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Aktivismus mit Abstand

Aktivismus mit Abstand

Ein breites Bamberger Bündnis hat am Samstag unter dem Motto #fighteverycrisis auf besondere Weise demonstriert. Wir waren bei der ersten Aktion der linken und grünen Bündnisse Bambergs nach der Quarantäne dabei.

Fotos: Anna Siemer

Die Coronakrise hat in den letzten Monaten unsere volle Aufmerksamkeit bekommen. Nachrichten sind gespalten in “Corona” und “Nicht-Corona”. Wenn über Menschen, die auf die Straße gehen berichtet wird, dann meistens über sogenannte „Hygienedemos“, die für eine sofortige Lockerung jeglicher Coronaschutzmaßnahmen demonstrieren. Ist es im Moment überhaupt möglich, durch Demonstrationen die Aufmerksamkeit auf andere Themen zu lenken und sich gleichzeitig an Hygienevorschriften zu halten?

Protest im Netz

Demonstrationen verbindet man sonst mit großen Menschenmengen: Je mehr Menschen zusammenkommen, desto mehr Aufmerksamkeit wird den Themen, die sie ansprechen meist gewidmet. Aber genau diese Menschenmengen gilt es aktuell zu vermeiden. Protestbewegungen wie Fridays for Future stellt die Corona-Krise vor eine Existenzfrage. Wie schaffen sie es, ohne den wöchentlichen Schulstreik auf die Klimakrise aufmerksam zu machen? Es wurde online gestreikt; unter dem Hashtag #NetzstreikfürsKlima stellten Aktivist*innen Fotos von sich mit ihren Plakaten in die sozialen Netzwerke. Mit dem Hashtag #fighteverycrisis solidarisierten sich verschieden Aktionen, um auf die Krisen abseits von Corona aufmerksam zu machen. Dabei dachten die Aktivist*innen sich ganz unterschiedliche Wege aus, um Aufmerksamkeit für ihre Themen zu gewinnen. Die Mahnwache Asyl hat in Kooperation mit Geflüchteten statt ihren wöchentlichen Zusammenkünften am Gabelmann einen Podcast ins Leben gerufen und am 18. Mai eine symbolische Aktion abgehalten. Statt einer offenen Versammlung am Gabelmann hielten nur ein paar Aktivist*innen dort eine Rede, hoben Schilder in die Luft und stellten Feldbetten auf – symbolisch für die enge Unterbringung in Flüchtlingsunterkünften weltweit. Die Aktion wurde gefilmt und auf YouTube hochgeladen.

Kunstaktion statt Menschenmasse

Doch seit knapp einem Monat ist die Bamberger Innenstadt an Wochenenden wieder voller Menschen. Ist das ein Grund, auch wieder zu demonstrieren? Die Gruppierungen – ein breites Bündnis aus linken, grünen, feministischen, künstlerischen und Refugee-Welcome- Bewegungen — haben zusammen eine künstlerische Symbolaktion auf dem Maxplatz organisiert. Sie legen auf dem Maxplatz Banner und Plakate von vergangenen Demos, aber auch neu bemalte zu aktuellen Themen wie der Abwrackprämie, auf den Boden und stellen diese aus. An diesem Samstag, den 30. Mai, gestaltet es sich jedoch schwierig, die Banner auf dem Boden zu behalten. Der Wind bläst stark und die Demonstrant*innen müssen ihre Kunstwerke festhalten, bis jemand mit einer Rolle Klebeband vorbeikommt.

