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Ich bin gegen Rassismus – aber wie?

Ich bin gegen Rassismus – aber wie?

Ihr wollt gegen Rassismus aktiv werden, fühlt euch aber überfordert? Rassismus steckt in uns allen, deshalb müssen wir unser “Normal” hinterfragen. Wer unsicher ist: Hier könnt ihr anfangen.

Foto: Vince Fleming

Am Montag, den 25.05.2020, wurde George Floyd ermordet. Ein Polizist drückte sein Knie auf seinen bzw. Floyds Nacken, bis er keine Luft mehr bekam. Einige Kollegen halfen ihm dabei. Passant*innen waren ratlos. Ein Video der Tat kursierte im Netz; Menschen, Prominente und Künstler*innen reagierten. Der Rapper Ahzumjot fordert beispielsweise auf Twitter eine Änderung des Narrativs der Medien: “ändert die news: es kam kein schwarzer mann nach brutalem polizeieinsatz ums leben. ein schwarzer mann wurde grundlos auf offener straße vor unzähligen zeugen von 4 polizisten ermordet”. Am Dienstag, den 02.06.2020 posten hunderttausende Instagram-Nutzer*innen unter dem Hashtag #blackouttuesday ein komplett schwarzes Bild, online erklären sich viele solidarisch. Aber reicht das?

Rassismus ist ein Problem. Mehr als das. Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft: Unser Wirtschaftssystem profitiert von Rassismus: Migrantische Arbeiter*innen, wie beispielsweise rumänische Erntehelfer*innen, werden ausgenutzt, so berichtet beispielsweise die Deutsche Welle. Die Identität weißer Menschen basiert darauf, BIPOC (Black, Indigenous and People of Color, unten erklärt) zu marginalisieren. Wir (der Großteil des globalen Nordens) werden so sozialisiert, dass Weiß-Sein als “normal” verstanden wird. Weiße Menschen dominieren die Medien. Nachzulesen ist dies unter anderem in “exit RACISM” von Tupoka Ogette. 

“Wow du kannst aber gut Deutsch”, “ich sehe keine Farbe”, “am Telefon hab’ ich gar nicht gemerkt, dass du schwarz bist“, “ja, aber wenn er sich in der Gegend aufhielt, ist er ja irgendwie auch ein bisschen selber Schuld“ — All das ist Rassismus.
Wir müssen uns und unsere Privilegien hinterfragen. Wir müssen uns für den antirassistischen Weg öffnen, BIPOC (Black, Indigenous and People of Color, unten erklärt) zuhören, uns informieren, hinterfragen und aktiv antirassistisch sein. 

1. Für den Lernprozess öffnen

Antirassistisch sein heißt nicht fehlerfrei zu sein. Die Schriftstellerin Ijeoma Oluo (“So You Want to Talk About Race”) schrieb dazu “The beauty of anti-racism is that you don’t have to pretend to be free of racism to be an anti-racist. Anti-racism is the commitment to fight racism wherever you find it, including in yourself. And it’s the only way forward.” 

Hendrik Torner (22) ist bei Aufstehen gegen Rassismus aktiv. Der Student erzählt von seinem Weg zur Antirassismus-Arbeit:

Früher habe ich auch über rassistische Witze gelacht. Dann habe ich mehr über den Holocaust gelernt und über die Erfahrungen von Mitschüler*innen erfahren. Ein Lehrer hat zum Beispiel ein Referat unterbrochen, um sich über das „unheimlich schlechte Deutsch“ zu beschweren, obwohl das gar nicht stimmte.

Die Witze waren dann einfach nicht mehr lustig.  Ich musste über meine eigenen Vorurteile reflektieren. In jeder und jedem steckt Rassismus. Es geht darum zusammenzuhalten, zum Beispiel in der Klasse. Eine Person muss das Problem benennen, aber viele müssen sich dahinter stellen. Wir müssen Zivilcourage zeigen.

In Deutschland gibt es mit der AfD eine Partei, die sagt: Wir bestimmen hier und nicht “die anderen”. Ich bin daher bei Demos mitgelaufen, zum Beispiel bei „Bündnis Nazi-Stopp“. Im Januar diesen Jahres habe ich die Bamberger Ortsgruppe von „Aufstehen gegen Rassismus“ mitgegründet. Die Gruppe soll ein breites ziviles Bündnis erzeugen. Wir wollen Seminare zur Aufklärung und Demos organisieren und voneinander lernen. Wichtig ist es, die Menschen nicht zur Kampagne zu machen. George Floyd oder die Opfer von Halle waren Menschen und als solche sollten wir sie erinnern.

