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Praktikum in Singapur: Das Leben in einer asiatischen Metropole

Praktikum in Singapur: Das Leben in einer asiatischen Metropole

Unsere Autorin absolvierte in ihrem Urlaubssemester ein Praktikum in der asiatischen Megametropole Singapur. Warum sie jedoch trotzdem lieber im vergleichsweise chaotischen Deutschland lebt, erfahrt ihr hier.

Foto: Anna Fink

Ungeduldig warte ich seit acht überfälligen Minuten an der S‐Bahnstation. Auf dem Boden liegen vier Kippenstummel, obwohl der Mülleimer keine zwei Schritte entfernt steht. Da kommt sie endlich – meine S‐Bahn Richtung Barmbek. Mit mir wollen noch zehn weitere Menschen einsteigen. Aber natürlich macht keiner, der in die S‐Bahn möchte, den aussteigenden Passagieren Platz. Kopfschüttelnd setze ich mich in die Bahn und rümpfe die Nase – es riecht nach Erbrochenem. Ich drehe mich um und schaue ins nächste Abteil – kein Wunder, dort hat sich jemand übergeben. Ich wechsele genervt den Sitzplatz und bemerke, wie ich mich nach Singapur zurückwünsche.

Eine Stadt mit perfektem Eindruck

Vieles, worüber ich mich in Deutschland aufrege, funktioniert in Singapur ohne Probleme. Singapur ist ein Stadtstaat mit sechs Millionen Einwohnern, der auf einer Fläche von Hamburg ökonomisch sowie gesellschaftlich boomt. Ausfallende Züge, Verspätungen bei öffentlichen Verkehrsmitteln oder unreine Zugabteile – undenkbar in Singapur. Die Bahnen und Busse fahren im Minutentakt zu jeglicher Uhrzeit. Aber nicht nur das: Alle Verkehrsmittel in Singapur sind unglaublich sauber. Die ganze Stadt ist makellos. Überall stehen genügend Mülleimer, die auch andauernd geleert und gereinigt werden. Die öffentlichen Toiletten, welche ich als reiner und gepflegter als die ein oder andere WG‐Toilette empfand, überraschten mich auch. Während meines Aufenthaltes in Singapur beobachtete ich schnell, warum dies funktionieren konnte. Singapur wird nicht ohne Grund die „Fine‐City“ genannt. Ordentlichkeit und besonders Sauberkeit stehen an erster Stelle. Wer das nicht respektiert, dem droht eine hohe Strafe. Was jetzt erst zur Diskussion in vielen deutschen Städten wird, ist in Singapur schon lange Alltag: Das Wegschnippen einer Zigarette oder Fallenlassen von Müll kann umgerechnet 400 Euro kosten. Der Verkauf von Kaugummi war bis 2004 verboten und heutzutage kann man nur aus medizinischen Gründen Kaugummi in Singapur kaufen. In Singapur ist es üblich, ständig und überall von Kameras im öffentlichen Raum aufgezeichnet zu werden. Ob das ein Grund dafür ist, dass ich im südostasiatischem Stadtstaat kaum bis gar keine Obdachlose gesehen habe, frage ich mich.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe die tristen, grauen Hamburger Hochhäuser an mir vorbeiziehen. Auch das war in Singapur nicht vorstellbar. Jedes noch so unwichtige Gebäude war mit einem exzentrischen Baustil angefertigt. Mir passierte es oft, dass ich selbst vor normalen Wohnhochhäusern fasziniert stehen bleiben musste, da die Architektur vor allem dekadent aussah.
In Singapur herrschen tropische, ganzjährig anhaltende 90 Prozent Luftfeuchtigkeit mit meist 27 bis 35 Grad Celsius. Dadurch ist jede Bahnstation, jeder winzige Kiosk und eigentlich alle Gebäude, in denen man einen Teil seines Alltages verbracht, mit einer Klimaanlage ausgestattet, die das tropisch‐feuchte Wetter erträglicher machen soll. Das Leben spielt sich generell in Singapur eher in den eigenen vier Wänden ab als draußen auf der Straße. Man begibt sich nur ungern in nicht klimatisierte Umgebungen. Es ist ganz normal, sich den Wocheneinkauf liefern zu lassen.

Foto: Anna Fink

Obwohl sich das Leben in Singapur eher zu Hause abspielt, merkt man, dass die unterschiedlichen Kulturen, die dort miteinander agieren, das Land sehr bunt machen. In Singapur leben berufsbedingt viele Europäer_innen, Amerikaner_innen und Kanadier_innen für meist zwei Jahre. Vor allem tummeln sich hier viele südostasiatische Völker. Angeführt von chinesischen, japanischen, südkoreanischen und vor allem indischen Einwohnern. Das hat nicht nur eine große Auswahl an unterschiedlichem, leckerem Essen zur Folge, sondern auch das Zusammentreffen vieler verschiedener Ethnien und Religionen. Das empfand ich als große Bereicherung. In Singapur begegnete mir vor allem eine herzliche Gastfreundschaft, Menschlichkeit und eine Menge Freundlichkeit und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Werten und Normen.

