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Alternativloser Protest

Alternativloser Protest

Vor dem diesjährigen G7-Gipfel in Elmau veranstalteten verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen in München den „Internationalen Gipfel der Alternativen“. Dabei sollten der Politik der G7-Staaten ökonomische, ökologische, menschenrechtliche und friedenspolitische Ansätze gegenübergestellt werden.
Titelbild: Ramona Löffler

Ich habe das Gefühl, dass die Diskokugel an der Decke irgendwie fehl am Platz wirkt. Vielleicht sind es auch wir, stelle ich nach einem Blick auf die kommenden Veranstaltungen fest. Sommertangoball, Konzerte von The Waterboys und Ü30-Partys. Zumindest für die nächsten beiden Tage geht es in der Münchner Freiheizhalle eher unglamourös und wenig musikalisch zu.

Wir haben rechtzeitig Plätze ergattert und so habe ich die hereinströmenden Menschen gut im Blick. Junge Barfüßige und ältere Ehepaare setzen sich; als die etwa 400 Stühle belegt sind, auch auf den Boden, lehnen an der Wand, oft mit Einohr-Kopfhörern. Die internationalen Gäste werden simultan ins Deutsche, Englische und Spanische übersetzt. Einige blättern in der Gipfelzeitung, die über das Programm und die 14 Workshops informiert, welche am nächsten Tag etwa zu Flucht- und Asylpolitik, Landwirtschafts- und Ernährungssystemen und Austeritätspolitik am Beispiel Griechenland stattfinden.

Kritik und Alternativen
Bereits vor einigen Monaten wurde ich zusammen mit anderen ehemaligen und zukünftigen Freiwilligen von Mission EineWelt eingeladen, gemeinsam nach München zu fahren und am 3. und 4. Juni am Internationalen Gipfel der Alternativen teilzunehmen, der zwei Tage vor dem G7-Gipfel in Elmau stattfindet. Mission EineWelt ist neben anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Attac, BUND, Venro (Verband für Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe), Oxfam, Brot für die Welt und Misereor Träger der Veranstaltung. Zu den Unterstützern gehören die Grünen, die Rosa Luxemburg-Stiftung und die Linke. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ihre Kritik am G7-Gipfel in die Öffentlichkeit tragen, aber zugleich Alternativen vorschlagen möchten. So weit die Flyerankündigung. Ich bin gespannt auf die Umsetzung.

Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben, darüber sind sich die Veranstalter des Alternativengipfels einig. [Foto: Ramona Löffler]
Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben, darüber sind sich die Veranstalter des Alternativengipfels einig. [Foto: Ramona Löffler]

Vor dem offiziellen Beginn des Alternativengipfels treffen wir uns in der Gruppe und reden mit der Mitorganisatorin Gisela Voltz und Sven Hilbig, der bei Brot für die Welt als Referent für Welthandel und globale Umweltpolitik arbeitet. Kurz umreißt er die Geschichte des Gipfeltreffens, das vor 40 Jahren nach einer Idee Helmut Schmidts als Kamingespräch mit sechs Staaten begann, zur G7 und dann G8 wurde und nun nach dem Ausschluss Russlands wieder sieben Staaten zählt. Abgesehen von der Anzahl der teilnehmenden Regierungschefs weitete sich auch die Agenda der Treffen und das öffentliche Interesse daran aus.

Schöne Worte — wenig Taten?
Der Gipfel wurde in der breiten Bevölkerung auch wegen der millionenfachen finanziellen Ausgaben  – etwa 150 an der Zahl –  kritisiert, die umso fragwürdiger sind, wenn man den Ertrag des Treffens dazu in Relation setzen will. Die bei den letzten Treffen verabschiedeten Pakete waren oft eher mit schönen Worten gefüllt, als von konkreten Taten gefolgt. Aber globale Probleme wie Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung verlangen globale Lösungen – und globale Politik.

Das fordert auch die Auftaktrednerin Jayati Ghosh. Die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin, die in Cambridge promovierte und für den Guardian schreibt, weist in ihrer Rede klar und eindringlich auf die Konsequenzen hin, die die Politik der selbsternannten Gipfelstaaten für den globalen Süden nach sich ziehen. Für sie müssten die Regierungschefs der G7 für die Geister, die sie riefen, nun auch verantwortlich gemacht werden: Flüchtlingsströme, Umweltverschmutzung, Kriege.

„Ökonomie ist zu wichtig,
um sie den Ökonomen zu überlassen”

Die Rede der charismatischen indischen Professorin ist aufrüttelnd, die Beispiele anhand derer sie Zusammenhänge aufzeigt, die immer dem gleichen Muster des Machtkampfes folgen, sind bedenklich. Ökonomie sei zu wichtig, um sie den Ökonomen zu überlassen, sagt sie.

