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Coffee to stay — das Café Rondo bringt Bamberger zusammen

Coffee to stay — das Café Rondo bringt Bamberger zusammen

In Bamberg kennt man sich, im Rondo trifft man sich. Vom Straßenkehrer bis zum Anwalt – täglich kommen die unterschiedlichsten Leute zu Francesco Rubiu ins Café – auf einen Espresso und ein Stück Italien. Wir haben einen ganzen Tag im Café Rondo verbracht und erfahren, was die Menschen an diesem zunächst so unscheinbaren Ort zusammenbringt.

Titelbild: Lena Zarifoglu

6:59 Uhr.

Die Stadt ist noch nicht ganz wach. Einige tapfere Frühaufsteher huschen über die grüne Ampel an der Kreuzung am ZOB, ein Bus hupt, ein paar Vögel zwitschern. Ein sonniger Apriltag steht bevor, man rechnet mit 25 Grad. Francesco Rubiu öffnet mit ein paar mühelosen Handgriffen die Seitentüren seines Cafés. Heraus strömen intensiver Kaffeeduft und italienische Radiomusik, herein strömen weiche Frühlingsluft und das geschäftige Rauschen der Straßen.

Das runde, kioskartige Café Rondo steht auf einer Verkehrshalbinsel. Es befindet sich unweit des Busbahnhofs gegenüber vom Schönleinsplatz. Einen unromantischeren Platz hätte sich sein Betreiber kaum aussuchen können: Gemüsehändler, Bäcker und Bistrobetreiber bissen sich an dem 22‐Quadratmeter‐Häuschen an einer ehemaligen Bushaltestelle zuvor die Zähne aus. Dann kam Francesco – 27 Jahre ist das nun her. Von außen ist sein Café leicht zu übersehen, Touristen laufen fast ausnahmslos daran vorbei. Als ahnungsloser Passant vermutet man etwas Unscheinbares, vielleicht einen Kiosk oder eine Imbissbude. „Anfangs habe ich das Café gar nicht wahrgenommen, bin immer daran vorbeigeradelt“, erzählt Paula, die Kommunikationswissenschaft studiert und ihre Uni‐Pausen mittlerweile mehrmals die Woche mit einer Freundin hier verbringt. „Rondolieren“ heißt das bei den beiden.

Neugierig machen vor allem die vielen Menschen: Zu allen Tageszeiten – bereits jetzt, am frühen Morgen – scharen sie sich um das Café, dessen Fassade ringsum aus einer schachbrettartigen Fensterfront besteht. Es ist bei Weitem keine einheitliche Kundschaft, die hier täglich angeregt schwatzt, Kaffee trinkt, Pizza isst und Zeitung liest. An hohen Holztischen in der Sonne stehen Männer im Anzug und im Blaumann, junge Eltern mit Babys auf dem Arm, Studierende, Rentner. Unter ihnen Adolf Singer: Jeden Morgen kommt er vorbei, seit 24 Jahren. Und das nicht nur, um guten Kaffee zu trinken.

„Ich genieße die Gesellschaft hier. Es kommt jeder her, vom Obdachlosen bis zum Gerichtspräsidenten.“

Während des Interviews grüßt er im Minutentakt andere Gäste. „Das war meine Friseurin. Und der war mit meiner Tochter in der Schule“, erklärt er.

9:30 Uhr.

Wie jeden Morgen um diese Uhrzeit startet Franz‐Wilhelm Heller seinen Tag im Café Rondo. Auch für ihn sind Kaffee und Panini lange nicht der Hauptgrund für den Kultstatus des Cafés: „Im Rondo bekomme ich meine Erholung vor der Arbeit. Es ist wie ein Kurzurlaub in Italien“, schwärmt der Anwalt. Sobald er gesichtet wird, bereitet ihm einer der sechs Mitarbeiter unaufgefordert seine heiße Milch mit Honig zu – eine kleine Extrawurst, denn das Getränk steht nicht auf der Karte. „Außerdem unterhalte ich mich gerne mit Francesco. Er ist ein sehr philosophischer Mensch“, meint Heller.

