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Ab vom Schuss

Ab vom Schuss

Kein anderer Stadtteil Bambergs hat einen so schlechten Ruf: Probleme mit Flüchtlingen, Schlägereien auf der Straße, dazu Drogen. Was ist dran an den Vorurteilen? Wie schätzen Bewohner die Lage ein? Ein Besuch.

Fotos: Ludwig Hagelstein

ZOB, Linie 905. Gereuth über Wunderburg. Sechs Haltestellen später: das Ziel, Gereuthstraße. An der Gereuth selbst wird in Bamberg kein gutes Haar gelassen. Sucht man in Bamberg nach einer Wohnung, wird einem von der Region jenseits des Münchner Rings abgeraten. Gereuth – „ein Viertel für die weniger gut betuchten Menschen“, schrieb der Fränkische Tag, man könnte es auch als das Ghetto Bambergs bezeichnen. In dunklen Nebenstraßen sollen Kriminalität und Drogenmissbrauch gerade hier keine Seltenheit sein. Bei den Bundestagswahlen Ende September erlangte die AfD hier 28 Prozent der Erststimmen, im Rest Bambergs erhielt sie nur knapp 11 Prozent. Aber wie sehen die Bewohner ihr Viertel? Was ist wahr? Was Vorurteil?

Fakt ist: Auf beiden Straßenseiten sind Blockbauten mit überdimensionalen Hausnummern zu sehen. Die Straßen sind wie leergefegt. Es regnet. Erst einmal die Straße geradeaus, dann links abbiegen. Dönerimbiss Filarakia, der Inhaber Imprachim Oglou steht selbst am Tresen. All die negativen Gerüchte und Vorurteile über die Gegend, in der er lebt, kann er nicht nachvollziehen. „Die Gereuth ist eine super Gegend. Die Leute hier sind alle sehr nett“, erzählt er. Zwischen seinen Fingern dreht er eine Zigarette. Er spricht von einem gemischten Publikum in seinem Laden, den er seit Anfang 2017 besitzt. Bekannt ist ihm das Viertel aber schon seit 30 Jahren. Ist er als Ausländer schon einmal diskriminiert worden? Oglou zuckt mit den Schultern.

Es gibt überall schlechte Leute. Aber man kann deswegen nicht ein ganzes Viertel als schlecht bezeichnen. Hier begrüßt man sich täglich.

Ab und zu gebe es natürlich auch mal Schlägereien, aber das sei in Städten ja auch üblich, erzählt er. „Ich fühle mich schon wohl. Es gibt immer welche, die keine Ausländer mögen, aber die Mehrzahl ist in Ordnung. Ich gehe dahin, wo der Kreis in Ordnung ist.“

Direkt gegenüber von seinem Imbiss liegt ein großer Spielplatz. Die Fläche ist vollgestopft mit Spielgeräten: zwei Schaukeln, ein Sandkasten, eine Rutsche. Von vielen blättert die Farbe bereits ab. In der Mitte steht, angelehnt an einen Mülleimer, ein Einkaufswagen. Es ist laut. Direkt neben dem Spielplatz verlaufen Gleise. Alle paar Minuten rattert ein Zug vorbei. Direkt vor den Gleisen, aber getrennt durch einen Maschendrahtzaun, befindet sich ein karges Fußballfeld, kein Grün ist zu sehen, auf dem Boden des Platzes liegt Schotter. Die Tore bestehen aus je drei Metallstangen ohne Netz. Trotzdem jagen zwei Jungs ihrem Fußball hinterher. Ihre echten Namen möchten sie nicht nennen, sie wollen lieber nach ihren großen Idolen Ronaldo und Neymar benannt werden. Von der angeblich negativen Stimmung in der Gereuth wollen Ronaldo* (11) und Neymar* (12) nichts wissen. Trotzdem wünschen sie sich etwas für ihre Heimat: Wiesen und richtige Tore für den Spielplatz.

Zurück auf der Straße:

Rechts ein Kindergarten, danach wieder Reihenhäuser. An einem Fenster hängt eine Deutschlandfahne. Gegenüber ein großes rechteckiges Gebäude: die BasKidHall. Pädagogin Janna Wolf  ist seit der Eröffnung der BasKidHall 2015 dort als Jugendbetreuerin angestellt und kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen, die dort ihre Freizeit verbringen. Hausaufgabenbetreuung, Sportangebote und „Chill‐Ecken“ gibt es hier. Der Aufenthaltsraum ist gemütlich eingerichtet: Sofas, ein Kicker und sogar eine kleine Küche, in der donnerstags gemeinsam gekocht wird. Daneben der bunt eingerichtete „Hausi‐Raum“, in dem die Jugendlichen sich gemeinsam mit den Betreuern schulischen Aufgaben widmen können. Aber nicht nur Jugendliche, sondern auch Senioren mit und ohne Behinderung treffen sich hier regelmäßig.

