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Alltag im Ausnahmezustand – Mit dem Krankenwagen durch das Krisengebiet

Alltag im Ausnahmezustand – Mit dem Krankenwagen durch das Krisengebiet

Sonst ist er Student, aktuell ist er unterwegs im Rettungswagen. Und das genau im Raum Tirschenreuth, in dem seit Mittwoch die bundesweit erste Ausgangssperre verhängt wurde. Was Sebastian dazu bewegt hat und wie sein aktueller Alltag aussieht.

Fotos: privat

Eigentlich studiert Sebastian Brau- und Getränketechnologie an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. In seinem Alltag beschäftigt er sich daher vorwiegend mit Bier und dessen Herstellung. Als Mitte letzter Woche abzusehen war, dass sich der Semesterstart an den Fachhochschulen aufgrund der Corona-Pandemie verschieben würde, entschloss er sich, etwas zu tun und den bequemen Platz am Schreibtisch mit der Arbeit im Krankenwagen zu tauschen. Seit Samstag, den 14.03.2020, transportiert Sebastian mit dem KTW Corona-Patient*innen durch die Nordoberpfalz.

Anfang der Woche, so sagt Sebastian am Telefon, habe er noch via Skype die Sitzung des Freisinger Stupas verfolgt und sich dabei gedacht, wie banal die diskutierten Tagesordnungspunkte im Vergleich zur jetzigen Lage „da draußen“ doch wären. Dann der Anruf: Sein 69-jähriger Vater, ein Covid-19- Verdachtsfall. Als einer der ersten hat er sich potenziell bei einem Einsatz angesteckt. Er ist Notarzt im Landkreis Tirschenreuth. Die aktuellen Folgen einer solchen potenziellen Ansteckung, vor allem im ohnehin überlasteten Gesundheitssystem, sind ein gravierendes Problem. Die gesamte Besatzung des ausgerückten Rettungswagens, das heißt konkret drei hochqualifizierte Fachkräfte samt Notarzt, müssen vorerst in Quarantäne. Ein personeller Ausfall, der aktuell kaum zu bewältigen ist, sich aber diese Woche schon mehrfach ereignet hat.

Hilfe wird dankbar angenommen und weiter benötigt

Nach seinem Abitur im Jahr 2016 entschied sich Sebastian für einen Bundesfreiwilligendienst in der BRK Rettungswache Tirschenreuth in der nördlichen Oberpfalz, einer kleinen Kreisstadt an der tschechischen Grenze. Während seiner Zeit dort machte er zuerst einen Rettungsdiensthelferkurs und ließ sich danach zum Rettungssanitäter ausbilden. Seitdem fährt er sporadisch Einsätze im Krankentransportwagen auf ehrenamtlicher Basis. Im Normalfall befördert er dabei meist Dialysepatient*innen.  Den personellen Engpass im Hinterkopf entschied sich Sebastian gegen Ende letzter Woche dazu, als ausgebildeter Rettungssanitäter seinen Beitrag zu leisten. Er griff zum Telefon, rief den Leiter der Rettungswache an und bot seine Hilfe an. Sie wurde dankbar angenommen und wird weiterhin dringend benötigt – nicht nur in Tirschenreuth, sondern überall. Am Tag darauf schickte er eine formlose Bewerbung per Mail und ist seitdem kurzfristig hauptamtlich beschäftigter Rettungssanitäter. Im Kampf gegen Covid-19 steht er in der vordersten Linie und füllt aktuell Lücken, die immer größer werden.

Seine erste Schicht fährt er am vergangenen Samstag, den 14. März, ausgerechnet in Mitterteich, jener oberpfälzer Kleinstadt, die es nur vier Tage später als erste deutsche Stadt mit behördlich angeordneter Ausgangssperre zu trauriger, überregionaler Bekanntheit bringen sollte. Statt Dialysepatient*innen transportiert er heute vorwiegend hochansteckende Coronapatient*innen. Den Ernst der Lage schildert Sebastian nur zu eindrücklich. Neben Personal mangelt es zunehmend auch an dringend benötigtem medizinischem Material. Schutzausrüstung, die nicht nur einen selbst, sondern auch andere, weitaus gefährdetere Menschen vor einer Ansteckung mit CoV‑2 schützt und so Leben rettet. Mit jedem Tag aber wird dieses Material knapper und gleichzeitig, mit drastischer Zunahme der Fallzahlen, umso wichtiger.

Masken müssen mittlerweile rationiert werden

Während am Samstag noch die komplette Besatzung des Krankenwagens ihre Einwegschutzausrüstung nur einmal, wie vorgesehen, verwenden konnte und die Möglichkeit hatte, vor jedem erneuten Patient*innenkontakt die Masken zu wechseln, die mit zunehmender Tragedauer selbst zum Infektionsrisiko werden, müssen diese mittlerweile rationiert werden. Am Sonntagabend, dem Abend der bayrischen Kommunalwahl kommt es im Landkreis Tirschenreuth zu einer Wahlbeteiligung von über 70%. Gleichzeitig ergeht die Dienstanweisung, sämtliche Einsätze im Raum Mitterteich nur noch in voller Schutzmontur, also mit Kittel, Atemmaske und Schutzbrille zu fahren.  Am selben Abend, nach Schluss der Wahllokale um 18 Uhr sind überall in der gesamten Oberpfalz die Wirtshäuser übervoll. Man tauscht sich aus, trinkt, spricht über die Wahl und spekuliert, wer wohl der neue Bürgermeister im Ort geworden ist. Alltag. Unsichtbar und ungehindert verbreitet sich indes das Coronavirus.

