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Die Schatten von Istanbul

Die Schatten von Istanbul

Unser Redakteur Simon Groß verbrachte sein Auslandssemester letzten Winter in Istanbul. Seit den Gezi‐Protesten, der Flüchtlingskrise und den Terroranschlägen der letzten Jahre hat sich die Stimmung vor allem im westlichen Teil der Stadt verändert – ein Erfahrungsbericht über die Schattenseiten der sonst so bunten türkischen Metropole.

Nachdem der Flieger gelandet ist, mache ich mich mit dem Bus auf den Weg zum europäischen Stadtteil Tarlabasi. Einheimische schlagen regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich erzähle, dass ich dort ein WG‐Zimmer gefunden habe. Das Viertel, das sich vom Taksim‐Platz aus nach Südwesten hin erstreckt, galt lange Zeit als „No‐Go‐Area“ und ist bekannt für Drogenhandel und Prostitution. Da die Mietpreise trotz der zentralen Lage günstig sind, zieht es auch Studierende an die Ränder des Viertels. Je weiter man jedoch in den Stadtteil vordringt, desto verschlungener werden die Straßen und desto zerfallener die Häuser. Zwischen intakten Wohngebäuden tauchen immer wieder Ruinen auf, deren Anblick mich an Bilder aus dem zerbombten Mainz erinnern, die meine Großmutter mir gezeigt hat.

Von meinem Fenster aus schaue ich auf ein Haus, dessen zerbröckeltes Dach bereits in großen Teilen von einer Kletterpflanze erobert ist. Die fehlende Fassade gibt den Blick auf die quer hinunterhängenden Stockwerke frei – als würde man in ein eingestürztes Puppenhaus schauen. Gegenüber von unserem Balkon lebt eine Flüchtlingsfamilie in einem Gebäude ohne Fensterscheiben. Mit gespannten Stofftüchern versuchen sie, sich vor der hereinziehenden Kälte zu schützen. Am Ende der Straße lungern Tag und Nacht Jugendliche vor einem Hauseingang herum, den ich vom Balkon aus gut beobachten kann. Sie sitzen auf der Eingangstreppe oder stehen im Kreis, rauchend, manche von ihnen halten große Hunde an der Leine. Auf der anderen Straßenseite befindet sich eine improvisierte Müllhalde. Katzen suchen dort nach Essensresten und Istanbuls Müllmänner, die ihre mannshohen Müllbehälter wie überdimensionale Schlitten hinter sich herziehen, durchforsten die Stelle regelmäßig nach alter Pappe, die sie auf der Deponie verkaufen können. Manchmal suchen sich die Nachbarskinder dort auch ihre Spielsachen. Sie lassen einen alten Reifen die Straße hinunterrollen oder springen auf einer fleckigen Matratze herum, die dort abgelegt wurde.

Foto: Simon Groß
Ausblick aus dem Fenster (links), Blick vom Balkon (rechts), Fotos: Simon Groß

 

Foto: Simon Groß

 

 

Doch jeden Sonntag bahnt sich ein großer Markt den Weg durch das gesamte Viertel und verdrängt die Tristesse. Wie ein Fluss, der während der Regenzeit in eine vertrocknete Landschaft zurückkehrt, haucht der Markt dem heruntergekommenen Stadtteil alle sieben Tage neues Leben ein. Mit ächzender Stimme bewerben die Händler ihr Obst und Gemüse, das in allen Farben leuchtet. Besucher lassen sich Oliven und Käse zum Probieren reichen, an den Trödelständen feilschen sie gestenreich um Schnäppchen. Abends schalten die Verkäufer Glühbirnen ein, die unter ihren Planen hängen und die Marktstände in warmes Licht hüllen. Schnell kann man hier die graue Kulisse vergessen, die die bunte Oase umgibt – zumal es der einzige Abend in der Woche ist, an dem nicht der Lärm des Taksim‐Viertels nach Tarlabasi herüberschwappt.

