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Generation Netflix: Warum wir so auf Serien stehen

Generation Netflix: Warum wir so auf Serien stehen

Immer weniger der heute 20‐Jährigen schauen abends das normale Fernsehprogramm. Wir durchstöbern lieber Netflix, Amazon oder Sky, um die passende Serie zu finden. Über einen Hype, der kein Ende zu nehmen scheint.

Foto: Screenshot Game of Thrones (Staffel 6, Folge: Batlle of the Bastards)

Ich starre auf den schwarzen Bildschirm und weiß: das war es jetzt. Game of Thrones, die Serie aller Serien, meine Serie, ist zu Ende gegangen. 2011 begann diese unglaubliche Saga, 73 Folgen, etwa 3900 Minuten lang und sie hinterlässt eine Millionen‐Fangemeinde, die nun erstmal trauert. Keine blutigen Hochzeiten, gemeine Intrigen, epische Schlachten oder Trinkgelage mehr aus Essos, der Schwarzen Festung oder Königsmund. „Sieh dir etwas anderes an“, empfiehlt mir sky. „Ich will nichts anderes sehen“, denke ich.

Verliebt in den Seriencharakter?

Wir, die Generation Netflix, haben fast alle eine Lieblingsserie. Aber Serien sind für viele mehr als nur die abendliche Entspannung auf der Couch. „Ein gewöhnlicher Spielfilm hat 90 Minuten Zeit, um eine Figur zu skizzieren. In einer Serie, die über mehrere Staffeln geht, können Charaktere ganz anders eingeführt und weiterentwickelt werden“, erklärt Dr. Miriam Czichon. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft, forscht unter anderem zur Rezeption und Wirkung fiktionaler Medieninhalte.

Die Bindung zu den Charakteren wächst und vertieft sich, je besser und länger eine Serie ist. Wir begleiten die handelnden Figuren über einen längeren Zeitraum, manchmal gar über Jahre, wir beginnen, Empathie oder Abneigung zu entwickeln. „Serielles Erzählen bindet das Publikum. Wir interagieren para‐sozial mit den Figuren der Serie, wir entwickeln eine epistemische Neugier und wollen wissen, wie es weitergeht“, sagt Miriam Czichon.

„Serien waren schon immer Publikumsgaranten“

Erfolgreiche Serien oder Filmreihen gab es früher auch schon. Was für mich heute Game of Thrones ist, war für unsere Eltern früher die „Winnetou‐Reihe“, in den 1980er Jahren hatte die „Schwarzwaldklink“ 20 Millionen Zuschauer und in den 90er Jahren wurde „Sex and the City“ weltweit populär. Heute aber erhöht die dauerhafte Verfügbarkeit den Hype. Wir können uns Episoden anschauen wann und wo wir wollen. Zuhause auf der Couch, im Hörsaal oder während wir auf den Zug warten… Netflix macht’s möglich. „Serien waren schon immer Publikumsgaranten“, sagt Miriam Czichon. „Seit etwa 20 Jahren werden die Produktionen aber qualitativ immer besser.“

Und die ganze Welt macht mit. Politiker betonen, es gehe im Bundestag nicht zu, wie bei „House of Cards“, Psychologen debattieren, welche Auswirkungen „Tote Mädchen lügen nicht“ haben könnte und die Süddeutsche Zeitung, CNN und El Pais berichteten beinahe tagtäglich über „Game of Thrones“. Allein der Streamingdienst Netflix vermeldete nach dem 1. Quartal 2019 weltweit eine Abonnentenzahl von 155 Millionen weltweit. Ein neuer Höchststand. 2011 waren es gerade einmal 23 Millionen. Mitbewerber wie Amazon und Sky haben längst entdeckt, dass der Markt riesig ist und ziehen mit eigenen Produktionen nach.

Viele nutzen lieber Streamingdienste als das klassische TV‐Programm. Foto: afra31/pixabay

Die Eltern suchten lieber „Babylon Berlin“

Serien haben ihre Faszination längst nicht mehr nur in unserer Generation verbreitet, sie werden in allen Altersklassen immer populärer. Meine Eltern haben vor kurzem die ARD‐Mediathek für sich entdeckt, und sie sind damit nicht allein. Die Serie „Babylon Berlin“ haben sich 1,75 Millionen Menschen online angesehen, da sind die Zugriffe über die App noch gar nicht miteingerechnet. Früher saß man zu einer festen Uhrzeit auf dem Sofa, bloß nichts Spannendes verpassen war die oberste Fernsehregel. Doch diese Zeiten sind vorbei, inzwischen schauen die Menschen, wann sie wollen und wo sie wollen.

Als vor fünf Jahren „Wetten Dass..?“ eingestellt wurde, da wurde auch die letzte heilige Kuh der deutschen Fernsehunterhaltung geschlachtet. Was die Unterhaltungsshow jahrelang, gegen Ende aber definitiv nicht mehr konnte, das schaffte zuletzt nur noch Game of Thrones. Man trifft sich, man schaut gemeinsam, man fiebert mit. Serien sind Gesprächsthema in der Mensa, in Chatgruppen, in den Medien. Eine Lieblingsserie ist Zufluchtsort, Lagerfeuer, Beruhigungs‐ oder Erheiterungsdroge. Aber: Eine solche Magnetwirkung haben nur die wenigsten Serien. Game of Thrones war so eine… Dieser Hype ist nun auch zu Ende.

Immer mehr Geld mit immer mehr Fortsetzungen

Ein erstes Prequel ist aber bereits in Arbeit. Da die fiktive Welt, die George R.R. Martin in jahrelanger Arbeit geschaffen hat, ziemlich komplex und nahezu unerschöpflich ist, gibt es genug Material, um daraus neue Serien zu schaffen. „Am Ende“, sagt Miriam Czichon, „sind Serien auch nur eine Ware, mit der die Macher Geld verdienen wollen. Fans bauen zu den Serienfiguren emotionale Bindungen auf, aber im Grunde sind sie ein Produkt.“ Deswegen fänden so viele Serien oft kein gutes Ende, sondern würden weitererzählt, solange sich damit Geld verdienen lässt. Und dass Spin‐offs nicht immer die beste Idee sind, zeigen die Beispiele „Phantastische Tierwesen“ (Harry Potter) oder die inzwischen viel zu lange Star‐Wars‐Reihe.

Comfort Binge wird immer beliebter

Und was macht man nun am besten, wenn die Lieblingsserie am Ende angelangt ist? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es kaum etwas Tröstlicheres gibt, als eine gute Serie einfach noch einmal zu sehen. Dieses sogenannte Comfort Binge soll ja auch so ein immer größer werdendes Phänomen sein.

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