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Befreit Befriedigt?

Befreit Befriedigt?

Sex offen thematisiert zu haben, gilt als Verdienst der 68er. Ihre Ziele waren die Enttabuisierung und Emanzipation der Sexualität. Wie befreit ist die Lust der Frau heute?

Titelbild: Unsplash von Charles Deluvio

Ich stehe vor einem Sexshop

Rot‐weiß leuchtet das Orion‐Schild über meinem Kopf. Meine Gestalt spiegelt sich verzerrt in dem mit Kleiderpuppen bestückten Schaufenster. Ich will herausfinden, was aus der sexuellen Befreiung der 68er geworden ist. Bin ich hier richtig? Leopardenkleider, Leder‐Bodies mit tiefem Ausschnitt und Unterhosen, die die Genitalien atmen lassen, springen dem Betrachter ins Auge. Outfits, designt für die Lust des Mannes. Von der Lust der Frau ist noch nichts zu sehen.

Beim Betreten des Ladens wird sofort klar: Hier werde ich fündig. Gezielt steuere ich die Dildo‐Wand an. Dildos und Vibratoren in allen Farben, Größen und Formen, die danach schreien, gekauft und benutzt zu werden. Ich sehe einen pinken Vibrator, der sehr dem ähnelt, der zu Hause in meinem Nachtschrank liegt. Ein Geschenk einer Freundin nach einer Trennung, eine Aufforderung, meine sexuelle Lust nicht von Männern abhängig zu machen.

Völlig normal

Für die jetzige Generation sind Masturbation, Pornographie, Verhütung und Selbstbestimmung über das eigene Sexleben völlig normal. Doch völlig normal ist all das noch gar nicht so lange. Noch in den 60ern war der Trauschein mit einem Freibrief des Mannes für Sex gleichzusetzen. Erfüllte die Frau ihre sogenannte Beischlafpflicht nicht, konnte der Mann sich scheiden lassen und die Frau galt vor Gericht als verantwortlich für die Scheidung. Die Pille gab es damals nur für verheiratete Frauen, oft auch erst nach drei Kindern und nur mit der Einverständniserklärung des Mannes.

Ehehygiene?

Der erste Sexshop weltweit von Beate Uhse wurde 1962 unter dem Namen „Fachgeschäft für Ehehygiene“ eröffnet. Das Sortiment bestand aus Dessous, Magazinen, Aufklärungsbüchern, pharmazeutischen Präparaten und einigen Stimulationsartikeln. Hauptziele der Firma waren Verhütung und Aufklärung. Thematisiert wurde die Lust in der Ehe, nicht die Lust der Frau mit sich selbst.

Bereits aus der Antike sind Dildos bekannt, sie dienten der voyeuristischen Stimulation des Partners. Im 18. Jahrhundert entwickelten sich Dildos weg vom Erotikartikel hin zum medizinischen Hilfsmittel. Sie wurden zur Erweiterung der Vagina vor der Entbindung genutzt und auch Vibratoren wurden zunächst gegen die angebliche Krankheit der „weiblichen Hysterie“ entwickelt. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde der Vibrator in der Werbung als medizinisches oder hauswirtschaftliches Gerät getarnt. In den 1920ern wurde er als Hilfsmittel gegen Verspannung und zur Erhaltung der Schönheit und Jugend der Ehefrau beworben, später als Gerät zur Hygiene, Menstruationsregelung und Hautpflege.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts, besonders im Zuge der 68er, brachte die sexuelle Revolution einen schamfreieren Umgang mit Sexspielzeugen mit sich. Tarnung hinter medizinischen Zwecken war nicht mehr nötig. „Die Bewegung um 1968 hat bewirkt, dass sich Männer und Frauen mehr mit Sexualität auseinandersetzen“, erklärt die Soziologin Martina Löw.

Die Enttabuisierung von Masturbation ermöglichte auch den Frauen, ihren Körper schamfreier zu entdecken.“

Sie spricht von der Enttabuisierung von „Homosexualität, Masturbation, außerehelichem Geschlechtsverkehr und Sexualität zwischen mehreren Menschen.“

Wie sieht es mit der Masturbation heute aus?

