joghurt, 100g Schmand, 2 Knoblauchzehen, 1 Bund Petersilie, 2 EL Olivenöl, Salz, Pfeffer
Zubereitung: Knoblauch schälen und fein schneiden. Petersilie hacken und mit Jog‐hurt, Schmand, Knoblauch, Olivenöl, Pfeffer und Salz in einer Schüssel verrühren. Kalt stellen und gut durchziehen lassen.
Falafel
Zutaten (für 20–25 Falafel): 200g getrocknete Kichererbsen, 1 Zwiebel, 2 EL Zitronensaft, 1 Packung Backpulver, 1 TL Kreuzkümmel, Salz, Pfeffer, Wasser zum Einweichen, Pflanzenöl zum Frittieren
Zubereitung: Kichererbsen 12 Stunden in Wasser einweichen, abgießen und mit einem Mixstab pürieren, bis ein grobes Mehl entstanden ist. Zwiebel schälen und klein schneiden. Diese zusammen mit Knoblauch, Zitronensaft, Backpulver, Kreuzkümmel, Pfeffer und Salz zu den Kichererbsen geben und gut vermischen. Alles noch einmal mit dem Mixstab pürieren, bis ein homogener Teig entstanden ist. Abschmecken und gegebenenfalls abschmecken. Aus dem Teig 20–25 Bällchen formen. Eine Fritteuse oder einen Topf mit Pflanzenöl auf niedriger Temperatur erhitzen. Falafel 2–3 Minuten frittieren, bis sie außen schön braun sind. Die Falafel auf Küchenpapier abtropfen lassen.

Text: Sebastian Burkholdt

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