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Der Traum vom Minimum

Der Traum vom Minimum

Der Traum von einer riesigen Villa war einmal. Momentan entscheiden sich immer mehr Menschen für ein Leben in einem Tiny House. Doch was genau ist so ein Tiny House und warum will man auf maximal 45 m² leben?

Foto: Lea Hruschka

Rechts eine vollgestopfte Garderobe, etwas Hundespielzeug liegt in der untersten Schublade. Einen Schritt weiter und Florian steht in seinem zwei Quadratmeter großen Badezimmer. Die Dusche fehlt noch, die Trockentrenntoilette ist dagegen schon eingebaut. Drei Schritte weiter und er steht in der Mitte seines kleinen Reichs. Es riecht nach Holz. Ein Blick nach links zeigt seinen Kontrabass, der mit einem Seilzug an der hellen Holzwand befestigt ist. Rechts befindet sich die Küchenzeile und eine Holztreppe, die nach oben zum großen Bett führt. Von dort können er und seine Freundin Lena durch zwei große Fenster in den grünen Garten schauen. Wieder die Treppenstufen hinunter steuert Florian auf das L‑förmige, ausklapp- und ausziehbare Sofa zu, darüber hängt sein E‑Bass. Einen Schritt rückwärts, ein Griff nach links und er zieht einen Hängestuhl mit beigen Seilen und gestreiftem Stoff von der Wand, an der dieser mit Magneten befestigt war. „So, mehr gibt es nicht zu sehen“, beendet der stolze Bewohner die Tour und lässt sich in den Stuhl fallen.

Weltweit gibt es immer mehr Menschen, die so leben wollen wie Florian und Lena in München – in einem Tiny House. Darunter versteht man mobile, auf Rädern gebaute Häuser mit einer Wohnfläche von etwa 15 bis 45 Quadratmetern. Der bekannteste Architekt der deutschen Tiny-House-Szene Van Bo Le-Mentzel entwarf sogar ein nur 6,4 Quadratmeter kleines Haus.

Der aus den USA kommende Trend verzeichnet auch in Deutschland großen Zuwachs.

Laut dem deutschlandweiten Tiny House-Verband werden jährlich mehr als 500 neue Exemplare der Minihäuser gebaut, „Tiny House“-Vereine zählen hierzulande insgesamt mehr als 2.000 Mitglieder. Die meisten Interessierten seien Einzelpersonen, berichtet Regina Schleyer vom Tiny House-Verband. Das Unternehmen Holzbau Marchel aus Nürnberg bestätigt, dass ihre Kunden meist Singles über 35 oder Paare sind. Die Firma ist vor zwei Jahren in den Trend eingestiegen und hat bisher sieben Exemplare gefertigt. „Die Nachfrage ist gleichbleibend hoch“, erklärt die Schreinerei weiter. Doch wieso kommen immer mehr Menschen dem Wunsch nach, auf weniger Fläche zu leben?

Prof. Dr. Claus-Christian Carbon vom Lehrstuhl der Allgemeinen Psychologie der Universität Bamberg erklärt, dass bei diesem Wunsch nach weniger eine Lebensphilosophie, die Einsicht in die wahren Wünsche und Erfordernisse und eine gewisse Überzeugung eine wesentliche Rolle spielen. “Oft sind Menschen, die zu solchen neuen Einsichten gelangt sind, zuvor an einen Punkt angekommen, wo sie verstanden haben, dass der bisherige Weg nicht mehr der Beste ist”, erklärt Prof. Carbon den Antrieb, auf weniger Fläche zu leben.

Für Florian und Lena war besonders ein Aspekt ausschlaggebend: „Weniger Fläche bedeutet auch einen kleineren ökologischen Fußabdruck.“ Deshalb soll ihre Dusche auch aus einem Shower-Loop-System bestehen, bei dem das Wasser immer wieder gereinigt wird. Außerdem besorgten sie Fenster, Haustüre und Fußboden gebraucht. Auch durch die Nutzung leerstehender Flächen als Stellplatz sind Tiny Houses ökologisch sinnvoll. Ein weiterer Grund war der Münchner Wohnungsmarkt mit seinen hohen Mietpreisen. Vor ihrem Umzug in das Tiny House lebten Florian und Lena zusammen in einem acht Quadratmeter großen WG-Zimmer, für das sie insgesamt 450 Euro Miete zahlten. „Das wollten wir nicht weiter unterstützen“, erklärt der 28-Jährige.

Für Vroni, die sich ihren Traum vom Tiny House zusammen mit ihrem Freund Jonas bald in Hallstadt erfüllen wird, spielte der Minimalismus eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung. „Ich habe für mich gemerkt: Es geht darum, nur Sachen zu besitzen, in denen man für sich selbst einen Wert sieht“, definiert sie den Lebensstil für sich. Dies ist auch für Prof. Carbon der Kern dieses Konzepts: „Es ist nicht primär das Schlichte, sondern das Wesentliche, was hinter einer solchen Einrichtungs- und Lebensphilosophie steckt“, erklärt er. Diese konzeptionelle Umstellung vom „Mehr“ auf das „Weniger“ sei ein Riesenschritt, denn das „Mehr“ sei für uns selbstverständlich, die soziale Norm. „Minimalismus hört sich wie Verzicht an, es klingt wie Einschränkung, Diskomfort, vielleicht sogar Flexibilitäts- und Freiheitsverlust. Das Gegenteil ist der Fall. Aber man muss sich erst tiefer damit beschäftigen, um das wirklich komplett zu verstehen“, erläutert der Psychologe.