„Taksim“, wie die Einheimischen das Vergnügungsviertel schlicht nennen, das aus dem Istiklal‐Boulevard und seinen unzähligen Seitenstraßen besteht, atmet noch heute den Geist der 1990er und frühen 2000er Jahre; eine Zeit, in der Masse Qualität schlug, Clubs nicht groß genug und Drinks nicht zu billig sein konnten. Am Wochenende ziehen hier junge Menschen in Partylaune durch die Straßen, um die die Barbesitzer vor ihren Läden energisch werben. Das Viertel pulsiert, und noch immer blinken die Lichter der Clubs genauso ekstatisch wie früher. Doch über all dem Trubel, der den Boulevard nach wie vor umgibt, schwebt die bittere Gewissheit: Die fetten Jahre sind vorbei. Das merken Besucher umso deutlicher, je weiter sie sich vom Boulevard entfernen. Vor allem unter der Woche stehen hier viele Bars und Clubs leer. Einer dieser Clubs liegt direkt auf meinem Weg nach Hause. Vor dem Eingang lockt der Betreiber mit großen, unscharfen Bildern, auf denen dicht gedrängte Gäste im grellen Lichtspiel einer Discokugel tanzen – einzig ein Blick ins Innere verrät, dass diese Bilder wohl der Vergangenheit angehören.

Seit den Ausschreitungen der Gezi‐Proteste 2013, während denen Sicherheitskräfte das Viertel immer wieder in Tränengas ertränkten, spätestens aber seit den Terroranschlägen, die sich zwischen Mitte 2015 und Anfang 2017 ereigneten, hat der Stadtteil für westliche Besucher an Attraktivität verloren. Zusätzlich geraten die Gastronomen durch die gestiegene Alkoholsteuer unter Druck. Manche Betreiber versuchen die erhöhten Kosten zu kompensieren, in dem sie ihr Bier mit Wasser strecken oder bei Cocktails an Alkohol sparen. Andere setzen vermehrt auf die arabische Klientel und bieten Wasserpfeife statt Fassbier an. Es scheint, als hätten Araber den Stadtteil für sich entdeckt und würden nach und nach der Dominanz westlicher Besucher ein Ende bereiten. Vielerorts werden gigantische Luxushotels aus dem Boden gestampft, von denen sich die Bauherren ein weiteres Besucherwachstum aus dem arabischen Raum erhoffen. Doch manche Einheimische sehen die zunehmende Präsenz der arabischen Gäste in dem Viertel kritisch. Sie haben Angst davor, die Freiheiten, die sie dort ausleben können, zu verlieren.

„Taksim hat sich zum Schlechten hin verändert. Es gibt mittlerweile zu viele Araber hier. Sie passen kulturell einfach nicht zu uns“,

bemerkt ein angetrunkener türkischer Student am späten Abend.

Auch an dem Zuzug der über 300.000 syrischen Flüchtlinge (UNHCR Juni 2018), die mittlerweile in Istanbul leben, stören sich viele Bewohner. Bis spät in die Nacht hinein ziehen Flüchtlingskinder in den Ausgehvierteln Taksim, Cihangir und Karaköy umher, verkaufen Taschentücher und andere kleine Gebrauchsartikel. Oft stellen sie sich auch stumm an die Tische und warten, bis ihnen jemand etwas gibt oder die Kellner sie verscheuchen. Dabei werden sie von anderen Kindern beaufsichtigt, die nur wenige Jahre älter sind als sie. Manche von ihnen betäuben sich zwischendurch mit Klebstofftüten, andere rauchen Zigaretten wie Erwachsene. Hier wächst eine verlorene Generation heran, die, statt in die Schule zu gehen, auf der Straße bettelt. Die älteren Syrer werden von Unternehmen häufig als billige Arbeitskraft für einfache Tätigkeiten eingesetzt, was wiederum die einheimischen Arbeiter gegen sie aufbringt, die mit ihnen um die Arbeitsplätze konkurrieren. Als mich ein Flüchtlingskind in der Bahn anbettelt, erhebt ein älterer Fahrgast seine Stimme und macht seinem Unmut lautstark Luft. Er macht die Regierung für die angespannte Flüchtlingssituation verantwortlich:

