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Es ist auch erlaubt, an Quatsch zu glauben

Es ist auch erlaubt, an Quatsch zu glauben

Verschwörungstheoretiker*innen, das sind immer die anderen. So scheint es zumindest. Niemand will etwas damit am Hut haben, doch mit dem Beginn der Corona-Pandemie kamen auch Spekulationen um die Herkunft des Virus auf. Der Ottfried hat mit Dr. Marius Raab gesprochen, der an der Universität Bamberg am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre zur Psychologie von Verschwörungen forscht.

Fotos: Tom Radetzki, Anna Siemer

Bestechend sind Verschwörungen durch ihre narrative Form, erzählt uns Dr. Marius Raab im Videointerview. Sie seien nicht zwingend eine Vereinfachung der Realität, wie man vielleicht vermuten könnte. Oft seien sie viel komplexer als die tatsächlichen Ereignisse. Vor allem lassen sie sich nicht alle über einen Kamm scheren. Denn während sie auf der einen Seite zu gefährlichen Propagandamitteln gemacht werden können, drücken sie manchmal auch ernsthafte Sorgen aus. Sie können unterhaltsam sein, wie in Dan Browns Roman “Illuminati”, sie können sich aber auch als wahr herausstellen, wie in der NSA-Affäre oder dem VW-Dieselskandal.

Bei dem Wort Theorie denken viele an Karl Poppers Falsifikationismus.

Seit die Berichterstattung mit dem Beginn der Corona-Pandemie zugenommen hat, gibt es ein neues Bewusstsein für Verschwörungen. Viele Journalist*innen haben angefangen von Verschwörungserzählungen zu sprechen, anstatt von Theorien. Sie wollen die Spekulationen mit dem wissenschaftlichen Begriff der Theorie nicht aufwerten. Da Raab nicht zu den Inhalten, sondern den psychologischen Aspekten der Verschwörungen forscht, ist die klare Abgrenzung für ihn nicht sinnvoll. Er benutzt den Begriff Verschwörungstheorie. “Bei dem Wort Theorie denken viele an Karl Poppers Falsifikationismus. Aber auch Theorien aus dem Soziologischen oder der Literaturwissenschaft sind oft kaum oder nicht falsifizierbar, weil sie schwer empirisch fassbar sind oder sie keine Vorhersagen machen. Trotzdem ist es Wissenschaft. Darum sollten wir Nicht-Falsifizierbarkeit nicht per se als problematisch ansehen”, erklärt er. Der Falsifikationismus geht davon aus, dass eine Theorie nur dann wissenschaftlich ist, wenn sie widerlegbar ist.

Verschwörungen zeigen uns, dass wir uns häufig blind auf Informationen von anderen verlassen müssen — es falle viele Menschen schwer das zuzugeben, daher komme auch der starke Wille sich so vehement von ihnen abgrenzen zu wollen. Wer mit einem*r Impfgegner*in redet kommt schnell an seine eigenen Grenzen. An einem Punkt müsse man zugeben, dass man sich häufig auch einfach nur auf die Informationen von Behörden oder Institutionen verlasse, erklärt Raab.

Wer mit einem*r Impfgegner*in redet, kommt schnell an seine*ihre eigenen Grenzen

Jeder Mensch kann sich selbst in einer Situation wiederfinden, die ihm oder ihr unbekannt ist. In dieser Ungewissheit treten Verschwörungstheorien als Erklärungshilfe auf und können eine Anleitung geben, was zu tun ist. Dabei kann die Verschwörungstheorie unterschiedlichste Funktionen einnehmen. Sie kann unter Verschwörungstheoretiker*innen ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen oder ein Überlegenheitsgefühl. Sie kann auch beim Komplexitätsmanagement helfen: Sie ordnet zum Beispiel Ereignisse, die eigentlich zufällig sind, in den eigenen Wertekanon ein. Dass eine Tragödie durch böse Machenschaften ausgelöst wurde, ist manchmal einfacherer zu verarbeiten, als dass ein Zufall sie ausgelöst haben soll.

Ein Beispiel, bei dem Verschwörungstheorien ein Symptom für Unsicherheiten sind, ist die Maskenpflicht. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie erklärte das Robert-Koch-Institut Masken würden nicht helfen. Wenig später wurde dies revidiert und gesagt, eine Maske helfe immer nur den Mitmenschen, aber nicht dem*der Träger*in selbst. Zum jetzigen Stand wissen wir: Eine Maske schützt wohl beide Seiten, zum einen den*die Träger*in, aber auch die Personen, die ihr*ihm gegenüberstehen. Da die Diskussion über den Schutz monatelang öffentlich ausgetragen wurde, waren viele Menschen verunsichert und wussten nicht, wem sie glauben sollten. Raab ist der Meinung, dass die Politik ehrlicher sein müsse. Sie müsse zugeben können, wenn ihr ein Fehler unterlaufen ist. “Bei der Maskenpflicht geht es um etwas Intimes, um die eigene Gesundheit”, sagt er. Am Ende hänge es dann von den eigenen Wertvorstellungen ab, wem man sein Vertrauen schenkt.

Der Umgang der Medien mit Verschwörungen ist ein zweischneidiges Schwert. Raab erklärt, auf der einen Seite könne Unwidersprochenes den Anschein erwecken richtig zu sein. Auf der anderen Seite verbreitet sich eine Verschwörungstheorie durch die Medien noch schneller. Zusätzlich gibt es die psychologische Beobachtung, dass Menschen häufig vergessen, wo sie etwas gelesen haben. Also auch, wenn es eventuell nur ein Beispiel in einem Artikel für eine widerlegte Theorie war. Er wünscht sich, dass statt über Verschwörer*innen zu berichten, lieber die Verschwörungen selbst aufgeklärt werden.

In einem freien Land ist es auch erlaubt, an Quatsch zu glauben

Aber was mache ich denn, wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis Verschwörungen verbreitet? Dagegenhalten! Das klingt erstmal nicht erfolgsversprechend, aber viele Verschwörungstheoretiker*innen sitzen in einer Blase fest und es ist gut, sie und die stillen Mitleser*innen auf Facebook und Co. daran zu erinnern, dass es auch Meinungen außerhalb ihrer Blase gibt.

Wenn Freund*innen Verschwörungstheorien verfallen, ist es wichtig herauszufinden, welche Funktion sie für die Person einnimmt, um darauf zu reagieren. Empathie ist dabei ein wichtiges Stichwort und unumgänglich, vor allem dann, wenn die Person sich starke Sorgen macht. “Wichtig ist die Wortwahl, wenn wir über Menschen reden”, so Raab. Begriffe wie „Aluhutträger“ polarisieren den Diskurs und sollten daher vermieden werden, empfiehlt er. Fakten, die die Verschwörungstheorie entlarven und ihre Schattenseiten aufweisen würden, seien wichtig, um die Person “zurückzuholen”. Dabei solle man aber nie vergessen, so Raab: “In einem freien Land ist es auch erlaubt an Quatsch zu glauben. Wir müssen aber spätestens dann in die Auseinandersetzung gehen, wenn die Inhalte antisemitisch oder hetzerisch sind.“

Wer sich noch weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, kann sich den Podcast „Die Bamberger Psychokalypse“ anhören.

Marius Raab, Niklas Döbler und Prof. Dr. Claus-Christian Carbon, allesamt vom Bamberger Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre, thematisieren in diesem Podcast unter anderem den Umgang mit Verschwörungstheorien.

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