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Angezählt

Angezählt

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn du hustest und plötzlich ist da Blut
in deiner Hand. Es ist eine Mischung aus „Oh mein Gott, ich muss
sterben“ und „Was bin ich doch für eine harte Sau“.
Titelbild: Manuel Grygier

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Ich habe weder im Trainingsbetrieb noch als Zuschauer je schwerere Verletzungen erlebt. Vielleicht bin ich deshalb leicht nervös, aber doch zuversichtlich um sechs Uhr aufgestanden, um zu meinem ersten Turnier zu fahren. Nach dem Wiegen heißt es erst einmal warten. Der Kampf ist erst auf sechzehn Uhr angesetzt. Genug Zeit, um vorher die anderen Kämpfe zu verfolgen. Schon in einem der ersten geht ein schmächtiger Typ zu Boden, als ein Berserker von einem Boxer auf ihn eindrischt wie auf einen nassen Sack Reis. Als einige Kämpfe später ein nicht ganz so schmächtiger Typ einen Volltreffer auf den Kehlkopf abbekommt, und weder sprechen, noch richtig atmen kann, ist es für mich Zeit mich zu verdrücken, um meine Motivation zu erhalten. Es ist tatsächlich wie John Scully, ein amerikanischer Preisboxer, einmal sagte: „Niemand, der noch nie zuvor geboxt hat, kann sich vorstellen, wie die letzte Stunde vor einem Kampf an den Nerven zehrt. Die letzte Stunde genügt, um dich fertigzumachen, egal wie viel Mut, Leidenschaft und Hingabe du besitzt.“

Erste Runde
Du kannst versuchen, fokussiert zu bleiben und dir nicht zu viele Gedanken zu machen, aber der Druck bleibt. Du besprichst noch kurz mit deinem Trainer die Taktik. Dann bekommst du deinen Kopfschutz aufgesetzt, und es geht in den Ring. Auch wenn es nur ein kleiner Ring ist, auch wenn nicht viele Zuschauer da sind: Es ist das erste Mal, dass du ganz allein in der Mitte stehst. Jetzt kommt es nur noch auf dich selbst an. Jemand schiebt dir den Zahnschutz in den Mund. Du kannst endlich deinen Gegner sehen, ihr gebt euch die Hände. Du hörst ein „Ring frei, Runde eins“, den Gong, das „Box“-Kommando des Ringrichters. Und der Kampf beginnt.
Jetzt ist dein Kopf frei. Du siehst deinen Gegner, für Angst ist jetzt kein Platz mehr. Du tust das, was du im Training gelernt hast. Mit der Führhand anboxen, eine erste Links-Rechts-Kombination, bekommst selbst den ersten Treffer ab. So schlimm ist es gar nicht, auch nichts anderes als ein hartes Sparring. Die Konzentration ist in diesen ersten Momenten des Kampfes unfassbar hoch. Selbst ohne dich viel zu bewegen, merkst du wie dein Puls ansteigt. Dein Zeitgefühl ist weg.
In der zweiten Runde verpasst dir dein Gegner einen schmerzhaften Haken an die Herzspitze. Es sticht im Brustkorb, irgendetwas knirscht bei jeder Bewegung und brennt wie die Hölle. Deine Kondition ist weg. Über Monate mühsam antrainiert, und plötzlich ist sie weg. Es ist schwer, überhaupt noch die Fäuste oben zu halten. Der Gong rettet dich in die Pause.
Und dann steht er plötzlich vor dir, dein innerer Schweinehund. Er flüstert dir ins Ohr, wie schön es doch wäre, jetzt aufzugeben. Einfach aufzugeben und die letzte Runde ausfallen zu lassen. Und dann siehst du sie ganz klar: die Grenze — sie ist ganz deutlich. Du überschreitest sie in der Sekunde, in der du trotz deiner Schmerzen noch einmal aus der Ringecke in die Mitte trittst. In der Sekunde, in der du nach einem harten Wirkungstreffer den Schmerz aus deinem Körper presst und noch einmal nach vorne marschierst. Du siehst deinen Gegner — ihm geht es wie dir. Und dann schlägst du, obwohl jeder Muskel und jede Sehne in deinem Körper brennt, obwohl du wie ein Ertrinkender nach Luft schnappst.
Von draußen hörst du einzelne Schreie. „Anboxen, anboxen, links rechts!“ „Jetzt du, jetzt du!“ Beim Boxen ist es wie bei jedem anderen Sport: Die da draußen am Rand wissen alles besser. Aber die da draußen wissen nicht, was du gerade fühlst, deren Mund ist nicht so staubtrocken, als wären sie drei Tage ohne Wasser durch die Wüste geirrt und die da draußen wissen auch nicht, dass du Schmerzen bei jeder Bewegung hast. Du weißt gar nicht, wer da eigentlich schreit und wer gemeint ist. Das, was von deinem taktischen Verstand noch wach ist, versucht etwas von dem Gebrüll umzusetzen.

