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Abgebogen

Abgebogen

Die meisten Menschen bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn sie ihre Grenzen überschreiten müssen. Darüber kann Christophe Woehrle nur lachen. Sein Leben ist ein Tanz über Schwellen – und manchmal sogar auf der Schwelle des Lebens selbst.
Titelbild: Maximilian Krauss

Christophe Woehrle hat das erlebt, wovon andere nur schlecht träumen. Er hat das gehört, was niemand jemals aus dem Munde eines Arztes hören will. Es sind nur zwei Silben, unscheinbar fast, die doch in der halben Sekunde, die sie füllen, ein ganzes Leben ins Wanken bringen.„Oh-oh.“
Dieses Leben, das immer wieder wunderliche Pfade nahm statt der geraden, begann 1969 zwischen den Grenzsteinen. „Ich bin im Elsass, im Grenzgebiet, geboren“, eröffnet Christophe seine Geschichte. Der Mann mit dem Pferdeschwanz und der ruhigen Ausstrahlung sagt „schwätzen“ und nicht „reden“. Er wuchs bei den Großeltern auf, sein Großvater „schwätzte“ mit ihm Deutsch, seine Großmutter dagegen Französisch. „Im Sommerurlaub im Schwarzwald hatte ich damals jedes Jahr mindestens zwei Wochen lang Kontakt mit ‚echten‘ Deutschen.“ Und er lacht, als wäre er dafür prädestiniert, in keine Schublade zu passen.
Dabei hat er erlebt, wie unbequem das sein kann, wenn die große Politik die Schubladen schließt. Das Elsass wollte nach dem Zweiten Weltkrieg am besten mit Deutschland nicht viel mehr gemein haben als eine Grenze. „Ich wurde in der Schule bestraft, wenn ich Elsässisch gesprochen habe“, erinnert sich Christophe. Er war 14 Jahre alt, als sein Großvater starb und mit der Arbeit in der Salzgrube auch der Ernst des Lebens begann. Die Schule musste er dafür zu seinem großen Bedauern abbrechen.

Ich schaue jetzt nicht mehr fern – zu gefährlich!

Christophe hat trotzdem einen Sinn für den Widersinn, den Spaß am Ernst des Lebens nie verloren. Er fühlt sich wohl auf den langen, unnötig verspielten Wegen. Vielleicht kann nichts das besser illustrieren als seine Einberufung zum Militär. Denn was andere als lästig empfinden, war für ihn eine Herausforderung: Er hatte Angst vor Hunden – also ging er zur Hundestaffel. Es ist nicht so, dass Christophe die inneren und äußeren Grenzen nicht wahrnimmt, die andere kennen; er ist nur einfach der Meinung, dass sie zum Überschreiten da sind.

Von Seife und Schweizern
Nach dem Militärdienst kehrte er in den Betrieb zurück, lernte und arbeitete in der Chemie. Bald gründete er eine Familie. Doch wann immer sein Lebensweg eine direkte Route einzuschlagen begann, sagte er einmal mehr „Ja!“ zu irgendeiner Abzweigung: Als ihn 1993 ein guter Freund fragte, ob er mit ihm nach Afrika reisen wolle, um Mädchen in Mali gegen Hepatitis B zu impfen, sagte er kurzerhand zu. „Ich habe dort Dinge gesehen, die man nicht mehr vergisst. Das hat meine Einstellung zum Leben schon grundlegend verändert“, berichtet er. Seine Tochter war gerade drei Monate alt, als ihr Vater nur mit einem Kumpanen, viel gutem Willen und einer Wagenladung voller Seife bewaffnet in eines der ärmsten Länder Afrikas aufbrach. Der damals 11‐jährige Malier aber, dem die beiden zu seinem ersten kleinen Marktstand als Seifenverkäufer verhalfen, ruft heute noch zu jedem Weihnachtsfest an – von seinem eigenen Mobiltelefon. „Heute ist er der King da!“, erzählt Christophe lachend, der sich von den Pointen all der kleinen Wunder, die seinen Pfad gesäumt haben, noch immer ebenso verblüffen lassen kann wie wir.
Sieben Jahre später wurde die Salzgrube, die nicht mehr rentabel war, geschlossen. Christophe beschloss, sein Glück in Basel zu suchen – ungeachtet all der gut gemeinten Warnungen, die die Schweizer als düsteres, gegen Elsässer wenig aufgeschlossenes Völkchen malten. Er ist nicht der Mann, der sich aufgrund der Meinungen Anderer nicht auf unbekanntes Gebiet wagt. „Die Sachen selbst zu sehen, ist immer besser“, sagt er; und diese Einstellung hat ihm mehr geschenkt als nur die Fähigkeit, seine Zuhörer mit seinem Schweizer Akzent zu amüsieren. Zum Beispiel die Erinnerung an seine freundliche Aufnahme bei den Eidgenossen und eine gute Zeit dort.