2. BIPOC zuhören

Weiße sind nicht von Rassismus betroffen. Sie sollten sich also in Gesprächen darüber zurücknehmen, statt Raum einzunehmen. Weiße müssen BIPOC (Black, Indigenous and People of Color, unten erklärt) zuhören. Es ist nicht selbstverständlich, dass BIPOC erzählen wollen, aber wenn sie es tun, müssen Weiße daraus lernen. Niemand kann über Rassismus so Wertvolles berichten und erklären wie BIPOC. 

Touhid Ahmed Chowdhury ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für englische Literaturwissenschaft. Seit sieben Jahren lebt er in Deutschland.

Wie haben Sie die Reaktionen auf den Tod von George Floyd wahrgenommen?

Im Moment herrscht Chaos in den USA. Über Jahrzehnte hat sich der Ärger über „Racial Profiling“, soziale und ökonomische Ungleichheiten und Diskriminierung, zum Beispiel im Justizsystem, angestaut. Außerdem muss man die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung beachten. Dazu kam das Video zu George Floyd. Das alles motiviert nun die Proteste.

Wie zeigt sich Rassismus in Deutschland?

In Deutschland ist Rassismus weniger offensichtlich als in den USA, aber es ist ein globales Problem. Besonders nach der Flüchtlingswelle 2015 und der Kölner Silvesternacht gab es viele Diskussionen über „die anderen“, über Menschen, die „nicht Deutsch aussehen“. Mitschuld haben auch die, die zum Thema Rassismus schweigen. Im Alltagsleben scheint in Deutschland, abgesehen von den Universitäten, fast niemand über Rassismus zu reden. Viele glauben, dass sei nicht ihr Problem. Das unterstützt Rassismus.

Wie sollten weiße Menschen auf solche Geschehnisse reagieren, um gegen Rassismus vorzugehen?

Schon in dieser Frage zeigt sich Rassismus. Dabei erzeugst du ein „wir“ und ein „die“, eine binäre Einteilung: Wie sollten „wir“ „die“ behandeln? Ich mache dir keinen Vorwurf, dieses Denken stammt von dem Umfeld, in dem du aufgewachsen bist. Aber auch wenn du gute Absichten hast, unterstützt du damit Rassismus.

Aber dadurch, dass manche Menschen als POC wahrgenommen und anders behandelt werden, erzeugt die Gesellschaft doch Unterschiede, oder? Muss man das dann nicht ansprechen?

Ja, diese Diskriminierung müssen wir erkennen. Aber das sollte nicht die Haupteigenschaft sein, über die wir Menschen bewerten. Wir sind in erster Linie alle Menschen, und das sollten wir betonen. Wir sind unterschiedlich, aber gleichwertig. Wir sollten daran arbeiten, ein gemeinsames „wir“ zu schaffen.

Und wie schafft man so ein „wir“?

Damit man nicht unterbewusst Rassismus unterstützt, gibt es nur eine Lösung: Lernen! Informiere dich über die Unterschiede, aber suche auch nach den Gemeinsamkeiten. Statt die Unterschiede zu dämonisieren oder Hierarchien aufzustellen, lass’ uns nach positiven Aspekten davon suchen.

In Deutschland suchen viele die Lösung in der Regierung. Das ist der falsche Ansatz; wir müssen uns als Zivilgesellschaft fragen: Was können wir tun?

Wir können mit unseren Freunden, mit der Familie und mit Nachbarn reden, Wissen teilen. Jeder von uns hat Vorurteile, auch ich. Es geht nicht darum: Ich sage dir, wo du rassistisch bist. Wir lernen gemeinsam. 

Wir müssen Intersektionalität mitdenken:

Valentina Weymann, 29, Studentin für Pädagogik und Politik, bei der SPD und den Jusos aktiv

Ich war oft die einzige in einer Gruppe mit einer anderen Hautfarbe, aber das ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Ich wurde aber gefragt: „Woher kommst du?“ Die Antwort „aus Hessen“ war nicht genug. Außerdem werde ich auch oft auf Englisch angesprochen.

Deutschland hat die Kolonialzeit nicht aufgearbeitet. Das sollte zu deutscher Erinnerungskultur gehören. Ich war geschockt, als ich in Bamberg das erste Mal das „Mohrenhaus“ gesehen habe und die Figur mit den Klischees wie den dicken Lippen.

