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Friedensdemo gegen Invasion in Rojava

Friedensdemo gegen Invasion in Rojava

Wer in den letzten Tagen Nachrichten geschaut hat, dem konnte ein Thema nicht entgehen: Die Türkei hat einen Angriff auf Rojava (Nordsyrien) gestartet. Um dagegen zu protestieren, hat der 21‐jährige Ibo Mohamed eine Demonstration an diesem Sonntag (dem 20. Oktober) organisiert. Worum geht es genau?

Foto: Rebecca Ricker

In Nordsyrien, einem Gebiet, das während des Bürgerkriegs lange sicher war, sterben Zivilisten. Dabei schien ein Ende der Kämpfe in Sicht zu sein. Doch nun kehrt der Krieg in Nordsyrien in Form der Invasion der Türkei zurück. Die internationale Staatengemeinschaft tue nicht genug findet Ibo Mohamed. Er organisiert daher eine Demonstration, die am Sonntag um 16:30 Uhr am Bahnhof stattfindet. Wichtig ist ihm, dass es sich um eine Friedensdemonstration handelt: „Wir wollten eigentlich auch türkische Redner einladen, um zu zeigen: Wir sind nicht gegen das türkische Volk, wir sind gegen Krieg in Rojava. Doch leider haben wir niemanden dafür gefunden“, sagt Ibo.

Doch worum geht es genau in der Demo? Ibo erklärt den Hintergrund: Seit 2012 ist Rojava ein autonomes Gebiet, in dem Christen und Muslime, Araber und hauptsächlich Kurden leben. „In Rojava haben die Parteien jeweils einen Mann und eine Frau als Vorsitz und es wurden Frauenhäuser eingerichtet“, berichtet Ibo. Laut Human Rights Watch gibt es in Rojava immer noch Menschenrechtsverletzungen, doch diese seien weit weniger gravierend als unter der syrischen Regierung.

2014 versuchte der IS die Stadt Kobani in Rojava einzunehmen, doch die kurdische Armee (YPG/YPJ) konnte dies verhindern. Daraufhin formten sich das Militärbündnis „demokratische Kräfte Syriens“, dem sich auch die kurdische Armee Rojavas anschloss. Mithilfe der „Internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat“ (unter anderem USA, Frankreich und Deutschland) befreiten sie auch Städte außerhalb des kurdischen Gebiets und brachten ein Drittel Syriens unter ihre Kontrolle. Dabei starben etwa 11.000 kurdische Kämpfer und Kämpferinnen. Rojava blieb während des Krieges weitestgehend sicher, daher flohen viele Syrer in das Gebiet. Zudem sind dort momentan etwa 70.000 IS‐Kämpfer oder deren Angehörige in Gefangenschaft.

USA tolerieren Grenzverletzung der Türkei

Nach den Militärerfolgen schlossen die USA mit der Türkei und den Kurden ein Abkommen: Die Kurden sollten sich fünf Kilometer von der türkischen Grenze zurückziehen. Das kontrollierten die USA und die Türkei. Anfang 2019 beschloss jedoch die Amerikaner sich zurückzuziehen. Damit fehlt die Kontrolle der Türkei durch die Amerikaner. Daher versuchte der US‐Kongress, diese Entscheidung aufzuhalten, doch nun wird sie umgesetzt. Die USA tolerieren damit die Grenzverletzung der Türkei.

Am neunten Oktober begann die Invasion Rojavas durch die Türkei. Die Erklärung des türkischen Präsidenten Erdogan ist, dass er eine Sicherheitszone einrichten wolle. In dieser Zone sollen die Flüchtlinge, die bisher in der Türkei sind, untergebracht werden.  Außerdem behauptet er, die kurdische Arbeiterpartei PKK bekämpfen zu wollen, die in Deutschland als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Die Kurden sind der Türkei seit langem ein Dorn im Auge, da sie einen eigenen Staat fordern.

Bei der Invasion starben über 200 Zivilisten. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gibt es schon etwa 300.000 Flüchtlinge aus dem Gebiet. „Die türkischen Truppen arbeiten mit islamistischen Truppen zusammen. Die Islamisten brachten unter anderem eine Straße unter ihre Kontrolle und töteten die Zivilisten, die dort fuhren“, berichtet Ibo. Unter den Opfern war auch die Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf. Infolge der Kämpfe seien außerdem schon fast 800 IS‐Kämpfer geflohen.

Angesichts der Invasion schloss der YPG‐Chef ein Abkommen mit Russland, damit die Armee des syrischen Präsidenten Assad sie unterstützt. Selbst im Falle eines Sieges gegen die Invasion bedeutet dies das Ende des selbstverwaltenden Rojavas. Mittlerweile haben die USA und die Türkei ohne Konsultation der Kurden einen Waffenstillstand ausgehandelt. Dieser beinhaltet, dass sich die Kurden 30 Kilometer von der türkischen Grenze zurückziehen müssen, die Türkei aber in diesem, von ihnen eroberten Gebiet, bleiben darf.

“Die Welt hat uns im Stich gelassen”

„Wir dürfen eine Invasion gegen einen demokratischen Staat nicht akzeptieren“, sagt Ibo. Er ist zudem selbst betroffen leben. Auch seine Heimatstadt Stadt Qamischi wurde schon bombardiert. Dabei sei der Vater einer Schulfreundin gestorben. Ibo ist seit vier Jahren in Deutschland. In Rojava hatte er trotz des Bürgerkriegs ein relativ normales Leben: Er ging in die Schule und schon damals zu Demos. Doch der IS kam immer näher und mit 18 Jahren hätte er der Armee beitreten müssen. Ibo und sein Bruder flohen daher auf Wunsch der Familie. Ibo war damals 17, sein Bruder 15.

„Ich bin wütend“, sagt Ibo. „Ich habe das Gefühl, die Welt hat uns im Stich gelassen, nachdem wir Tausende im Kampf gegen den IS verloren haben.“ Das Schicksal Rojavas hänge besonders an den USA, da sie am meisten Macht hätten. Gerade deswegen seien die wechselhaften Tweets Trumps besonders belastend für die Bewohner Rojavas. „Aber auch Europa kann mehr machen“, findet Ibo. „Sie können die Invasion verhindern, indem sie Truppen zum Schutz der Kurden schicken oder mehr Druck auf die Türkei ausüben.“, sagt Ibo. Laut Ibo handele Deutschland wenig entschlossen, weil sie Angst hätten, es könnte den Flüchtlingsdeal mit der Türkei gefährden und viele der Flüchtlinge, die aktuell in der Türkei sind, würden nach Deutschland kommen. Doch das findet Ibo nicht überzeugend: „In Rojava leben fünf bis sechs Millionen Menschen, die dort Schutz gesucht hatten und nun wieder fliehen müssen.“

Um mehr Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen und den politischen Druck auf die internationale Gemeinschaft erhöhen, initiierte Ibo die Demonstration: „Ich bin machtlos, ich kann nichts anderes machen als eine Demo zu organisieren“, sagt er.

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