Ein letzter Gruß
Der Tag, an dem zwei kleine Silben die Zeit stillstehen machten, war ein Tag wie jeder andere. „Ich hatte viel gelebt“, berichtet Christophe. „Vielleicht auch zu viel.“ Er saß an jenem Abend des Jahres 2009 vor dem Fernseher, als ihn auf einmal ein stechender Schmerz durchfuhr. „Ich habe gedacht, ich gehe kaputt“, erzählt er. Krankenhaus, Röntgen – und dann das Furchtbare hören, dieses erbarmungslose und grauenerregende „Oh‐oh.“
„Die Ärztin hat mich dann gefragt, ob ich noch etwas vorhätte; denn wenn sie jetzt einen Chirurgen holen würde, würde ich gleich operiert werden.“ Doch Christophe hatte noch etwas vor. „Ich meinte: ‚In drei oder sechs Stunden, das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Ich fahre nach Hause, esse mit meiner Familie in Ruhe Abendbrot und erkläre ihnen alles. In der Zeit können Sie dann den Arzt holen.‘“ Er hatte zu diesem Zeitpunkt Gallen‐ und Lebersteine, die bereits weite Teile seiner Organe angegriffen hatten.

Ich hatte viel gelebt, vielleicht auch zu viel.

Am nächsten Tag verschlechterte sich sein Zustand nach der sechsstündigen Operation rasant. Seine Lunge drohte zu versagen. Seine Zellen wurden kaum noch mit Sauerstoff versorgt. Während die Vorbereitungen für ein künstliches Koma schon getroffen wurden, wurde seine Familie zu einem letzten Gruß gebeten. Seine Freundin erzählte ihm später, dass er zu ihr gesagt habe: „Wenn ich hier rauskomme, dann gehe ich wieder in die Schule!“
„Ich sehe noch überall Blut und den Arzt vor mir, der sagt: ‚Ich habe jetzt sechs Stunden an diesem Mann rumgearbeitet, der soll nicht sterben! Ich lasse dich nicht sterben!‘“ Doch Christophe wäre nicht Christophe, wenn er sich nicht auch für diese Geschichte eine überraschende Wendung für den Schluss aufgehoben hätte; wenn er nicht in einem waghalsigen Abbiegemanöver dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen wäre. Es dauerte drei Wochen, bis sein Körper einmal entschlossen „Ja“ sagte und sich langsam regenerierte. „So etwas vergisst du niemals“, sagt Christophe. Die Krankheit hat sein Leben verändert: „Ich schaue jetzt nicht mehr fern – zu gefährlich!“

„Ich probiere es einfach!“
Mit diesem großen Umweg erfüllte er sich einen Traum, der zwischen Elsass, Mali und Basel, zwischen Salzgrube, Familie und Beruf immer etwas verloren gegangen war: Er ging wieder zur Schule. „In der Chemie durfte ich nach meiner Krankheit nicht mehr arbeiten. Die Angebote des Arbeitsamtes waren LKW‐Fahrer oder Supermarktkassierer. Das war nicht, was ich für den Rest meines Arbeitslebens machen wollte.“ Dann spricht er einen Satz, der zu seinen liebsten gehört: „Ja, und dann dachte ich mir – ich probiere es einfach.“

Jeden Tag, wenn ich aufstehe, weiß ich, dass ich einen Tag mehr Glück habe.

Er bestand das Abitur an der Abendschule sehr gut, dann den Vorkurs für die Universität in Paris. Der Wunsch, neben der französischen auch die deutsche Paläographie (Wissenschaft von alten Schriften) zu studieren, verschlug ihn letztlich aber an die Universität von Straßburg und über ein Hochschulabkommen zu uns nach Bamberg. Seine Kontakte in der französischen Paläographie ermöglichten ihm, viel über französische Kriegsgefangene in Bamberg zu forschen. Deshalb ist Christophe Woehrle verantwortlich für den ersten Stolperstein Deutschlands, der für ein nicht‐jüdisches Opfer der Nationalsozialisten verlegt wurde: „Bernard Delachaux“, ist in der Bamberger Roppeltsgasse zu lesen. „Erschossen auf der Flucht“, erzählt Christophe, „nur dass man ihn leider von vorne erschossen hat.“

Auf der Route 66 nach China?

Inzwischen macht er seinen Master in Geschichte und bereitet schon seine Dissertation vor. Er hält in Deutschland Vorträge über französische Kriegsgefangene und in Frankreich über deutsche Paläographie. „Perfekt ist: In der Schweiz arbeiten, im Elsass leben und in Deutschland einkaufen!“ Er lacht. Seine Zeit auf der Schwelle zwischen Leben und Tod ist für ihn noch immer jeden Tag präsent: „Jeden Tag, wenn ich aufstehe, weiß ich, dass ich einen Tag mehr Glück habe.“ Und er hat nicht vor, diesen Tag ungenutzt verstreichen zu lassen. Jüngst hat er mit dem Cello‐Spielen angefangen – er, der in einer Country‐Band sang, bis sie zu erfolgreich wurde, und unter Herbert von Karajan in Wien Saxophon spielte. Christophe Woehrle hat tatsächlich auch viel erlebt, von dem andere nur gut träumen; und er hat auch das gehört, was andere gerne wenigstens einmal in ihrem Leben hören würden. „Route 66, USA und Kanada, das wäre schon noch ein Traum ... Aber wie soll ich sagen, was ich in zwei Jahren machen werde? Vielleicht treffe ich noch einen Chinesen, der mich nach China einlädt – wieso nicht?“

Ist Christophe Woehrle ein Ja‐Sager? „Ein Ja‐Sager? Ja, ich denke das könnte man schon so sagen.“
Und er schmunzelt.

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