Immer schneller, weiter, höher

Mit der Zeit bemerkte ich jedoch, dass besonders das singapurianische Volk Schwierigkeiten hat, die eigene Kultur zu definieren und diese sichtbar zu machen. Man findet zwar singapurianische Nationalgerichte wie Laksa, einer Suppe, die auf der Basis von Chili und Kokusnussmilch zubereitet wird, Chicken Rice oder Durian, eine fürchterlich stinkende Frucht. Nach singapurianischen Bräuchen und Traditionen muss man aber lange suchen. Der Mangel an eigener singapurianischer Kultur hat mehrere Gründe. Zum einen ist der Stadtstaat sehr klein. Dazu ist Singapur erst seit den 70ern unabhängig. Seitdem leben hier Vertreter_innen vieler Kulturen, was die einheimische Kultur verdrängt.

Foto: Anna Fink

Singapur wird oft „city in a garden“ genannt. Diesen Namen hat sich die Stadt unbeschränkt verdient. Ihre gewaltigen Bauwerke sind stets von viel Grün umgeben. Es dauert nicht lange, bis man von einem riesigen Einkaufsgebäude zum nächsten idyllischen Park gelaufen ist. Im kleinen Stadtstaat mit einer solch enormen Einwohnerdichte existieren über 400 Parks und vier Naturreservate.
Außerdem gilt Singapur als die Strebernation der Welt. Ob Naturwissenschaften, Mathematik oder Lesen: Singapurs Schüler_innen schaffen es immer wieder, sich auf Platz eins im PISA Ranking zu platzieren. Kinder fangen im Kindergarten schon an, Englisch zu lernen und können dies beim Bildungsabschluss besser als die Landessprachen. Aber nicht nur beim Thema Schulabschluss kann Singapur immer wieder den ersten Platz belegen. Sei es der beste Flughafen der Welt, die sauberste, teuerste oder grünste Stadt – Singapur toppt immer mit höher, weiter, schneller und effizienter.

Doch trügt der Schein?

Obwohl dieses Land so fortschrittlich scheint, wird eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit außer Acht gelassen. Das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit lässt zu wünschen übrig. Fast alle Lebensmittel sind in Plastik verpackt, jeder lässt sich aufgrund der Hitze von Taxen überall hinkutschieren und man wird blöd angeschaut, wenn man beim Obst kaufen die Plastiktüte höflich abdankt. Im April 2019 wurde ein monströser Erlebnis‐/Einkaufspark am Flughafen erbaut. Er sieht aus wie ein riesiger Diamant, in dem ein 40 Meter hoher Indoor‐Wasserfall Menschen bespaßt.

Die Lebensweise im faszinierenden Stadtstaat kam mir oft fragwürdig vor. Die Schattenseiten sind als Tourist nicht leicht zu entdecken Doch umso länger ich dort lebte, desto stärker fielen sie mir auf. Überall hängen Kameras. Sei es, um den Eingang öffentlicher Toiletten zu filmen oder in Naturschutzreservaten. Alles wird gefilmt, damit die Staatsgewalt alles überwachen und bei Vergehen schnell handeln kann. Es drohen hohe Geldstrafen bei kleinsten Vergehen. In Singapur herrscht noch die Todesstrafe, die beispielsweise bei Drogenhandel angewendet wird. Vandalismus und Graffiti können Haftstrafen sowie auch Prügel mit dem Rohrstock zur Folge haben, erklärten mir meine singapurianischen Vermieter. Homosexualität ist in Singapur rechtlich gesehen illegal und Pressefreiheit existiert gesetzlich in Singapur nicht. Laut „Reporter ohne Grenzen“ belegte Singapur im Jahr 2017 Platz 151 von 180 in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit. Die Medien werden vom Staat kontrolliert und gefiltert, in der Schule wird nur das gelehrt, was der Staat vorgibt und von Meinungsfreiheit spricht zwar jeder, doch traut sich niemand, Kritik am Regime zu äußern. Kein Wunder: Die Regierung nennt sich selbst „gelenkte Demokratie“, bei welcher schon seit Jahrzehnten die gleiche konservative Partei an der Macht ist.
Ich fühlte mich komischerweise sicher in dieser Stadt, dennoch, besonders wegen der letzteren Faktoren, gleichzeitig sehr unwohl, weshalb ich mir nicht vorstellen könnte hier länger zu wohnen als die Dauer meines Praktikums zulässt. Immer wieder frage ich mich, wie schwer es sein muss, das freie Denken in einem System zu lernen, das auf Ehrfurcht vor Autoritäten baut.

Foto: Anna Fink

„Nächste Haltestelle: Hamburg Hauptbahnhof!“ Ich schrecke aus meinen Gedanken auf.
Singapur macht einen fortschrittlichen, wenn auch dekadenten Eindruck, wenn man dort für eine kurze Zeit verweilt. Besucher_innen wird alles geboten: Übergroße Shoppingmeilen, futuristische Architektur, faszinierende Kultur und Natur und köstliches Essen sowieso. Die sich ständig verändernde Stadt ist mit ihren vielen Ethnien sehr beeindruckend. Singapur ist Europa in einigen Dingen zwei Schritte voraus. Dennoch verzichte ich nur ungern auf die demokratischen Strukturen in Deutschland, auch, wenn es hier nicht immer so gestriegelt und sauber ist wie in Singapur.

Ich stehe auf, wieder kommt mir der unappetitliche Geruch des Erbrochenen in die Nase. Ich stelle mich extra an die Seite der Bahntür und als die Bahn steht, werde ich von einsteigenden Menschen angerempelt, obwohl ich noch nicht ausgestiegen bin.

Beim Aussteigen muss ich schmunzeln und denke mir: Lieber so, als penibel organisiert wie in Singapur.

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