Ich will einfach normal behandelt werden.

Ich will nicht als Minderheit hervorgehoben und stigmatisiert werden, ich will einfach normal behandelt werden. Aber jede*r hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht:  Ich bin bei deutschen Adoptiveltern aufgewachsen und habe keine Verbindung zu Sri Lanka, wo ich geboren wurde. Ich merke aber den strukturellen Rassismus, wenn ich mit Freund*innen aus dem Kamerun unterwegs bin; wir werden öfter kontrolliert und im Bus fühlen sich Leute unwohl.

Wir sollten genauer hingucken: Werden Menschen anders behandelt? POCs passiert das im Alltag ständig. Wir müssen als Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entwickeln. Die Mehrheit ist in der Pflicht. Wer schweigt, trägt dazu bei, dass Rassismus unsichtbar und normal bleibt.

3. Informieren

Ein paar Begriffe wollen wir in diesem Artikel erklären. Ausreichend ist das Wissen, was man dadurch erhält, aber dennoch nicht. Es ist vielmehr ein kleiner Teil des Grundwissens.
Außerdem sehr wichtig: Besser als Erklärungen von unbetroffenen Weißen sind Erklärungen von BIPOC. Deshalb nennen wir im Anschluss einige Quellen.

POC = Akronym für Person oder People of Color.
BPOC = Akronym für Black and People of Color.
BIPOC = Akronym für Black, Indigenous and People of Color.

Im Gegensatz zu vielen weiteren Begriffen, handelt es sich bei diesen drei nicht um eine eindimensionale Zuschreibung seitens der weißen Mehrheitsbevölkerung, sondern um eine Selbstbezeichnung von nicht-weißen Minderheiten.

White Savourism = Phänomen, bei dem weiße Menschen (meist aus dem Westen), in die Welt ziehen, um etwas Gutes zu tun und Probleme in „Entwicklungsländern” lösen wollen. Oft wird dabei davon gesprochen, dass man “etwas zurückgeben” will, wobei den meisten Westler*innen gar nicht klar ist, wie die Bedürfnisse und der geschichtliche Hintergrund der Menschen vor Ort sind. Der Rest der Welt wartet nicht darauf, dass Hilfe von denen kommt, die es vermeintlich besser wissen.

White Tears = Eine Begriff, der die Reaktion weißer Menschen beschreibt, die nicht erkennen wollen, dass sie Teil eines rassistischen Systems und als Weiße privilegiert sind. Sie weinen sozusagen über den Zustand privilegiert zu sein, weil sie das nicht aktiv wollten.

Ally = Eine Person, die selbst nicht Teil einer marginalisierten Gruppe ist, diese aber aktiv unterstützt. 

Ein*e gute*r Ally achtet darauf, die Person, mit der sie*er sich solidarisch zeigt, nicht zu überschatten.

Cultural appropriation = kulturelle Aneignung. Ein Mensch bereichert sich an den Errungenschaften von Minderheiten durch die Ermächtigung kultureller Objekte und geistigen Eigentums.

Blackfacing = das Schwarz-Anmalen von weißen Gesichtern, um Weiße mit einer dunklen Hautfarbe darzustellen. Weiße profitieren vom Image dunkler Haut.

Blackfishing = das verstärkte Verwenden von Selbstbräuner und dunklem Make-Up, um sich als BIPOC im Internet darzustellen. Ein ähnliches Problem wie bei Blackfacing.

Hier eine Sammlung an Quellen zum besseren Verständnis:

1. Bücher

  • “exit RACISM” von Tupoka Ogette (auch auf Spotify)
  • “Deutschland Schwarz Weiß” von Noah Sow
  • “Eure Heimat ist unser Albtraum” von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifareh 
  • “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten” von Alice Hesters (auch auf Spotify)
  • “Ein Neger darf nicht neben mir sitzen” von Roger Rekless
  • “Sprache und Sein” von Kübra Gümüşay 
  • “Desintegriert euch” von Max Czollek (auch auf Spotify)
  • “So you want to talk about race” von Ijeoma Oluo
  • “White Fragility” von Robin DiAngelo
  • “Me and White Supremacy” von Layla F. Saad
  • “Why I’m no longer talking to white people about race” von Reni Eddo-Lodge
  • “How to be an Antiracist” von Ibram X. Kendi