Als endlich alle Plakate halbwegs gesichert sind, beginnt die Veranstaltung um 14:30 Uhr offiziell. Sie müssen in einer Stunde wieder entfernt werden, solange darf die Kundgebung laut der vom Land Bayern vorgeschriebenen Infektionsschutzmaßnahmen maximal dauern. Alina, eine der Organisator*innen, schnappt sich das Mikrofon: „Könnten sich bitte alle externen Personen vom Platz entfernen?“ Die Teilnehmer*innenzahl der Kundgebung ist auf 50 Personen begrenzt. Die Demonstrant*innen sollen einen Mindestabstand von eineinhalb Metern zueinander einhalten. Trotz Alinas Ansage muss sie immer wieder Beistehende auffordern, sich die Plakate aus sicherer Entfernung durchzulesen. Sie findet die Vorgaben zum Infektionsschutz legitim. Zusätzlich zu den vorgegebenen Maßnahmen haben die Aktivist*innen sich dazu entschieden, während der Demo Masken zu tragen. Der Platz ist groß genug für die rund 30 Teilnehmer*innen, beim Ankleben der Plakate kommen sie sich trotzdem teilweise recht nah. An den vier Ecken des Maxplatzes stehen insgesamt sechs Polizeiwagen. Die Polizist*innen beobachten den Demoablauf und die Schaulustigen genau.

„Die Aktion wird auch medial aufgearbeitet, also können sich Interessierte die Plakate online genauer anschauen“, erzählt Alina. Sie weiß, dass sie online mit ihren Anliegen viel mehr Menschen erreichen können als an einem Nachmittag am Maxplatz. „Unsere Interessen sollen nicht in den Hintergrund rutschen“, sagt Alina. „Wir wollen zeigen, dass alle Gruppen, die sonst in Bamberg aktiv sind und Aktionen planen, immer noch da sind.“ Ihrer Meinung nach war es an der Zeit, wieder eine öffentliche Demo abzuhalten. „Mir persönlich ist es besonders wichtig, jetzt auf die Straße zu gehen, weil heute das Kohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz gegangen ist.“

Durch die großen Plakate werden die Themen trotz nur geringer Teilnehmer*innenzahl gut sichtbar.  Passant*innen bleiben stehen und beobachten den Aufbau oder hören den Reden zu. Während einige sich freuen, dass wieder über andere Themen geredet wird, gibt es am Rand auch kritische Stimmen. “Wir haben hier selbst gerade genug Probleme, da habe ich keinen Kopf für irgendwas in Brasilien”, erzählt eine Frau, die das Geschehen bei einem Eis beobachtet.

Pandemie verstärkt vorhandene Probleme

Nicht nur die Klimakrise, sondern alle Themen abseits der Bekämpfung der Corona-Pandemie sind aus dem Fokus gerückt. Dabei haben sich die Probleme nicht in Luft aufgelöst, sondern sich durch die Infektionsgefahr teilweise noch verstärkt. Von der Flüchtlingskrise in Moria, über die fehlende Unterstützung von Studierenden, deren Existenzgrundlage durch Corona bedroht wird, bis hin zur Absage des Kontaktfestivals sind die Beeinträchtigungen auf globaler und lokaler Ebene zu spüren. Dass die Tragweite der Probleme sehr unterschiedlich ist, scheint den Aktivist*innen bewusst zu sein. Der Vertreter des Kontaktfestivals beginnt seine Rede damit, dass ein ausgefallenes Festival nicht die Schwere der Reden vor ihm hat. Dies ändere nichts daran, dass sich auch um dieses Problem gekümmert werden muss.

Die Bamberger Aktivist*innen scheinen erkannt zu haben, dass sie zusammen mehr erreichen können als getrennt. Anstatt ihr eigenes Anliegen zu priorisieren, verfolgen sie jetzt alle ein gemeinsames Ziel.

„Durch die Pandemie müssen wir kreativer sein, um durch unsere Proteste Menschen zu erreichen und gleichzeitig sicher zu bleiben. Diese Aktion hat gut geklappt, ich bin zuversichtlich, dass wenn wir so weitermachen, unsere Anliegen durch Corona nicht verdrängt werden können“, sagt Alina. Die Kundgebung wird pünktlich nach einer Stunde beendet.

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