 Denn wer mehr hat, muss sich um mehr kümmern und wer Vielfältigeres hat, muss immer auswählen – kurz: Mehr sei komplizierter, aufwändiger und teurer.

Nachdem die Idee, in einem Tiny House zu leben, entstanden ist, muss sie noch umgesetzt werden. Viele wenden sich an einen der über 75 Hersteller in Deutschland – oder bauen selbst. Florian und Lena begannen „das Mammutprojekt“, wie Florian es nennt, in ihrem WG-Garten. Obwohl beide zuvor nie mehr als ein Regal zusammengebaut hatten, entstanden aus eigener Hand bald die eigenen vier Wände. Auch Vroni und Jonas bauten sich ihr Haus selbst, suchten sich dabei aber professionelle Hilfe bei einem rumänischen Hersteller, dessen Baustil den beiden gefiel. Die deutschen Schreinereien hätten außerdem lange Wartelisten. Voller Tatendrang fuhren die beiden deshalb nach Rumänien. „Dort bauten wir innerhalb von 40 Tagen, etwa sechs Tage die Woche, zwischen sieben bis zehn Stunden am Tag an diesem Haus“, erzählt die 29-Jährige stolz. Der Vorteil eines Tiny Houses liegt für viele auch in der Individualität, die möglich wird. „Jonas war eine große Badewanne wichtig. Die kam als erstes rein, wir bauten die Wände darum herum“, erinnert sich Vroni. Während viele bei ihren Tiny Houses Wert auf Funktionalität legen, war ihr das Gegenteil wichtig. „Diese Lösungen, dass zum Beispiel das Bett auf den Esstisch fährt, sind super für Reisen. Wir wollen hier aber dauerhaft leben. Deshalb war das nichts für uns“, meint die 29-Jährige.

Ist das Projekt einmal fertig, sieht man sich mit der bürokratischen Realität konfrontiert.

 Einen Stellplatz in Deutschland zu finden ist nicht so einfach, wie auch viele Tiny House-Begeisterte online beklagen. Auch die beiden Münchner hatten wenig Glück und stehen deshalb noch immer im WG-Garten – und damit in einer rechtlichen Grauzone. Vroni und Jonas hatten in Bamberg mehr Glück. Nach Inseraten im Internet meldeten sich viele, die ihr Grundstück an das junge Paar verpachten wollten. Die Wahl fiel auf einen der drei zur Auswahl stehenden Stellplätze in Hallstadt, auf den sie ihr 20 Quadratmeter großes Haus Ende April umsiedeln wollen.

Für immer wird dieser Standort jedoch nicht sein. Die beiden starten gerade erst mit ihren Karrieren in Bamberg. „Wenn wir beruflich wo anders etwas finden, können wir unser Haus einfach mitnehmen“, freut sich Vroni über die Mobilität. In zehn Jahren wollen sie im Leben ankommen, das Haus auf Rädern hinter sich lassen und fest auf ein Grundstück bauen. „Aber immer noch klein!“, betont Vroni. Auch Florian kann sich sein gesamtes Leben auf wenig Wohnraum vorstellen. Als Familie könnte man sich ein zweites Tiny House bauen, wie ein Bekannter, der mit seiner Familie in zwei Bauwägen wohnt. Auch in der Rente hätten viele zu viel Platz, zu viel zu putzen und instand zu halten, weshalb er sich das Wohnkonzept auch im Alter noch gut für sich vorstellen könne.

Auch Prof. Carbon zieht einen positiven Schluss: „Das Individuum kann durch eine reduzierte Konsumhaltung sehr viel gewinnen. Dadurch hat es auch für die gesamte Gesellschaft und das Ökosystem einen großen positiven Effekt.“ Florian resümiert: „Ich könnte mir nichts Cooleres zum Leben vorstellen“ und hängt seinen gestreiften Hängestuhl zurück an die Magneten an seiner Holzwand.

Im Tiny House studieren?

 

Auch für Studierende kann sich das Leben im Tiny House lohnen. Neben den positiven psychologischen Auswirkungen durch die reduzierte Lebensweise und die ökologischen Vorteile kann ein Tiny House durchaus auch den Geldbeutel schonen. Denn ein Grundstück zu pachten ist oftmals um vieles günstiger als die monatliche WG-Zimmer-Miete. Nach einer größeren anfänglichen Investition folgen also weniger Ausgaben, als man sonst hätte. Da einige Tiny Houses autark sind, fallen häufig Strom- und Wasserkosten sogar komplett weg.

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