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Wild & Wicked: Scooter zerlegen Nürnberg

Wild & Wicked: Scooter zerlegen Nürnberg

Die Godfather des deutschen Kirmestechno liefern ein erinnerungswürdiges Konzert. Impressionen eines ungewohnten Genres.
Fotos: Jan Müller

Als Anfang Oktober ein Brief einer Eventfirma in meinen Briefkasten flatterte, hatte ich schon vergessen, was ich dort im Sommer bestellt hatte. Ich öffnete den Umschlag und inspizierte die herrlich kitschige Konzertkarte: Gold auf Schwarz stand da: „25 Years Wild & Wicked: Scooter in der Arena Nürnberger Versicherungen“. Sofort erinnerte ich mich an den wahnsinnig heißen Sommerabend, von denen es dieses Jahr so viele gab. Mein Mitbewohner hatte mich in einem Anflug von hitzeinduziertem Übermut zum Kauf eines Tickets überredet: „Scooter, Mann, das ist wie Rammstein und die Scorpions. Deutschlands Beitrag zur Musikkultur. Das muss man gesehen haben.“ Ich war überzeugt.

Ich stellte mich auf eine wilde Veranstaltung ein, die sämtliche musikalische Toleranz erfordern würde.

Ein paar Monate später, mitten in der genauso typisch deutschen Herbsttristesse, war ich mir nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war. Fünfzig Euro für Proletenmusik, die man sowieso nur ironisch feiern kann? Aber das Ticket war da und meine zwei Begleiter waren hochmotiviert. Die atmosphärische Vorbereitung bestand aus einigen Orangensaftmixgetränken und der YouTube‐Playlist „Best of Scooter“. Nope, immer noch nicht. Ich stellte mich auf eine wilde Veranstaltung ein, die sämtliche musikalische Toleranz erfordern würde. Glas leergetrunken und Knicklichter eingepackt, los ging‘s.

Wir kamen kurz nach Einlassbeginn an, vom Regen durchnässt, aber bereit für Schandtaten. Vor der Security bot sich uns passenderweise ein Bild wie vor einer beliebigen Großraumdisko. Ein junger Herr in gold‐weißem Slim Fit‐T‐Shirt, der sich lautstark mit den Türstehern über die gewerblichen Tätigkeiten ihrer Mütter austauschte. Gerne hätte ich den Ausgang dieser sachlichen Debatte verfolgt, die Kälte und die Neugier auf die musikalischen Darbietungen überwogen jedoch. Also rein in die riesige Halle, deren 11.000 Plätze fast alle ausverkauft waren.

Laserlicht in Nebelschwaden und tausende Hände, die frenetisch die computerverzerrte Stimme des Frontmanns H.P. Baxxter bejubelten.

Das Publikum war bunt gemischt. Irgendwo zwischen Familien mit Kindern und Jungs mit klobigen Buffalo‐Schuhen aus den 90ern erspähte ich meine alte Sportlehrerin (glaube ich zumindest). Wir kamen schnell mit einer Gruppe gutgelaunter Jungs in ihren späten Zwanzigern ins Gespräch, die Scooter noch aus der MTV‐Zeit kannten. Einer erzählte mir beim Bierholen: „Scooter hatten 23 Songs in den deutschen Charts, wusstest du das?“ Absolut nicht, ich war begeistert. Der Warm‐up‐DJ legte einen Rundumschlag Gute‐Laune‐Techno auf und die Euphorie der Leute um mich herum ließ die Vorfreude steigen.

Endlich verdunkelte sich die Halle und die ersten Synthesizer‐Klänge ertönten. Wir standen etwas weiter hinten, um den ganzen Dancefloor überblicken zu können. Von dort bot sich ein beeindruckendes Bild: Laserlicht in Nebelschwaden und tausende Hände, die frenetisch die computerverzerrte Stimme des Frontmanns H.P. Baxxter bejubelten. Der legte gleich richtig los, der Hans Peter: In knallenger Jeans, ebenso enger Lederjacke, gekrönt von den weißblonden Haaren heizte der Frontmann auf der Bühne herum, dass einem schwindelig wurde. Um ihn herum: leicht bekleidete Tänzerinnen, funkensprühende Gitarren und Feuereffekte ohne Ende.

Die Eingängigkeit der Melodien und die unterhaltsame Bühnenshow machten einfach Spaß.

Die Anlage lieferte eine brutale Qualität und ich verstand, dass die Musik, so stumpf sie auf heimischen PC‐Boxen auch sein mag, genau für solches Ambiente gemacht ist: riesige Hallen mit Lichtshow und tausend Kehlen, die die eingängigen Refrains mitsingen. Die ersten zwei, drei Songs amüsierte ich mich eher über die Menschen um mich herum. Nach den ersten Klassikern, die ich sogar kannte („How Much Is The Fish“, „J’adore Hardcore“), war ich komplett von der Qualität der Scooter’schen Variante des 90er Jahre‐Techno überzeugt. Die Hymnen Scooters mit den Lyrics von H.P. Baxxter boten keinen musikalischen Tiefgang, doch die Eingängigkeit der Melodien und die unterhaltsame Bühnenshow machten einfach Spaß. Nach drei Stunden voller Fistpumps, versuchter Jumpstyle‐Tanzeinlagen, Bierduschen und textunsicherem Mitgrölen war ich komplett am Ende, aber sehr zufrieden.

Falls ihr mal die Chance habt, geht zu Scooter. Es lohnt sich — versprochen.

In diesem Sinne, I feel hardcore, yeah yeah.

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