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Jägerin und Sammlerin

Jägerin und Sammlerin

Maikes Hobby ist die Jagd, Sophie ist Veganerin. Sie beide leben in einer WG und sagen: „Wir haben eine ähnliche Einstellung zu Natur und Tieren.“

Foto: Lena Weber

„Ein Reh oder ein Wildschwein auszunehmen, das ist manchmal richtig schwer, da braucht es einiges an Kraft: Recht zimperlich darf man natürlich nicht sein. Mit der richtigen Technik erzeugt man da aber kein Blutbad“, berichtet die zierliche Studentin Maike (23). Seit sie 18 Jahre alt ist, geht sie auf die Pirsch. Und zum Job einer Jägerin gehört eben auch, die erschossenen Tiere auszunehmen, bevor sie dann weiter zum Metzger gebracht werden. Maike gegenüber sitzt Sophie (20) und lauscht mit einem Ausdruck zwischen regem Interesse und Ekel ihrer Mitbewohnerin. Sophie selbst verzichtet als Veganerin seit vier Jahren auf jegliche Art von tierischen Produkten. Die beiden leben seit Beginn des Wintersemesters zusammen in Bamberg – eine scheinbar konfliktgeladene Mischung.

Ich wollte die Familientradition fortführen und alles über das Ökosystem Wald lernen.

Es war vor etwa fünf Jahren, kurz nach ihrem Abitur, als Maike entschied, mit dem Jagdschein anzufangen: „Ich wollte die Familientradition fortführen und alles über das Ökosystem Wald lernen.“ Ihr Vater und ihr Opa waren beide Jäger. Mitten in ihrer Heimat, dem Sauerland, das laut Maike aus „Wald, Wald, Wald, Wald, Wald“ besteht, keine allzu ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung. Als junge Frau war sie dann dennoch die Ausnahme in ihrer Jagdschein‐Klasse: „Ich kam direkt von meiner damaligen Ausbildung in der Bank – gekleidet in Highheels und Hosenanzug – und saß dann dort zwischen all den angehenden Jägern in ihren Outdoor‐Outfits.“

Der Jagdschein wird auch das „Grüne Abitur“ genannt und besteht aus mindestens 100 Theoriestunden. Auf dem Stundenplan stehen neben den praktischen Übungen, auch Wildhege, Waffen‐ und Schießwesen, Jagd‐ und Naturschutzgesetze, Waldtierkunde und natürlich das richtige Erlegen von Tieren. Maike muss an den Organen erkennen können, ob ein Tier krank war. „Für den Jagdschein musste ich deutlich mehr lernen als für das Abitur“, meint Maike. Die Studentin betont, was die Jagd für den Naturschutz leiste. Die deutschen Wälder seien inzwischen von Zivilisation, insbesondere auch von der Forstwirtschaft, geprägt. Jäger würden gegen Überpopulation vorgehen und so für Gleichgewicht im Ökosystem Wald sorgen – streng nach Abschusslisten der jeweiligen Jagdbehörden. Füchse beispielsweise würden sich rasant vermehren und so den Bestand der auf der Roten Liste als gefährdet eingestuften Feldhasen bedrohen.

In Deutschland ist Massentierhaltung der Standard, das finde ich ganz schlimm.

Maike schätzt es, etwa zu Weihnachten eine Keule vom eigens geschossenen Reh zu servieren, Sophie hingegen kann sich gar nicht vorstellen, Fleisch zu essen. Lange Zeit hat sie als Vegetarierin gelebt, inzwischen isst sie nur vegan. „In Deutschland ist Massentierhaltung der Standard, das finde ich ganz schlimm.“ Zwar ist der Begriff der Massentierhaltung durchaus umstritten, jedoch lässt sich tatsächlich feststellen – nachzulesen im Fleischatlas der Heinrich Böll‐Stiftung und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland – dass in den letzten 20 Jahren die Erzeugung von Geflügelfleisch um mehr als 75 Prozent gestiegen ist, während die Zahl der Mastbetriebe um 95 Prozent zurückging. Das heißt, immer weniger Betriebe halten immer mehr Geflügel. Ähnliche Tendenzen finden sich bei anderen Nutztieren. Sophie ist wichtig zu erklären, dass auch bei der Produktion von Eiern und Milch die Tiere leiden müssten. Sie verweist etwa auf das Schreddern von männlichen Küken. Neben Aspekten des Tierwohls führt Sophie auch ökologische und gesundheitliche Gesichtspunkte als Gründe für ihren veganen Lebensstil an.

Foto: Lena Weber

Maike nickt viel, während Sophie spricht: „Wir beide lieben einfach Natur und Tiere. Wie leben es nur unterschiedlich aus.“ So unterschiedlich sind beide also nicht. Sie respektieren, wie die jeweils andere sich für Tier‐ und Umweltschutz einsetzt, versuchen nicht, einander zu überzeugen. Laut Maike kochen sie sogar oft zusammen. „Es gibt viele tolle vegane Gerichte. Ab und an mach ich mir dann aber in einer anderen Pfanne noch etwas Fleisch oder Käse als Topping.“

Ich weiß, was es heißt, ein Tier zu töten und auszunehmen.

Einig sind sich die zwei auch in ihrem Wunsch nach einem bewussteren Umgang mit Fleisch. „Viele sehen im entfremdeten Fleisch auf ihrem Teller nur das leckere Schnitzel. Dass dafür ein Tier sterben musste, möchten sie gar nicht wissen“, sagt Sophie. Für Maike ist es persönlich wichtig, bei jeden Stück Fleisch diese Verbindung herzustellen: „Ich weiß, was es heißt, ein Tier zu töten und auszunehmen. Dadurch kann ich es für mich ethisch rechtfertigen, Fleisch zu essen.“

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