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Erster Schlag
Du siehst wie sich deine Hände bewegen. Ganz langsam, zu langsam, aber der Gegner reagiert auch nur in Zeitlupe und du triffst. Er geht zurück, du gehst nach, hast keine Kraft mehr, der andere kontert und er trifft. Und jeder Schlag trifft ausgerechnet deine lädierte Körperseite und quetscht deinen Brustkorb zusammen, als würde ein Laster darüber fahren.
Dann ist die Runde plötzlich vorbei, eine unglaubliche Last fällt von dir ab. Ihr liegt euch in den Armen. Dein Gegner und du. Hast du das nicht immer für kitschig gehalten? Weiter geht es zur anderen Ecke, „Touch-Gloves“ mit dem Trainer, dem Ringrichter. Du hast auf einmal Platzangst, kriegst keine Luft mit dem Mundschutz, der Kopfschutz schnürt deine Kehle ein, deine Hände stecken in riesigen Handschuhen. Endlich nimmt dir jemand den Mundschutz raus, zieht dir die Handschuhe ab. Du reißt den Kopfschutz herunter und atmest durch, trinkst Wasser in kleinen Schlucken wie ein Verdurstender und kannst nicht fassen, was passiert ist. Du hast es geschafft, das Adrenalin pulsiert noch in deinen Adern, du bist nicht fähig klar zu denken.
Mit wackligen Knien gehst du zum Gegner, oder ist er ein Freund? Es ist lange her, dass du dich jemandem so nahe gefühlt hast, er ist wie ein Bruder. Die Schmerzen in deinem Körper ziehen dich in die Wirklichkeit, aber du bist einfach euphorisch. Kein Weltmeister könnte glücklicher sein als du, dass du diesen ersten Kampf überstanden hast. Und du hast ihn gut überstanden. Gegen einen körperlich überlegenen Gegner hast du durchgehalten, du hast ihm zugesetzt. Keiner fragt, wer gewonnen hat, es gibt nur euch, zwei total erschöpfte Kämpfer – zwei Sieger.

Erster Rückschlag
Mit Schmerzen im Brustkorb landest du schließlich in der Notaufnahme, wo sie dir Blut abnehmen, mit Ultraschall deine Organe checken, dich röntgen und du in einen kleinen durchsichtigen Plastikbecher pinkeln musst. Am Schluss sagen sie dir, die Rippe sei nicht gebrochen, nur geprellt. Wo das Blut herkam? Mein Gott, man kann nicht alles wissen. Mit Ibuprofen schicken sie dich nach Hause. Zwei Wochen später eröffnet dir der Orthopäde deines Vertrauens, dass die Rippe wohl doch gebrochen war und in deine Lunge gestochen hat.
Im Boxen geht es nicht um das Austeilen.Im Boxen geht es um das Einstecken. Du kannst nicht gewinnen, wenn du nicht einstecken kannst. Das ist ein Erlebnis, das deinen Körper und deinen Geist auf das Äußerste beansprucht — eine elementare Erfahrung, ohne Umwege über abstrakte Größen wie Raum oder Zeit, ohne Entfernung, zwischen zwei Menschen. Bei aller äußeren Brutalität bleibt ein Gefühl tiefer Freundschaft und Verbundenheit. Es ist in Wahrheit ein Triumph des Geistes über den Körper, ein Akt des Bewussten, des reinen Willens. Es ist der Sieg über dich selbst.

Text: Ralf Stöcklein
Foto: Manuel Grygier, Larissa Günther

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