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Der Boden der Tatsachen – Zwischen Studium und Bauernhof

Der Boden der Tatsachen – Zwischen Studium und Bauernhof

Studium hin oder her. In den Semesterferien kann sich unsere Autorin vom Geisteswissenschaftler‐Dasein verabschieden und voll und ganz der Landwirtschaft widmen – ob sie das will oder nicht.

Fotos: Laura Weinmann

Landwirtschaft ist nicht einfach ein Beruf. Landwirtschaft ist ein Lifestyle. Es ist nicht mein Lifestyle, aber es wird zu meinem gemacht. Das lernt man relativ schnell, wenn man, so wie ich, auf dem Bauernhof aufwächst. Das Leben dort ist nicht ganz so romantisch, wie Kinderbücher das darstellen. Allein die Latzhosen‐Dichte ist schon sehr viel geringer. Und ich hatte im Kindergarten wohl öfter Gummistiefel an als auf dem Hof. Mittlerweile trage ich gar keine mehr, denn ich wandere mit Reclams bewaffnet durch die Hallen der Uni Bamberg. Aus den Augen aus dem Sinn dachte ich. Doch falsch gedacht.

Gemüse säen in den Semesterferien

Denn der Hof hört auch dann nicht auf zu existieren, wenn man „fort zum Studieren“ ist. Bamberg schön und gut, in den Semesterferien heißt es wieder „Hallo Schwabenländle“ und „Hallo Landwirtschaft“ für mich. Das ist natürlich nicht der Untergang der Welt, auch andere arbeiten in den Semesterferien, doch es ist eine Beschäftigung der anderen Art und Weise.

Jetzt im Frühjahr ist Setzen angesagt. Viele fleißige Hände stecken viele kleine Pflänzchen in die Erde, die dann bestenfalls zu Salat‐, Kraut‐ und Blumenkohlköpfen heranwachsen. Während also Kommilitonen in England ihre Sprachkenntnisse vertiefen oder in Marokko Pfefferminztee schlürfend durch die Souks laufen, sitze ich auf der Setzmaschine, mit der Salat in die Erde gepflanzt wird, und bestücke sie mit unzähligen kleinen Gemüse‐Sprösslingen.

„Viele fleißige Hände stecken viele kleine Pflänzchen in die Erde.“

Auf dem Acker kommen alle zusammen — Meine Eltern, mein Opa, meine Geschwister. Die ganze Familie ist dabei. Und wenn für manche schon zwei Stunden an Weihnachten mit der Familie viel sind, dann haben sie noch niemals fünf Stunden auf dem Feld mit ihnen verbracht.

Wenn mein Opa den Traktor fährt, dann endet das regelmäßig in lautstarken Debatten aller Art zwischen ihm und meinem Vater. Sobald er absteigt, ist das alles wieder vergessen. Genauso jede Diskussion, die auf der Setzmaschine ausgefochten wird. Der Streit bleibt auf dem Acker.

Auf der Setzmaschine ist es immer entweder sehr kalt oder sehr warm. Das ist sehr schlecht. Denn man ist darum entweder viel zu dick oder viel zu leicht angezogen. Meist sehe ich aus wie eine obdachlose Zwiebel, eingemummt in die zu großen Jacken von gefühlt drei verschiedenen Leuten.

Die kleinen Salatsetzlinge werden oben aus der Kiste aufs Förderband gelegt.

Profis schaffen 15 Setzlinge auf einmal

An den Händen ist es immer zu kalt, das ist Gesetz. Denn die sind nur in Gummihandschuhe gehüllt und müssen aber gleichzeitig die ganze Arbeit erledigen. Nasse Setzlinge rausnehmen, nasse Setzlinge fortbewegen, nasse Setzlinge in die Maschine stecken. Und dann das gleiche wieder von vorn. Stundenlang. Prinzipiell ist das Setzen eine sehr eintönige Beschäftigung. Wenn man es kann.

Sitzend steckt man dort Pflänzchen für Pflänzchen auf ein Förderband, die wahren Könner fast eine ganze Reihe aus der Kiste, die vor einem auf der Maschine steht. Das sind 15 Setzlinge auf einmal. Wenn es gut bei mir läuft, dann schaffe ich sechs. Das ist frustrierend. Denn wenn man es Stück für Stück macht, oder auch nur sechs und sechs, dann zieht man den Kürzeren. Der Traktor fährt nämlich weiter und damit läuft das Band der Setzmaschine. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister. Und es kommen ja schließlich noch einige Semesterferien auf mich zu.

So sieht der frisch bepflanzte Acker mit den Salatsetzlingen aus.

„Nichts erdet mehr, als auf allen Vieren über einen Acker zu robben.“

Natürlich könnte ich mir auch schönere Beschäftigungen für die vorlesungsfreie Zeit vorstellen. Allerdings gibt es keinen besseren Ausgleich zum Studium. Während des Semesters lese ich Gedichte, schaue mir die phonetische Struktur von Wörtern an oder debattiere über das Schengener Abkommen.

Dann komme ich heim und stecke Pflänzchen in eine Maschine, stundenlang. Das scheint eine eintönige Arbeit zu sein und ist es auch auf eine Weise. Andererseits entspannt es. Es lässt sich nirgends so gut denken und wenn man am Ende des Tages den vollgepflanzten Acker sieht, dann ist man zufrieden.

Man friert und ist verdreckt und hat Rückenschmerzen, aber man ist zufrieden. Und nichts erdet mehr, im wahrsten Sinne des Wortes, als auf allen Vieren über einen Acker zu robben und Salatpflänzchen nachträglich in die richtige Position zu rücken. Und wenn dann einige Wochen später der fertige Salatkopf vor einem liegt, dann ist das schon ein nicht ganz übles Gefühl. Denn Landwirtschaft ist nunmal ein Lifestyle und in den Semesterferien eben auch meiner.

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