Aber was sind nun die Alternativen?
Das wird in der Podiumsdiskussion am nächsten Tag angesprochen, die für neun Uhr vorgesehen ist. Obwohl sie mir aufgrund der Uhrzeit und der ambitionierten Themenvielfalt „Wachstumsdogma, Klimawandel, Folgen für den globalen Süden und Flucht / Migration“ kaum kognitiv verarbeitbar erscheint, schaffen es die teilnehmenden Gäste, ihre Anliegen ansprechend und nachdrücklich zu vermitteln. Zudem sind ihre Arbeitsbereiche so unterschiedlich, dass jeder Beitrag neue Aspekte eröffnet. Da wären mit Hubert Weiger der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Getraud Gafus ist Teil der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.G., Tina Keller Mitglied im Koordinierungskreis von Attac und Anti-Kohle-Aktivistin, Luis Muchanga Geschäftsführer der UNAC, einer nationalen Bewegung von Kleinbauern in Mosambik, und auch Jayati Ghosh ist wieder mit von der Partie. Das Publikum wird immer mit einbezogen. Bei jedem Vortrag und den Diskussionen gehen Helfer durch die Reihen und verteilen Karten, auf denen Fragen an die Redner gestellt werden können, für deren Beantwortung dann auch ausreichend Raum geschaffen wird. Lösungen, da sind sich die Podiumsredner einig, müssen vom Volk gefordert und von der Regierung geschaffen werden. So weit, so simpel. Die Gretchenfrage, wie man großflächig Menschen für Anliegen sensibilisiert und vor allem aktiviert, die ihnen weit weg oder nicht relevant erscheinen, wird gestellt, aber es fällt schwer, sie zu beantworten. Man müsse immer wieder versuchen, Bewusstsein zu schaffen, in der Öffentlichkeit präsent sein, Aktionen und Demonstrationen veranstalten, sagt Hubert Weiger. Nur weil man nicht immer die gesetzten Ziele erreiche oder manche Aktionen nicht die geplanten Konsequenzen brächten, dürfe man nicht aufgeben. Das klingt ernüchternd, aber offenbart immerhin eine realistische und beharrliche Einschätzung.

Für Donnerstagnachmittag sind verschiedene Workshops angesetzt, die sich von den vorherigen Reden in ihrer Methodik allerdings leider nicht unterscheiden, was wohl auf die große Teilnehmerzahl zurückzuführen ist. Der Workshop zum Nahostkonflikt ist dann auch weniger aufgrund seiner Komplexität schwer nachvollziehbar, als aufgrund der viertelstündigen Monologe, mit denen der türkische Professor Sinan Birdal auf ihm gestellte Fragen antwortet.

Die Mittagspause ist nach dem vielen Input, den spanischen, englischen, kurdischen und portugiesischen Rednern wirklich nötig. Essen gibt es von der Volksküche, die Thaicurry, Reis und Salate vorbereitet hat, was wir in der Sonne genießen.

Manchmal braucht es einen Lichtblick, um nicht zu resignieren
Um das Problem der Klimagerechtigkeit näher zu illustrieren, ist für den nächsten Workshop die Menschenrechtsaktivistin Bettina Cruz Velázquez angereist, die dem indigenen Volk der Zapoteken angehört. Mit ihrem bunten Kleid, den violetten Bändern in ihren langen geflochtenen Haaren und ihrem einnehmenden und häufigen Lächeln wirkt sie sofort sympathisch. Vielleicht noch mehr, als sie es auch nach der Schilderung der desaströsen Zustände in ihrer Heimat beibehält. Ruhig, aber eindringlich spricht sie von internationalen Energiekonzernen, die in Mexiko Windparks bauen und damit ihre Heimat und Lebensgrundlage zerstören. Von den Drohungen, die sie erfährt und von den ungerechten Bedingungen, unter denen der Vertrag damals unterschrieben wurde, der nicht einmal auf Zapotekisch übersetzt worden sei. Von den vielen Arbeitsplätzen, die versprochen worden seien. Tatsächlich arbeiteten dort nun drei Reinigungskräfte. Dass sie trotzdem gerade hier in Deutschland ist und auf einem Alternativengipfel spricht, heißt, dass sie sich davon nicht einschüchtern lässt.

Schon allein für sie und einige der anderen inspirierenden Gäste hätte es sich gelohnt, herzukommen. So viele Menschen zu treffen, die sich über Länder- und Wirtschaftsgrenzen hinweg für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Umweltschutz einsetzen, ist beruhigend. In einer Zeit, in der ein Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen besitzt, als die restlichen 99 Prozent zusammen, sind sie der Lichtblick, den man manchmal braucht, um nicht zu resignieren.

Jung und Alt kamen auf der Großdemo am Odeonsplatz in München zusammen. [Foto: Ramona Löffler]

Ein schöner Ausflug
Auch auf der Großdemonstration, die sich den Workshops anschließt, tragen viele ihre Bedenken friedlich und bunt auf die Straße. Statt den erwarteten 10.000 sind fast 35.000 gekommen. Wir treffen Menschen jeden Alters, mit Forderungen, die sich sich meist ganz konkret auf die Freihandelsabkommen TTIP und CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) und deren Folgen beziehen. Dazwischen sieht man auch viele Peace-Flaggen und Luftballons, auf denen die Welt in Herzform abgebildet ist. Mehr Liebe, weniger TTIP. Wenig zu sehen von den 2000 bis 3000 gewaltbereiten Demonstranten, die Bayerns Innenminister Herrmann prognostiziert hatte.

Auf der Heimfahrt mit der Bahn sind wir noch ganz benommen von den Eindrücken der letzten Tage. Als uns ein verständnisloser Schaffner dann entrüstet darüber belehrt, dass Demonstrieren keinen Sinn mache, weil „die da in Elmau doch eh machen, was sie wollen“, fühle ich mich zwar schon wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. Aber der Ausflug war schön.

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