Wenige Stunden darauf, am Montag, wird von der bayrischen Staatsregierung der Katastrophenfall ausgerufen und angekündigt, ab Mittwoch weitgehend das öffentliche Leben in Bayern herunterzufahren, die Kneipen und Wirtshäuser und all das, was nicht zur Grundversorgung gehört, zu schließen. #Flattenthecurve.

Eine neue Anweisung kommt: Material sparen

Zur gleichen Zeit ergeht an die Mannschaften der Tirschenreuther Krankenwagen eine neue Anweisung: Material sparen. Sie transportieren Corona-Patient*innen in die Kliniken, die jetzt schon am Anschlag arbeiten; täglich werden es mehr.  Ab Montag sollen die Fahrer*innen der Wagen ihre Kabine nicht mehr verlassen, damit sie keine Schutzausrüstung verbrauchen und nur im äußersten Fall den Patient*innen zusätzlich beim Einsteigen helfen. Am Dienstag ergeht, so sagt Sebastian, die weitreichendste Anordnung: Die zur Einwegverwendung gedachte Schutzausrüstung, darunter Masken, die mit zunehmender Tragedauer selbst ein Risiko werden, sollen jetzt die komplette Schicht hindurch verwendet werden. Eine Maske pro Person. Nach acht Stunden völlig durchfeuchtet. Ein noch vor wenigen Wochen undenkbares Szenario.

Bockbierfest als eine Ursache?

In Mitterteich verschärft sich indes die Lage: Die Zahl der am Coronavirus erkrankten Personen nimmt schlagartig zu; als Ursache des Ausbruchs in der Kleinstadt gilt, so zumindest der öffentliche Diskurs, ein Bockbierfest am 07. März. Eine ortsansässige Brauerei hatte die Veranstaltung als „Süffikus“, den „ultimativen Schutz gegen Corona“, als „Massen-Schluckimpfung“ auf Facebook beworben. Das Fest war gut besucht. Der Post wurde in der Zwischenzeit von der Facebookseite der Brauerei gelöscht. Mittlerweile müssen aus Mitterteich sieben Patienten, darunter ein neunjähriges Kind und ein 19-jähriger Mann beatmet werden. Sieben Beatmungsbetten, das ist die volle Kapazität einer kleinen Intensivstation.

Mitterteich zeigt, dass nicht nur die so genannten Risikogruppen von Covid-19 betroffen sind und steht gewissermaßen sinnbildlich für die umstrittene Konsequenz der Nichteinhaltung sozialer Distanzierung. Seit Mittwoch, den 18. März, wurde in der Kleinstadt eine polizeilich überwachte Ausgangssperre verhängt. Eine umstrittene Maßnahme, die von vielen aktuell auch bayern- und bundesweit gefordert wird, um der Ausbreitung des Virus Herr zu werden. Doch manche Experten, darunter der Präsident des Weltärzteverbandes Ulrich Montgomery, zweifeln im Verweis auf die weiterhin steigenden Fall- und Todeszahlen in Italien die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme an und kritisieren diese eher als Akt politischer Verzweiflung. Inzwischen hat die bayerische Staatsregierung eine allgemeine Ausgangssperre mit einigen Einschränkungen, gültig ab Samstag, 21. März 0:00 Uhr, verhängt.

Eine große Herausforderung, die nur gemeinsam zu bewältigen ist.

Die gegenwärtigen Umstände sind für alle neu. Niemand hat in der Bundesrepublik je etwas Vergleichbares erlebt und die meisten, die sich an die Pandemie von 1918 erinnern könnten, sind wahrscheinlich schon verstorben. Unsere Gesellschaft steht vor einer großen Herausforderung, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Nicht jeder kann von heute auf morgen Lücken im Gesundheitssystem schließen, aber jede*r kann im Rahmen seiner/ihrer Fähigkeiten einen Beitrag leisten. So klein und unscheinbar er auch sein mag. Beispielsweise können in nachbarschaftlich organisierten Aktionen für Mitmenschen mit erhöhtem Risiko einkaufen gehen. Genauso aber kann, soweit dies möglich ist, lokal eingekauft werden – auch online – um ortsansässigen Geschäften durch diese schwere Zeit zu helfen. Das wohl einfachste aber ist es, schlicht zu Hause zu bleiben und für die nächste Zeit die sozialen Kontakte weitestgehend in die digitale Sphäre verlagern. Während das Coronavirus sich weiterhin ausbreitet, fährt Sebastian täglich Einsätze in der besonders betroffenen Nordoberpfalz und leistet so seinen Beitrag zu einer gemeinschaftlichen Aufgabe, die jeden betrifft.

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