Ich will die Meinung einer Expertin. Christine Küffner ist seit zwölf Jahren Geschäftsführerin bei Orion und bereit, mir einige Fragen zu beantworten. Wie hat sich das Sortiment für Frauen in den letzten Jahren entwickelt? „Es hat sich um 100 Prozent verbessert“, sagt Küffner. „Es ist vielfältiger, farbiger und von der Qualität her wesentlich besser geworden.“ Die Materialien seien hochwertiger geworden, weg vom nicht Vagina‐freundlichen Jelly hin zur Verwendung von Silikon. Weg vom harten, einfachen Vibrator, der nur als Stab fungiert und hin zur Stimulation der Klitoris und des G‐Punkts der Frau. „Hersteller beschäftigen sich mehr und mehr mit der Lust der Frau“, sagt Küffner.

Der Penis ist nicht mehr zwingender Bestandteil von Sex und Befriedigung“

Vor zwölf Jahren hätten die Dildos auch noch wie Penisse ausgesehen, erzählt die 57‐Jährige. Doch mit der Zeit seien sie immer bunter geworden und hätten sich wegbewegt von der Penisform. Die Lust der Frau ist nicht mehr an die anatomischen Gegebenheiten des biologischen Geschlechts gebunden. Der Penis ist nicht mehr zwingender Bestandteil von Sex und Befriedigung.

Lust ist teuer

Ein Blick ins Regal zeigt, wie weit die Veränderung der Form von Sextoys geht. Ich greife nach einem Gerät, das mehr einem Handventilator als einem Sexspielzeug gleicht. Ich halte es auf meine Hand und drücke auf den Knöpfen herum, plötzlich beginnt das Gerät meine Finger mit Druckwellen zu stimulieren. Oh. Keine Gebrauchsanleitung nötig. Ich schaue auf das Preisschild und erstarre, Lust ist teuer. 190 Euro.

Küffner erklärt die Technik dieses Hightech‐Vibrators, der anhand von Druckwellen die Klitoris stimuliert und von dem es heißt, er bringe die Frau in kürzester Zeit zu einem intensiven Orgasmus. Auch beiliegende Gleitgele versprechen dies. Werbungen für den „Womanizer“ sprechen von der Entdeckung einer alles verändernden Technik und dieses Versprechen scheint zu überzeugen.

Auf der Suche nach dem perfekten Orgasmus

Orgasmen. Klitorale Orgasmen. Diese Optimierung von Masturbation scheint mir nicht wirklich zu einer befreiten Sexualität zu passen. Auch Martina Löw beobachtet, dass diese Entwicklung nicht unumstritten ist: „Es wurde aber auch viel darüber gesprochen, dass die Fixierung auf den Orgasmus die Breite der Sexualität zu sehr einschränkt. Viele Frauen wollten keine Technik im Bett haben.“

Höhepunkte in der Timeline

Auch auf Social Media liegt der Fokus immer mehr auf Orgasmen: Erika Lust, Produzentin feministischer Pornos, hat auf ihrem Instagram‐Account die Challenge „one orgasm, one victory“ gestartet. Im Laufe dieser Challenge fordert sie auf zu rebloggen, wenn man heute schon einen Orgasmus hatte. Unter dem Hashtag #cumoutloud sollen Follower ihr Orgasmusgesicht posten. Doch mit dieser Fokussierung auf Orgasmen geht eine Ausgrenzung derer einher, die nicht zum Höhepunkt kommen.

Beim Verlassen des Shops bin ich in Gedanken versunken. Die Frage um die sexuelle Befreiung erscheint nun kontroverser als beim Betreten des Ladens. Die Lust der Frau ist nicht nur enttabuisiert, sie ist emanzipiert. Doch ist die Frau sexuell befreit? Sie ist selbstbestimmt, hat sich aber verfangen im Optimierungswahn unserer heutigen Gesellschaft. In unserem Perfektionismus.

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe vom 9. Juli 2018. In Mitarbeit von Alexander Viertmann.

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