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Mutti macht das schon

Mutti macht das schon

Einmal im Jahr rennt jeder zum Floristen und Frühstückstische werden mit Aufbackbrötchen und Orangensaft bespickt: Der Muttertag steht wieder an. Unsere Autorin verfasst ein Loblied auf die Frauen, die uns aufgezogen haben und dafür viel zu wenig Dank erfahren.

Foto: Laura Weinmann

Mütter sind schwierig. Mütter würden zwar behaupten, dass nicht sie das sind, sondern ihre Kinder, doch als Kind weiß man: Mütter sind nun mal schwierig. Mütter feuchten mit ihrer Spucke das Taschentuch an und wischen einem damit das Schokoeis aus dem Mundwinkel. Das machen sie bei Babys. Bei Babys dürfen sie das auch, es sind eben Babys, die müssen da durch. Das machen sie aber auch, wenn ihr Kind schon vierzehn ist und es nichts Peinlicheres auf der Welt gibt, als das angesabberte Taschentuch seiner Mutter im Gesicht zu haben. Mit der Mutter im Anhang natürlich. Mütter rufen einen dann an, wenn’s am wenigsten passt, Mütter stopfen einen voll mit Essen und fragen dann, ob man denn eigentlich zugenommen hätte. Mütter sind eben Mütter und Mütter sind schwierig.

Mütter sind eben Mütter und Mütter sind schwierig

Doch sie sind auch ziemlich toll. Mütter sind liebevoll, hart und bedingungslos. Mütter sind ehrlich – so ehrlich, wie sonst keiner ist. Und man würde so eine Ehrlichkeit vermutlich auch nur von wenigen Menschen auf der Welt akzeptieren.

Bei seiner Mutter muss man das aber wohl, denn man denkt sich, „Ja okay, Petra, du hast mich neun Monate lang in dir rumgetragen und unter übelsten Schmerzen aus dir herausgepresst, du darfst mein Gucci‐Shirt auch einen abgetragenen Perserteppich schimpfen.“ Und seien wir ehrlich: Schaut man sich zwei Jahre später Bilder eben dieses Shirts an, gibt man der guten Petra mehr als nur recht.

Meine Mutter ist genau so. Ehrlich, manchmal zu ehrlich. Manchmal zu hart. Doch immer herzlich, immer für mich da, immer hinter mir. Die Frau ist ziemlich cool. Sie ist so cool, dass viele meiner Freunde vermutlich lieber die Freunde meiner Mutter wären. Und ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich halte es für legitim, Zeit mit mir zu verbringen, um indirekt Zeit mit meiner Mutter verbringen zu können. Denn es wäre zugegebenermaßen sehr seltsam, wenn man als 20‐jährige Person mit einer 47‐jährigen Frau abhängt, einfach just for fun. Da bin ich gerne der Mittler, ich will ja, dass es meinen Freunden gut geht.

Räumliche Distanz schafft auch oft gedankliche Distanz. So war das auch bei mir. Seitdem ich nicht mehr zu Hause wohne, erkenne ich viel klarer, was für ein Mensch meine Mutter ist und traurigerweise lerne ich auch vieles ihrer Person erst jetzt zu schätzen. Ich liebe meine Mutter für ihre Bodenständigkeit, dafür, dass sie jeden, den sie in ihr Herz schließt, nie wieder dort herauslässt und für ihre Unermüdlichkeit, immer für alle da zu sein.

Viele meiner Freunde wären lieber die Freunde meiner Mutter

Mit dreizehn oder vierzehn oder fünfzehn will man möglichst viel Abstand davon gewinnen, so wie seine Eltern zu werden. Das führt zu Millionen von Mini‐Rebellionen jedes Jahr gegen Kirche, Sportverein und spießiges Dorfleben. Haare werden pink gefärbt, Hosen und Nasen durchlöchert und Musik aus Kopfhörern übertönt die Stimmen der Menschen, die einen am meisten lieben.

Mit einem gewissen Alter beginnt dann aber die Phase, in der man nicht mal mehr vor sich selbst verleugnen kann, dass man wie seine Mutter wird. Anfangs sträubt man sich davor, denn irgendwo in einem steckt immer noch die Vierzehnjährige, die auf keinen Fall eine Mini‐Sabine werden will. Doch je länger man darüber nachdenkt, desto weniger schlimm ist es, die Sabine in sich anzunehmen. Oder die Ulrike, Fatima oder Olga.

Je länger man darüber nachdenkt, desto weniger schlimm ist es, wie seine Mutter zu werden.

Denn wenn wir ehrlich sind, dann prägt uns keiner so, wie unsere Mütter das tun. Oder die Frauen, die für uns wie Mütter sind. Und wenn wir noch ehrlicher sind, dann schätzen wir das viel zu wenig. Selten sagt man einfach mal danke für die Dinge, die so selbstverständlich wirken. Noch niemand von uns hat sich vermutlich schon bei seiner Mutter für die vielen Male bedankt, die sie einen gewickelt und in den Schlaf gesungen hat. Für die Launen, die man bedingt durch Pubertät oder zu wenig Schlaf an ihr ausgelassen hat, weil das eben am einfachsten ist. Für die Gutenachtküsse und Abschiedsumarmungen. Für verarztete Knie und auskurierte Schnupfen und jedes einzelne Lachen, das man geteilt hat.

Selten sagt man einfach mal danke für die Dinge, die so selbstverständlich scheinen

Es ist ein wenig schade, das nur an einem Tag im Jahr zu schätzen. Und dann auch nur an dem Tag, der extra dafür bestimmt wurde. Doch es an diesem einen Tag besonders zu schätzen ist ja immerhin ein Anfang.

Also ruft sie heute mal an, eure Martinas, Gülays und Irmgards. Und macht euch eine Handynotiz am 15. August: „Mama Blumen schicken“, eine für nächsten Donnerstag „Mama anrufen“ und das gleiche nochmal in zwei Wochen. Weiht sie in euer Leben ein, auch wenn sie ehrliche Kommentare dazu geben. Denn es wird niemand so ehrlich mit euch sein, der euch gleichzeitig aber auch so sehr liebt, dass er euch unzählige Male den Po abgewischt hat.

Foto: Laura Weinmann
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