Foto: Lena Zarifoglu
Foto: Lena Zarifoglu

Mit dem Traum von einem eigenen Café kam Francesco von Sardinien nach Deutschland. Bei ihm gibt es keinen Schnaps, wie in traditionellen italienischen Cafés üblich; dafür exzellenten Kaffee, sardinisches Süßgebäck, Panini und Pizza. Natürlich alles selbstgebacken, nach Omas Rezept.

13:00 Uhr.

Aschenbecher füllen sich, Zuckerstreuer leeren sich. Hier scheint der Alltagsstress auszusetzen, wenn auch nur für begrenzte Zeit. Selten sieht man jemanden am Smartphone. Ein Handwerker schlürft an der Theke seinen Cappuccino. Er kommt dreimal am Tag ins Rondo. Viel Zeit nimmt sich auch eine junge Frau, die mit ihrem Baby ins Café gekommen ist. Der Kleine sitzt auf dem Tresen und wird mit Milchschaum gefüttert. Viele seiner Gäste hat Francesco aufwachsen sehen, so lange kommen sie schon zu ihm, erzählt er.

17:00 Uhr.

Es wird getratscht, über Politik diskutiert, über Autofahrer geschimpft und über das Leben sinniert. „Hier werden manchmal wichtige politische Entscheidungen getroffen, aber auf einer lockeren Ebene“, erzählt Musiker Uwe Gaasch. Mit bunter Schiebermütze und verschmitztem Lächeln lehnt er an einem der Stehtische und trinkt seinen Espresso. Was das Café für Gaasch besonders macht, ist die Vielschichtigkeit, in der doch jeder gleich ist, vom Straßenkehrer bis zum Anwalt. Egal, wie viel Kundschaft sich gerade vor der Theke tummelt und auf Espresso besteht: Francesco läuft pfeifend herum und versprüht ein unbekümmertes Gefühl, das sich auf alle zu übertragen scheint. Nicht eine Sekunde wirkt er gestresst. Was er an seiner Arbeit am liebsten mag? „Die Pausen“, scherzt er. „Und dass man das Resultat von dem, was man tut, sofort merkt. Die Leute kommen gerne wieder.“

19:30 Uhr.

Die Hintergrundmusik mischt sich mit dem Rasseln der Kaffeemühle. Wo am Morgen elf prallgefüllte Kaffeetüten im Regal über der Theke standen, sind es jetzt nur noch sechs. Gabriele, Neffe von Francesco und Mitarbeiter des Cafés, schneidet Schinken für die Panini, räumt hinter dem Tresen auf und singt dabei zu Manu Chao, der aus den Boxen klingt. Er folgte seinem Onkel vor drei Jahren nach Deutschland und arbeitet seither im Rondo. „Das ganze Team ist wie eine kleine Familie“, erzählt er.

Foto: Lena Zarifoglu
Foto: Lena Zarifoglu

Die Chemie zwischen den Menschen vor und hinter der Theke, das Säuseln italienischer Sänger im Radio und der Kaffeeduft geben einem das Gefühl, für eine Weile zu entkommen. Nur kurz. Dafür aber mit Nachwirkung – das Rondo inspiriert. Es versucht nicht hip oder cool oder modern oder chic zu sein. Tatsächlich ist es keines dieser Dinge. Es ist einfach da, so wie es ist, mit von Plakaten übersäten, leicht eingestaubten Fensterfronten und bunt gemischter Stammkundschaft. Francescos entspannte Art spiegelt sich überall wider; alles, was er sagt, sagt er mit einem kleinen Zwinkern. Er hat einen Treffpunkt für die Bamberger geschaffen, eine Institution, eine Insel. Ein Stück Italien mitten in Bamberg.

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe vom 23. Mai 2018.

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