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Ein Plan für 100 Jahre

Ein Plan für 100 Jahre

Immer mehr Menschen leben in Städten, weit weg von der Natur. Der Schutz des Waldes gerät in den Hintergrund. Forstwirt Stephan Keilholz versucht das zu ändern.

Fotos: Rebecca Ricker

Die Waldschäden der vergangenen beiden Jahre bestürzten Stephan Keilholz. Im Bamberger Bruderwald hatten sich Borkenkäfer explosionsartig vermehrt. Seit Mai sind Forstwirt*innen ständig damit beschäftigt, befallene Bäume zu erkennen, zu fällen und abzutransportieren.

Schon Keilholz‘ Vater und dessen Vater hatten als Förster den Wald bei Bamberg gepflegt. Keilholz selbst ist seit über 30 Jahren Förster. Nie zuvor waren durch Borkenkäfer ganze Wälder abgestorben. Aufgrund der Hitze vermehrten sich die Käfer mit bis zu vier, statt der üblichen zwei Fortpflanzungszyklen. Die ausgetrockneten Fichten und Lärchen konnten sich nicht gegen die Tiere wehren, das Harz reichte nicht. Die Förster*innen mussten mehr Wald fällen, als nachwächst. Doch ohne ihr Eingreifen könnte der Wald ganzer Berghänge innerhalb von zwei Jahren durch die Borkenkäfer absterben. 

„Man schützt nur, was man kennt“

Um den Wald langfristig zu schützen, müssen Menschen mehr über den Wald und die Forstwirtschaft wissen: „Viele Menschen verstehen nicht, dass wir Bäume fällen müssen, um den Wald zu schützen“, berichtet Keilholz. „Es gibt Viertklässler, die noch nie im Wald waren.“ Sein Kollege Michael Bug vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bamberg, der Schulklassen in den Wald führt, erzählt: „Die Kinder fürchten sich vor Giftschlangen, stolpern oder verlieren ihre Schuhe, weil sie unebenen Boden nicht gewöhnt sind.“ Die Folge: „Man schützt nur, was man kennt“, sagt Bug.

Keilholz möchte Wissen über den Wald weitergeben. Heute ist er mit dem Förster Berthold Schultheiß, einer Forstanwärterin und zwei ‑referendaren unterwegs. Er bricht Rinde von einer am Waldrand liegenden Fichte ab. Im Holz sind fünf Zentimeter große, sternförmige Gänge. Er fragt die Referendare, welcher Borkenkäfer diese erzeugt. „Ein Buchdrucker?“, fragt eine zögerlich. „Dann sähen die Gänge symmetrisch aus. Das war ein Kupferstecher.“ Er erzählt von seinem eigenen Examen zum Forstwirt im Wald und lacht: „Jeder hat Angst davor.“ 

Den Wald der Zukunft anpflanzen

Keilholz möchte die neuen Förster*innen für die Arbeit begeistern: „Förster kämpfen nicht nur gegen Schädlinge an. Wir gestalten den Wald.“ Einige Bäume brauchen Schatten und Lehm, andere viel Licht und Sandboden. Sie müssen die Ansprüche der Baumarten mit den Bedingungen des Standorts abstimmen. Wenn der Wald vergrast oder dort zu wenig unterschiedliche Baumarten wachsen, müssen Förster*innen Setzlinge pflanzen. 

Heute werden Elsbeeren gepflanzt. Gestern hat es geregnet, jetzt fallen Sonnenstrahlen durch die Bäume. Obwohl es Dezember ist, braucht man keine Handschuhe. Ein Freiwilliger hilft beim Pflanzen. „Ich finde es toll, wenn Leute nicht nur reden, sondern mit anpacken“, sagt Keilholz und schüttelt dem Helfer die Hand. „Sie müssen auf alle Fälle in ein paar Jahren wiederkommen und nach ihren Bäumen schauen.“ 

Als junger Förster hat Keilholz sich darauf gefreut, draußen zu arbeiten. Hier, wo man nichts außer Vogelzwitschern und ab und an einem entfernten Flugzeug hört, wo die Schuhe zentimetertief im Schlamm einsinken. Mittlerweile fährt er nur noch einmal pro Woche in den Wald. „Aber auch mit unserer Planung im Forstbetriebsbüro, zum Beispiel, wenn ich Setzlinge bestelle, gestalte ich den Wald“, sagt er. 

Neue Herausforderungen durch Klimawandel

Keilholz‘ Vater und Großvater konnten sich an den Erfahrungen ihrer Vorgänger orientieren. Keilholz muss durch den Klimawandel neue Lösungen finden. Wegen ihrer flachen Wurzeln werden beispielsweise Fichten die zunehmende Trockenheit und Stürme auf Dauer nicht überleben. Als Ersatz pflanzen die Förster wärmeliebende Bäume wie Kirschen oder neue Arten wie Esskastanien. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur bleiben dennoch unkalkulierbar. 

Am Waldrand liegen Stapel gefällter Fichten, ohne Äste und in genormten Längen, fertig für den Abtransport. Nicht nur Borkenkäfer haben sie befallen, auch ein Pilz hat sich in das Holz gefressen, der rote Flecken auf den Altersringen erzeugt. Schulheiß zählt auf, welche Schädlinge die Baumarten befallen können. „Das Wichtige ist“, fasst Keilholz zusammen, „Jede Baumart hat eigene Schädlinge.“ Er versucht daher, dass überall im Wald mindestens vier verschiedene Arten wachsen, manchmal sind es mehr als 15. Keilholz plant nicht für seine Lebenszeit, sondern für ein Baumalter, also mindestens für das nächste Jahrhundert. „Wir dürfen aber nicht so arrogant sein zu glauben, wir könnten alles vorhersehen. Schon die Umweltbedingungen der nächsten 50 Jahre können wir nicht prognostizieren“, erklärt Keilholz. Im Mischwald ist jedoch das Risiko geringer, dass durch einen Schädling ein ganzer Wald stirbt.

Den Wald neu entdecken

Doch Keilholz und seine Kollegen sind optimistisch. Es gibt viele junge Förster. Waldpädagogische Führungen und Waldkindergärten werden beliebter, bei denen die nächste Generation über den Wald lernt: Wenn Kinder im Wald mit Stöcken spielen und Schammhügel hinabrutschen, erkennen sie Zusammenhänge und Veränderungen des Waldes. 

„Wir sprechen nicht von Waldsterben“, sagt auch Jan-Paul Schmidt, ein Kollege von Keilholz bei den bayerischen Staatsforsten. „Der Wald wird nicht sterben. Er wird sich nur ändern.“

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