2. Podcasts

  • “1619” von The New York Times (auch auf Spotify)
  • “Code Switch” von NPR
  • “Pod Save the People” von Crooked Media (auch auf Spotify)
  • “Pod for the cause” von The Leadership Conference on Civil and Human Rights (auch auf Spotify)

3. Filme

  • “FUCK WHITE TEARS” von Annelie Boros hier auf Youtube 
  • “13th” von Ava Duvernay auf Netflix
  • “Dear White People” von Justin Simien auf Netflix
  • “See You Yesterday” von Stefon Bristol auf Netflix
  • “When They See Us” von Ava Duvernay auf Netflix
  • “If Beale Street Could Talk” von Barry Jenkins
  • “Clemency” von Chinonye Chukwu
  • “Fruitvale Station” von Ryan Coogler
  • “I Am Not Your Negro” von James Baldwin

4. Beispiele für Accounts auf Instagram

@nowhitesaviors   @mayowasworld   @chrissyford   @ckyourprivilege    @thegreatunlearn   @laylafsaad   @tupoka.o   @xanax_attax   @privtoprog   @ohhappydani   @alice_haruko   @tesfu_tarik   @aminatabelli   @aminajmina

4. Hinterfragen

Wir müssen uns hinterfragen. Unsere Denkweisen und Handlungen. Alles. Das ist anstrengend, aber notwendig. Gut gemeinte Handlungen können ebenso falsch sein. 

Beispielsweise müssen Weiße darauf achten, dass das Verbreiten von Videos gewaltvoller Szenen bei BIPOC Traumata auslösen oder hervorrufen kann. Wird vorher eine Trigger-Warnung hinzugefügt, können Leser*innen abwägen, ob sie den Inhalt sehen wollen. Aber grundsätzlich muss hinterfragt werden, ob die Verbreitung solcher Videos den richtigen Effekt hat: Teilen wir diese Videos als Kritik, oder aus Sensationsgeilheit?

Ebenso ist es oft nicht sinnvoll, BIPOC nach Erklärungen zu Aspekten von Rassismus zu fragen, denn oft müssten sie durch das Erklären die negativen Erfahrungen nochmals durchleben. BIPOC sind nicht verpflichtet, Weißen Auskunft zu geben. Stattdessen müssen Weiße den unbequemen Weg wählen und selbst aufarbeiten, was bisher zu kurz gekommen ist. Wir hoffen, die oben genannten Quellen bieten einen Anstoß dazu.

5. Aktiv werden und bleiben

Wir müssen Rassismus auf allen Ebenen bekämpfen. Das heißt, wir müssen das Gespräch suchen mit Verwandten ebenso wie mit Fremden. Wir müssen unbequeme Diskussionen führen und uns immer wieder gegen Rassismus aussprechen. Man kann Petitionen unterschreiben oder spenden. Einige der genannten Instagram-Accounts haben dafür Links gesammelt. 

Und wenn wir aktuell auf Social Media solidarische Posts machen und uns aufklärende Videos ansehen ist das gut, aber nicht ausreichend. Wir müssen ebenso aktiv bleiben und uns weiter informieren. Dafür gibt es Mailverteiler von Organisationen in Bamberg, zum Beispiel von Aufstehen gegen Rassismus (agr.bamberg@gmx.de). Auch bei kontakt@freundstattfremd.de, info@bamberg-gegen-rechtsextremismus.de und kiba-ba@riseup.net kannst du dich informieren und einbringen.

Der Rapper OG Keemo schrieb in seiner Instagram-Story davon, dass wir die Energie nicht verlieren dürfen. “Das sollte kein Internet Trend sein, der in zwei Wochen wieder rum ist”, bemerkt er skeptisch. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern aktiv zu bleiben — Andere, aber auch uns selbst.

Falls du ein*e BIPOC bist und uns gerne eine Geschichte aus deiner Perspektive erzählen möchtest, würden wir uns freuen, wenn du dich bei uns meldest. (Sende gerne eine E‑Mail an online@ottfried.de)

Auch wir als Studierendenzeitschrift haben die Verantwortung, Menschen eine Stimme und eine Plattform zu geben. Da unsere Redaktion überwiegend weiß geprägt ist, fehlen Perspektiven von BIPOC. Wir wollen daran arbeiten und sowohl online als auch in Print-Ausgaben aktiv Platz für BIPOC schaffen.

Und grundsätzlich gilt: Wir lernen gemeinsam. Wir freuen uns, wenn aufmerksame Leser*innen uns auf Fehler hinweisen.

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