„Das ist schlimm. So etwas gab es hier vorher nicht. Die Syrer wurden bei uns eingebürgert, damit Erdogan seine Stimmen für das Referendum zusammenbekommt. Staatliche Unterstützung bekommen sie aber keine.“

Das Misstrauen gegenüber der Regierung ist während der vergangenen Jahre auch in Teilen der jungen Stadtbevölkerung gestiegen. Nach einem Konzert in einer kleinen Bar komme ich mit zwei Musikern ins Gespräch. „Es ist scheiße, hier Musik zu machen“, sagt einer der beiden. Verwundert frage ich ihn nach dem Grund. „Weil wir nicht frei sind. Du kannst hier nicht singen, was du willst. Wenn du zum Beispiel singst, dass du Drogen nimmst – dann bist du zwei Wochen später im Knast.“ An meiner Universität, einer privaten wohlgemerkt, fragt einer der Dozenten jedes Mal nervös nach, sobald ein Handy einen Ton von sich gibt:

„Nimmst du mich gerade auf? Versteh mich nicht falsch, aber ich will nicht im Gefängnis landen. Leider ist das mittlerweile die Realität in diesem Land. Wir leben nicht länger in einer Demokratie – wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen ist.“

Die Verunsicherung der liberal eingestellten Bevölkerung sitzt so tief, dass sie bisweilen bizarre Züge annimmt: Als eine Bar in Taksim schließt – wegen Renovierungsarbeiten, wie sich im Nachhinein herausstellt – verbreiten sich Gerüchte, die Regierung hätte den Laden dichtgemacht. Selbst hinter der Sanierung des Istiklal‐Boulevards mit seiner historischen Straßenbahnstrecke, vermutet manch einer den Versuch der Regierung, das Ausgehviertel zumindest vorübergehend unattraktiv zu machen. Dabei wirken die zahlreichen Baustellen, die ohne erkennbare Systematik wie Pilze aus dem Boden schießen, vielmehr wie verzweifelte Beschäftigungsmaßnahmen für eine Wirtschaft, der langsam aber sicher die Luft auszugehen droht. Allein zwischen September 2017 und Januar 2018 — der Zeit meines Aufenthalts — ist der Wechselkurs EUR/TRY von 4,1 auf 4,6 gestiegen, mittlerweile liegt er bei über 5,3 Lira pro Euro. Importe werden für die Türkei damit immer teurer. Hinzu kommt eine verheerende Inflationsrate um die Zehn‐Prozent‐Marke, wegen der sich die Bevölkerung immer weniger für ihr Geld leisten kann. Ein „Kokorec“ – gewickelter Schafsdarm, der an einer dönerähnlichen Apparatur horizontal gegrillt, zerhackt und stark gewürzt mit Gemüse im Brot verkauft wird – kostete im Jahr zuvor noch 8 Lira, jetzt zahlt man 10.

Von den Problemen des Taksim‐Viertels liegt der angesagte Stadtteil Kadiköy buchstäblich meilenweit entfernt. Auf der anderen Seite des Bosporus, im asiatischen Teil der Stadt, hat sich ein neues Zentrum der Jugendkultur entwickelt, das mit seinen unzähligen kleinen Bars, Clubs und Kaffees den Nerv der Zeit trifft. Für die heutige Generation ist nicht mehr Taksim, sondern Kadiköy der „place to be“. Hippe Restaurants und Geschäfte mit pastellfarbenem Interieur ziehen den wohlhabenden Nachwuchs an, der den aktuellen Modetrends in westlichen Metropolen in nichts nachsteht. An kaum einem anderen Ort ist in Istanbul die Verwechslungsgefahr mit europäischen Großstädten so hoch wie hier. Allein der Gesang der Muezzine, der fünfmal am Tag über die Stadt hinwegzieht, erinnert einen daran, nicht in Berlin zu sein. Die Stadt, die während ihrer Jahrtausende alten Geschichte so viele Veränderungen erlebt hat, hört auch heute nicht auf, ihr Gesicht zu wandeln. Während im Westen der Stadt etwas zu Ende geht, entsteht im Osten etwas Neues.

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