Die Nachfrage nach einem Mehrzweckraum sei groß gewesen, „da die Kids vorher viel auf der Straße unterwegs waren“, erzählt Janna Wolf. Der Raum werde von Kindern aller Ethnien und Altersgruppen genutzt, wobei der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund überwiege. Zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015 habe sie festgestellt, dass deutsche Kinder neidisch auf Flüchtlingskinder waren, weil diese Handys geschenkt bekommen hatten. „Es gibt in der Gereuth einen sehr hohen Migrationsanteil, aber trotzdem sind viele Leute ausländerfeindlich“, sagt die Pädagogin. Ist es wirklich so problematisch hier? „Gewalt, Kriminalität und Drogen sind hier schon ein Thema“, gibt sie zu. Deshalb sei es ihr wichtig, dass die Jugendlichen sich ihr anvertrauen können und mit ihr auch über diese Themen reden.

Rechts neben dem Aufenthaltsraum liegt die Sporthalle, gerade spielten etwa ein Dutzend Jugendliche darin Fußball. Der Ball fliegt überall hin – nur nicht ins Tor. Einer der Spieler: Tom*. Er ist 14 Jahre alt und wohnt schon immer hier, die BasKidHall besucht er jeden Tag seit ihrer Eröffnung. Auch ihm entgeht die Situation nicht. „Es gibt hier schon ein Problem mit Flüchtlingen“, erzählt er. Gerade abends sei es ihm manchmal etwas mulmig zumute, wenn er durch sein Viertel läuft. Zum Glück kenne er sich in der Gereuth bestens aus und weiß, wo er sich im Ernstfall verstecken kann. Anders sieht es bei Marley* aus. Er ist 16 Jahre alt und hat dunkle Haut, ein Opfer von Rassismus ist er noch nie geworden. Er wohnt erst seit 2009 in der Gereuth, fühlt sich hier aber wohl. Lässig lehnt er an der Wand der Sporthalle.

Wenn ich nicht wegziehen muss, dann bleibe ich auf jeden Fall hier.

Wieder zurück auf der Straße. Weiter. Gaststätte Försterklause, ein Familienbetrieb seit 1962. Kann man hier das Wahlergebnis mit 28 Prozent Erststimmenanteil für die AfD nachvollziehen? „Das braucht ja keinen zu wundern, wir sind hier direkt an der Quelle“, sagt Inhaber Karl‐Heinz Kuß. Er ist selbst ist im Viertel aufgewachsen. Mittlerweile fühlt er sich hier aber nicht mehr wohl. „Die Gereuth war schon immer ein Viertel für sozial Schwache, aber früher wurden wenigstens Müll‐ und Hausordnungen eingehalten. Jetzt wird in den Mülleimern nichts mehr sortiert.“ Das ärgere ihn am meisten an den Asylbewerbern. Mittlerweile kommen nur noch Stammkunden in sein Lokal, Laufkundschaft habe er schon lange keine mehr gehabt. Viele von ihnen, darunter Freunde und gute Bekannte, sind aus der Gereuth weggezogen. Auch Kuß hat bereits mit dem Gedanken gespielt. „In manchen Straßen wechseln die Besitzer der Gaststätten regelmäßig. Andere Straßen hier hat die Drogenmafia im Griff“, erzählt er. Oft sei die Polizei unterwegs. Die Schuld an dem negativen Image der Gereuth gibt er der Stadtbau GmbH und dem Stadtrat. „Die Leute werden hier mit Gewalt einquartiert. Die Asylbewerber werden hierher abgeschoben.“ Da brauche man sich nicht wundern, dass so viele die AfD gewählt haben – ihn eingeschlossen. „Ich habe nichts gegen Asylbewerber, aber man kann sie nicht sich selbst überlassen“, sagt Kuß. Er wünscht sich, dass der Stadtrat für Asylbewerber Lehrgänge anbietet, die zeigen, wie man sich in Deutschland zu verhalten hat. Insbesondere solle auf die Mülltrennung eingegangen werden. Von der großen Politik erwartet er aber keine Unterstützung. „Die GroKo hat ja auch keiner gewählt. Das haben wir nicht gewählt.“

Zurück auf die Straße und Richtung Bushaltestelle. Vorbei an den tristen Wohnblocks und blauen Mülltonnen. Am Ende der Straße der karge Spielplatz. Neymar und Ronaldo sind bereits gegangen. Zurück bleiben die tristen Metallstangen und der Schotterplatz. Ob sich hier in nächster Zeit etwas ändert? „Wir müssen uns um zirka 100 Spielplätze im Raum Bamberg kümmern“, erzählt Robert Neuberth, Amtsleiter des Garten‐ und Friedhofsamts Bamberg. Zur besseren Übersicht werden Listen geführt, welcher Spielplatz zuerst renoviert wird. Wann der Spielplatz in der Gereuth an der Reihe ist, war zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses unbekannt.

*Namen geändert

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